Mit leichter Verspätung radelte ich einem städtischen Fluss entlang. Das LGBT-Referat, das vor mir lag, sollte keine grosse Sache werden. Wahrscheinlich erklärte ich in diesen 45 Minuten einfach einer Handvoll 17-Jähriger, was sie eh schon wussten.
Bei älteren Generationen erkläre ich in solchen Vorträgen jeden Buchstaben: Wofür steht das L? Wofür das G? – und dann, je nach Generation schwieriger: Wofür das B und das T? Jugendliche aber bringen erfahrungsgemäss mehr Vorwissen mit. Darum hatte ich mich entschieden, an diesem Nachmittag was anderes zu machen. Für jeden Buchstaben redete ich über ein Vorurteil und klärte dieses auf.
«Lesben sehen alle aus wie Männer», zum Beispiel. Beim «G» hatte ich den Entschluss gefasst, über das verbreitete Vorurteil zu reden, dass jeder schwule Mann Analsex hat. Nicht, weil es irgendwen was angeht, wer welche Praktiken praktiziert, sondern weil dieses Vorurteil männerliebende Männer auf ein sexuelles Verhalten reduziert. Ausserdem ist Analsex sowieso nichts Schwules, sondern geschlechterneutral.
Als Pointe hatte ich in meiner Powerpoint-Präsentation sogar eine semi-ironische Folie vorbereitet, auf der zwischen vielen Herzchen der Satz stand: «Jeder Mensch kann Analsex haben.» Einer Runde 18-jähriger Gymnasiast:innen traute ich diese Provokation ruhig zu.
Anna Rosenwasser, 1990, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Endlich kam ich an bei der Schule, noch immer schwer atmend, und wurde gleich in den entsprechenden Raum geführt. Der war aber zu meinem Erstaunen sehr… gross. Es war die Aula der Schule. Und im Publikum sassen: Fast zehnmal so viele Schüler:innen wie ich erwartet hatte. Da musste ich wohl das Briefing unsorgfältig gelesen haben…
Mein Blick wanderte in die vordersten Reihen, und ich erschrak. Da sassen keine volljährigen Gymnasiast:innen kurz vor ihrem Abschluss. Da sassen sehr junge Jugendliche. Sehr, sehr junge Jugendliche. Mir dämmerte langsam: Das war ein Langzeitgymnasium. Und ich würde vor der gesamten Schule referieren. Unwiderrufbar in meiner Powerpoint-Präsi: der Satz, dass jede Person Analsex haben könne.
Es blieb mir nicht viel Zeit, und in meinem Schock beschloss ich, es durchzuziehen. Nervös und mit etwas mehr Tempo, aber trotzdem mit der dazugehörigen Erklärung kämpfte ich mich durch das Vorurteil zum Buchstaben G; die ausserordentliche Reaktion des Publikums blieb aus.
Auf dem Nachhauseweg stiess ich mein Velo, statt zu fahren. Mein Herz schlug trotzdem schnell; vor Scham. Ich hatte über Analsex geredet vor mega jungen Jugendlichen. Ich war ein schrecklicher Mensch.
Erst nach vielen Metern und Minuten konnte ich wieder klar denken. Zum Beispiel an die Studien, die zeigten, dass Kinder durchschnittlich (!) im Alter von zwölf Jahren Pornos sehen. Oder daran, dass wertefreie Aufklärung an Schulen oft fehlt. Daran, dass Information über Sexualität nicht dasselbe ist wie die Aufforderung zu Sexualität – sondern eben genau umgekehrt erst ermöglicht, verantwortungsvoll und konsensbasiert zu interagieren. Uns allen wird – nicht nur in der Schule – beigebracht, dass Sex mit Scham behaftet ist. Genau diejenige Scham, die mich übermannt (überfraut?) hatte, als ich darüber gesprochen hatte.
Nach dem Vortrag waren Jugendliche aller Geschlechter zu mir gekommen, um sich für das Referat zu bedanken. Manche trugen einen regenbogenfarbenen Pin oder Ohrring. Viele schrieben mir später auf Instagram, ebenfalls voller Dankbarkeit. Keine:r von ihnen erwähnte die Folie zu dieser spezifischen Sexpraktik. Es war, als hätte ich nichts falsch gemacht. Ausser, dass ich ein Briefing wirklich unterirdisch unsorgfältig gelesen hatte.
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