Kürzlich hing ich mit einem Bekannten auf seinem Sofa rum, wir hattens grad kurz von Liebeskummer, er fragte: «Wie lange ist dein erster Liebeskummer her?» Ich so: «Ähm, 2011, also – zehn Jahre.» Oh.
Mein erster Liebeskummer und ich feiern also unser Zehn-Jahres-Jubiläum. Feiern wir das? Ist das dann eher eine Pride oder eine Beerdigung? Erscheint man an diesem Event voll schick oder mehr so locker-casual?
Locker war er nicht, mein erster Liebeskummer. Ich wurde so überrumpelt vom Traurigsein, dass ich heulend zu meiner Mutter ins Bett gekrabbelt bin. Das klingt jetzt so, als wär ich knapp eine Teenagerin gewesen, aber ich war 21.
Ich war wirklich geschockt, wie weh das tat. War das jetzt das Ende von allem, was sich jemals gut angefühlt hat? Ich weiss, liebe Lesende, das klingt jetzt -total dramatisch, aber: Liebeskummer ist dramatisch. Nicht im Sinne von: Ohje, sie macht wieder Drama. Sondern mehr im Sinne von: Das ist dramatisch, da müsste sie eigentlich Unterstützung kriegen.
Anna Rosenwasser, 1990, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Warum spricht eigentlich niemand darüber, dass ein Mensch mit Liebeskummer auch mal in Therapie gehen darf deswegen? Als würden wir nur dann professionelle Hilfe in Anspruch nehmen dürfen, wenn wir psychisch komplett am Abgrund stehen. Wenn wir nach einem Unfall eine Wunde haben, die nicht von alleine aufhört zu bluten, zeigen wir das ja auch sicherheitshalber einer Fachperson?!
Und dann das Wort: Liebeskummer. Kummer?! Liebe Lesende, verwendet ihr das Wort «Kummer» jemals unironisch, so im Alltag? Ich nicht. Für mich klingt «Kummer» wie ein Wort aus einem Reclambüchlein, in irgendeiner veralteten Geschichte, die ich im Gymi lesen musste. Obwohl: Nicht mal Werther hatte Kummer. Der hatte Leiden. Leid nimmt man ernst. Kummer nicht so.
Also erscheinen wir doch ganz in Schwarz an die Jubiläumsfeier? Hm. Ich weiss nicht so recht. Liebeskummer hat ja auch «lieb» drin. Er sagt uns, wie lieb uns jemand war. (Gewesen war.) Wir haben ja diese mühsame Tendenz, vergangene Lieben und Liebschaften als unschön oder unwichtig abzutun. Liebeskummer hindert uns teilweise daran. Und wird so aus Versehen dem «Lieb»-Aspekt gerecht. Zumindest für eine vorübergehende Weile.
Ein Programmpunkt der Jubiläumsfeier steht jedenfalls schon fest: Wir sehen uns Pannenvideos an. Einfach die Liebeskummer-Version. Schaut mal, da hab ich den Verlobungsring in den Rhein geschossen, ich Idiot, haha! Ui nein, der random Dude an dieser Party war ja wohl hart nicht mein Typ, aber rumgemacht haben wir trotzdem, höhö, Klassiker! Ah, an die Szene erinnere ich mich, als sie und ich zwei Tage nach dem Schlussmachen dachten, wir könnten jetzt easy zusammen in der Badi chillen! Lol! Rofl! Tränenlach-Emoji!
Nach dem humoristischen Pannen-Programmpunkt würde der Anlass dann mit einem Apéro enden, und der wäre symbolisch alkoholfrei, weil wir in zehn Jahren Liebeskummer gelernt haben, dass Alkohol ein Arsch ist. Und weil wir ja nicht am Liebeskummer-Jubiläum betrunken einem Ex schreiben wollen. Das wäre mega ironisch.
Aber anstossen, das würden wir. Aufs Dazulernen. Auf das Ernstnehmen und Durchleben aller Gefühle. Auf Menschen, die uns wehgetan haben. Und auf diejenigen, die es wert waren.
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