Ein Anfang auf leisen Sohlen

In Kreuzlingen steht ein neues Kulturzentrum in den Startlöchern. Bekannte Gesichter mischen beim Kult X mit und haben dazu vom Stadtrat Startkapital erhalten. Sie wollen zeigen, was im Schiesser-Areal alles möglich ist. von Stefan Böker
Von  Gastbeitrag
Simon Hungerbühler (2.v.r.), Programm und Leitung, mit einem Teil der Betriebsgruppe: (v.l.) Benjamin Knaus (Technik), Lukas Huggenberg (Web), Christine Forster (Helfer), Stefan Böker (Klassische Medien), Valentin Huber (Gastro).

Das Kult X aufzubauen ist eine heikle Mission. «Wir sind auf den Goodwill der Nachbarn angewiesen», sagt Projektleiter Simon Hungerbühler. «Deswegen haben wir bereits im Vorfeld zu einer Infoveranstaltung eingeladen. Die Nachbarn boten ihre Mithilfe an und wir haben einen Vertreter ins Betriebsteam aufgenommen.»

Kulturmanager Hungerbühler ist in Kreuzlingen als Programmverantwortlicher der beliebten Kleinkunstbühne Theater an der Grenze bekannt. Vom Stadtrat erhielt er den Auftrag, den Grundstein für das langersehnte Kreuzlinger Kulturzentrum zu legen. «Die Idee ist, klein anzufangen. Zu zeigen, dass etwas läuft, es wachsen zu lassen», erklärt er. Und das möglichst, ohne Stress mit den Nachbarn zu bekommen.

Keine Lust auf Party People

Letzteres könnte sich allerdings als komplizierter als gedacht erweisen. Ort des Geschehens ist das Schiesser-Areal. Der ehemalige Industriekomplex ist von Wohnblöcken umzingelt. Besorgte Nachbarn haben schon vor dem offiziellen Start verlangt, die Parkplätze vor dem geplanten Eingang zu Bar und Bistrobereich für Gäste zu sperren. Weder sollen Party People im Hof Zigarettenpause machen, noch wollen die Nachbarn nachts Autotüren schlagen hören.

Es sieht so aus, dass der Eingang zum Kult X deswegen wohl um die Ecke verlegt werden muss. Er würde dann direkt ins Hochparterre führen, in einen Multifunktionsraum für alle Arten von Veranstaltungen. Rockkonzerte sollen hier, aus Rücksicht auf die Nachbarn, nicht stattfinden. Dafür ist eine Reihe mit Akustikkonzerten einheimischer wie internationaler Künstler in Arbeit.

Weitere Infos: facebook.com/kultigs/

An seiner Gründungsversammlung Mitte Dezember stellte das Betriebsteam des Kult X weitere Eckpfeiler des Jahresprogramms 2018 vor. Vom Filmfestival über Kabarett und Theater bis zur Lesung und einer Fotoausstellung sind einige Daten reserviert, die ohne Krach über die Bühne gehen, aber den einen oder anderen Nachbarn hinter dem Ofen hervorlocken dürften. Zudem sind für die meisten Aufgabenbereiche Verantwortliche gefunden, für Social Media, den Webauftritt, Werbung, Sponsorensuche, Gastro oder die Freiwilligenkoordination.

Betrieben werden soll das Kult X an den jeweiligen Veranstaltungen durch ehrenamtliche Helfer. Es haben sich bereits viele Freiwillige gemeldet, denn ein Kulturzentrum hat in Kreuzlingen viele Befürworter und steht schon länger auf der Wunschliste. Es ist sozusagen eine Kreuzlinger Herzensangelegenheit. Dies erklärt, warum der Stadtrat 70’000 Franken (20’000 sind für das Programm vorgesehen, 50’000 beträgt die Miete) im Budget 2018 bereitstellte und der Gemeinderat den Posten im Oktober durchwinkte.

Ganz frei sind die Macher aber nicht. Die Kultursubvention ist an eine Leistungsvereinbarung gekoppelt. Mindestens 15 Veranstaltungen müssen im ersten Jahr stattfinden. Nachwuchsförderung, aktive Mittelbeschaffung und die Zusammenarbeit mit der Pädagogischen Maturitätsschule sowie der PHTG sind weitere Forderungen.

Leiser Start, grosse Hoffnungen

Zusätzliche Brisanz gewinnt das Projekt dadurch, dass sich sowohl Theater an der Grenze als auch Z88 derzeit um die Zukunft an ihren jeweiligen Plätzen sorgen müssen. Nicht nur diese beiden wichtigen Kreuzlinger Kulturinstitutionen können ihre Hoffnung jetzt auf das Kult X als neue Heimat setzen. Für die Kreuzlinger soll das Kulturzentrum indes nicht nur ein Ort für Kino, Kunst, Musik, Tanz und Theater werden, sondern auch «ihr» Ort, an dem sie sich einbringen und verwirklichen können, wo sie sich wohlfühlen sollen.

Das Nutzungskonzept, welches die Arbeitsgruppe zu diesem Zweck ausarbeitet, soll im 2018 an den Stadtrat übergeben werden. Erfahrungen aus dem «leisen» Start werden hier eingeflochten. «Wer beim Betrieb helfen will, darf sich gerne melden», sagt Hungerbühler. Ebenso sei Feedback immer willkommen.

Wird der Pilotversuch ein Erfolg, könnte er ausgebaut werden und später gar einem finalen Kulturzentrum den Weg ebnen. Denn für das Schiesser-Areal existieren Umbau- und Erweiterungspläne inklusive Ersatzbau im Garten – der Traum vom «richtigen» Kulturzentrum. Ein solches Millionenprojekt müsste allerdings vors Volk. Den Anfang dazu soll das Kult X machen.

Stefan Böker ist Mitglied der Programmgruppe des Kult-X. Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw

Co­ver­cock­tail von Team Ne­gro­ni

Die Ost­schwei­zer Band Team Ne­gro­ni hat ei­ne Vi­nyl-Plat­te mit Co­ver­songs her­aus­ge­bracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gal­li­schen Gra­ben­hal­le ge­tauft.

Von  Jeremias Heppeler
01 4 2

Die Ab­sur­di­tät des War­tens

Pu­re Zeit­ver­schwen­dung oder end­lich mal ei­ne Pau­se im durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus der Ta­ge? Drei Per­for­mer:in­nen nä­hern sich dem Phä­no­men des War­tens künst­le­risch-wis­sen­schaft­lich an.

Von  Judith Schuck
Nummer ziehen Christoph Luchsinger Micha Stuhlmann Thomas Kessler web