Dass sich die (Schweizer) Medienlandschaft im Umbruch befindet, gehört mittlerweile zu den Allgemeinplätzen. Der Service Public ist regelmässig unter Beschuss, das Publikum tendenziell überaltert und alle paar Wochen hört man wieder von einer anderen Redaktion, die «verschlankt», zusammengelegt oder anderweitig umgebaut werden soll.
Die Ursachen dieser Misere liegen unter anderem darin, dass die Verleger nicht so recht wussten bzw. wissen, wie mit der Digitalisierung umzugehen ist. Einfach gesagt. Werbung hat schon lange kein Papier mehr nötig, darum sind die Inserate- und anderen Werbeeinnahmen der Zeitungen über die Jahre eingebrochen, was zu einer medialen Finanzkrise geführt hat – die, genaugenommen, eine journalistische ist, aber dazu später.
Die sinkenden Werbeeinnahmen haben, befeuert vom Aufkommen der Gratiszeitungen und den Sozialen Medien als Informationsquelle, dazu geführt, dass die Medienlandschaft heute viel stärker konzentriert ist als noch vor 15 oder 20 Jahren. Die Verleger versuchen sich mit Skalen- und Verbundeffekten über Wasser zu halten, also mit möglichst hohen Auflagen und gemeinsamen Mänteln, wie es vor einiger Zeit auch den NZZ-Töchtern «Tagblatt» und «Luzerner Zeitung» widerfahren ist.
Die drei Grossen teilen sich den Markt
Die Schweizer Presselandschaft wird von drei grossen Playern dominiert – man könnte auch von einem Oligopol privater Medienunternehmen reden: Tamedia, Ringier und NZZ. 2001 kontrollierten sie laut dem Jahrbuch Qualität der Medien 2015 zusammen knapp die Hälfte des deutschsprachigen Pressemarkts, mittlerweile sind es über 80 Prozent.
An der Spitze steht Tamedia. 2016 setzte die Mediengruppe über eine Milliarde Franken um und erzielte einen Reingewinn von 122 Millionen Franken (im Jahr davor waren es 334 Millionen). Das «Familienunternehmen» Ringier befindet sich mit einem Umsatz von etwas mehr als einer Milliarde Franken auf Platz zwei und schloss das letzte Jahr mit einem Gewinn von knapp 23 Millionen ab (2015 war es die Hälfte). Die NZZ-Mediengruppe kann bei einem Umsatz von 442,7 Millionen Franken einen Gewinn von 23, 8 Millionen vorweisen (7 Prozent mehr als im Vorjahr). Daneben gibt es noch die AZ-Medien (Umsatz 235,7 Millionen) und die Somedia AG, die ihren Jahresbericht neuerdings nicht mehr veröffentlicht.
Diese Gewinne sind aber mit Vorsicht zu geniessen, denn mit Journalismus, dem einstigen Kerngeschäft, haben die Geschäftsmodelle von Ringier und Tamedia nicht mehr viel zu tun. Ihre Gratiszeitungen «Blick am Abend» und «20 Minuten» sind mehr Werbeprospekte denn ernstzunehmende journalistische Erzeugnisse, und ein Grossteil ihrer Einnahmen wird über Veranstaltungs-, Unterhaltungs- oder Vermittlungsdienstleistungen generiert, auf Plattformen wie local.ch, homegate.ch, jobs.ch, geschenkidee.ch oder starticket.ch.
Die NZZ-Gruppe setzt noch eher auf Publizistik und Journalismus, ist aber merklich nach rechts gerutscht – wobei das Wort «rutschen» eigentlich nicht korrekt ist, da es einen unbeabsichtigten Richtungswechsel impliziert. Bei genauerer Betrachtung war dieser Rechtsruck klar gewollt.
Wieso war nun eingangs die Rede von einer journalistischen Finanzkrise? Weil die grossen Medienunternehmen zwar wie oben beschrieben Millionen-Gewinne erwirtschaften, aber dieses Geld nicht den Redaktionen zugute kommen lassen, sondern diese stattdessen schröpfen und totsparen. Das ist bedauerlich, aber nicht überraschend. Mit Journalismus lässt sich momentan nun mal schlecht Geld verdienen. Allerdings führt die Gier der Verleger dazu, dass sie sich über kurz oder lang aus diesem Kerngeschäft zurückziehen.
Es braucht ein Gegengewicht
Dieser Meinung ist auch Ex-«Watson»-Chef und -Gründer Hansi Voigt. Zusammen mit dem ehemaligen «Watson»-Redakteur Olaf Kunz und dem Journalisten Simon Jacoby («tsri.ch») hat er deshalb den Verband Medien mit Zukunft initiiert, an dessen Gründungsversammlung im Juli auch Saiten dabei war. Der neue Verband, dem auch WoZ, «Tageswoche», «Republik», «Zentralplus», «Journal B», «Infosperber» und aus der Romandie «Bon pour la tête» oder «sept.info» angehören, versteht sich als Gegenentwurf zum Schweizer Verlegerverband (VSM), der von den grossen Medienhäusern dominiert wird – und letztlich auch deren Interessen verfolgt.
Wir «Medien mit Zukunft» wollen uns stattdessen aufs Kerngeschäft fokussieren: guten, demokratierelevanten Journalismus. Und den medienpolitischen Diskurs, etwa jenen um die Zukunft des Service Publics, mitprägen. Im Fall von Saiten kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Unsere Region ist Brachland in Sachen Medienvielfalt, deshalb ist es umso wichtiger, dass im neuen Verband auch eine Stimme aus dem Osten sitzt, genauso wie es die Stimmen aus der Romandie braucht, die noch viel stärker bedroht ist von der medialen Einfalt.
Mitte August ist nun bekannt geworden, dass die Ostschweizer Verleger-Familie Zehnder ihren Wochenzeitungsverlag an die «Basler Zeitung» (BaZ) verkauft hat, an der auch Christoph Blocher beteiligt ist. Der Herrliberger SVP-Miliardär ist neu also im Besitz von 25 Gratiszeitungen, die überwiegend in ländlichen Regionen verteilt werden und insgesamt etwa 800’000 Leute erreichen.
Umso dringender braucht es ein Gegengewicht.
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
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