Wenn man schlechte Angewohnheiten loswerden will, zum Beispiel die schaumige Süssigkeit jeden Tag, hilft es, sich zu fragen, was schwerer wiegt: der Disziplinschmerz beim Verzichten oder der Schmerz des Bedauerns, wenn man Jahre später mit den Folgen seiner Laster konfrontiert ist, in diesem Fall vielleicht Übergewicht oder Diabetes.
Ist das auch auf gesellschaftliche Aspekte übertragbar? Zum Beispiel auf den Journalismus? Was wiegt schwerer: der Disziplinschmerz, jene Leute und Gruppen, über die man schreibt, auch gleich selber – als Autorinnen – zu Wort kommen zu lassen oder der Schmerz des Bedauerns, wenn man später realisiert, wie viel gesellschaftliches Potenzial einfach verbrannt wurde, indem man jahrelang nur ÜBER und nicht MIT diesen Anspruchsgruppen geschrieben hat.
Die «NZZ am Sonntag» hat sich in der Ausgabe vom 13. Dezember für den Schmerz des Bedauerns entschieden. Der Anlauf war eigentlich gut: «Im Namen der politischen Korrektheit werden Bücher zensuriert, Künstler ausgeladen, Bilder abgehängt. Wie sich der tobende Streit um Meinungs- und Kunstfreiheit auf die Kultur auswirkt», so der Übertitel des sechsseitigen Kultur-Spezial-Teils.
Die Texte dazu waren teils durchaus lohnend. Samuel Tanner zum Beispiel, früherer Saitenautor, warf einen kritischen Blick auf die Schenkelklopfer an Rheintaler Turnunterhaltungen, die er jedes Jahr mitschreibt. Das Interview von Peer Teuwsen mit Sophie Passmann zum Gerücht Cancel-Culture war ebenso lesenswert wie entlarvend. Er fühlte sich von ihr belehrt – sie legte ihm nahe, sein «Dasein als Star-Feuilletonist» mal mit einem Politologiestudium zu «unterfüttern» – er fand: «Jetzt aber genug der Frechheiten.»
Weiter ging es um Political Correctness in der Kunst, um das «politische Klima», das die US-Lebensmittelindustrie dazu «zwingt», vertraute Werbefiguren wie Uncle Ben oder Mrs. Butterworth von den Verpackungen verschwinden zu lassen, um das Schweizer Nationalheiligtum Globi und um Blackfacing – als Aufmacher auf der Titelseite mit Walliser Schwarznasenschafen illustriert. Und es gab ein Quiz aus der Vergangenheit unter dem Titel «Mohr, Weib, Muselmann».
Mehr als ein Dutzend Texte und kleinere Beiträge. Das Problem: Sie wurden von weissen Menschen verfasst. Mit einer einzigen Ausnahme, Martin R. Dean, dessen Vater aus Trinidad stammt und indische Wurzeln hat. Sein Text zum spezifisch schweizerischen Rassismus und der Black-Lives-Matter-Bewegung gehört zu den besten. Vermutlich genau darum.
Den restlichen Beiträgen, die Blackfacing und andere koloniale bzw. rassistische Stereotype thematisieren, fehlt die Perspektive von Menschen of Colour komplett. Sehr unzeitgemäss und ein grosses Versäumnis, schliesslich ist die «NZZ am Sonntag» noch eine der wenigen verbleibenden Qualitätszeitungen.
Der Disziplinschmerz in diesem Fall wäre ja nicht allzu gross gewesen. Er hätte nicht darin bestanden, sich eisern in Verzicht zu üben und jeden Tag von Neuem gegen den inneren Schweinehund anzukämpfen, sondern schlicht darin, anderen einen Platz freizumachen und dafür ein bisschen über den Excel-Rand der bestehenden Autorinnenliste zu schauen.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.