Saiten: Warum bist du Pflegefachfrau geworden?
Ronja Stahl: Für Bürojobs bin ich ungeeignet, ich brauche die praktische Tätigkeit. Gesundheit ist ein existenzielles Thema, denn es betrifft uns alle. Care-Berufe gehören zu den relevantesten Berufen, wir begleiten die Menschen, auch durch schwierige Zeiten. Diese wichtige und schöne Arbeit wollte ich leisten.
Im März 2023 hast du deine Ausbildung an der HF abgeschlossen, jetzt bist du festangestellt. Wie sehr klaffen Vorstellung und Realität des Berufs mittlerweile auseinander?
Die Jahre während der Ausbildung haben mir sehr gefallen. Ich habe in einem geschützten Rahmen viel Neues lernen können. Richtig auf die Welt gekommen bin ich erst als Ausgelernte. Der Nestschutz ist weg, die Verantwortung viel grösser. Heute betreue ich alleine durchschnittlich etwa sieben Patient:innen. Die Zahl variiert natürlich von Station zu Station, aber das Stresslevel und die Belastung in der Pflege sind generell sehr hoch, nicht nur im Akutspital.
In welchen Bereichen des Pflegealltags ist die Belastung am höchsten?
Einzelne Bereiche sind schwer zu nennen, ich würde eher von einer ständig hohen Grundbelastung reden. Durch den willentlich vom Unternehmen geförderten Personalmangel muss jede einzelne Pflegekraft mehr Patient:innen betreuen. Das führt durchgehend zu Stress. Punktuell kumuliert sich das. Es gibt Momente, in denen ich bei drei Patientinnen gleichzeitig sein müsste. Eine braucht Schmerzmittel, die andere muss in den OP und die dritte auf die Toilette. Solche «Spitzen» können gerade für junge Menschen und Berufseinsteiger:innen sehr herausfordernd sein. Auch weil es kaum Erholungszeiten beziehungsweise zwischendurch weniger strenge Dienste gibt.
Wie kommst du klar mit den unregelmässigen Arbeitszeiten?
Schichtarbeit ist sowohl physisch als auch psychisch eine Herausforderung. Somit mögen sie wohl nur die Wenigsten. Und die Bereitschaft dafür sinkt auch immer mehr, gerade bei den Jungen. Nicht zuletzt, weil die Löhne und Arbeitsbedingungen schlecht sind und die Anerkennung zu gering ist. Es kommt ja nicht von ungefähr, dass so viele Junge schon nach kurzer Zeit wieder aus diesem Beruf aussteigen.
Was wären denn angemessene Arbeitsbedingungen?
Das Gesundheitswesen bedingt Schichtarbeit, daran kann man nichts ändern. Aber es braucht genug Erholungszeit, zum Beispiel eine Viertagewoche bei vollem Lohn. Auch das Betriebsklima und die Wertschätzung spielen eine wichtige Rolle. Der relevanteste Faktor für mich ist aber die Bezahlung: Gemessen an der Verantwortung müssten es mindestens 6500 Franken auf 100 Prozent für Berufseinsteigerinnen sein. Jetzt sind es knapp 6000 Franken.
Ronja Stahl, 1996, ist diplomierte Pflegefachfrau. Sie hat zuerst Gesundheitsförderung und Prävention studiert und anschliessend berufsbegleitend die Höhere Fachschule HF absolviert. Noch bis Ende Jahr arbeitet sie in einem 80-Prozent-Pensum in der Frauenklinik des Kantonsspitals.
Wofür hättest du im Alltag gerne mehr Zeit?
Ich hätte gerne mehr Zeit, um Zeit zu haben. Um all meine Tätigkeiten ruhig und ohne Stress auszuführen. Um in aller Ruhe Blut zu nehmen. Um auch mal ein Gespräch mit Patient:innen und Angehörigen zu führen. Um die Dienstübergabe ordentlich zu machen. Und so weiter.
Worauf würdest du gern weniger Zeit verwenden?
Die Absprachen zwischen verschiedenen Stellen fressen viel Zeit, wenn wir uns zum Beispiel zwischen Ernährungsberatung, Operateur und Anästhesistin koordinieren müssen. Und natürlich die Falldokumentation. Wir schreiben ja immer noch vieles von Hand auf.
260 Stellen werden am Kantonsspital St.Gallen abgebaut, viele davon in der Pflege – was im krassen Gegensatz zur angenommenen Pflegeinitiative steht. Wie ist die Stimmung auf eurer Station?
Schlecht, gefrustet. Es herrscht sehr viel Unverständnis gegenüber der Geschäftsleitung und der Politik. Vieles hat sich aufgestaut. Aber es hat sich auch Widerstand geregt, wie die riesige Demonstration in St.Gallen im November gezeigt hat. Zum Teil bei Leuten, von denen ich es nie erwartet hätte. Vielen hat es offenbar «den Nuggi rausgehauen». Sie haben gemerkt, dass Nichtstun keine Option mehr ist. Dieser Prozess macht mir auch Hoffnung.
Was macht es mit dir, wenn der Spitalverwaltungsratspräsident sagt, das Personal müsse halt «intelligenter» arbeiten?
Der Kommentar war absolut höhnisch, weil er die Verantwortung aufs Personal abschiebt. Dabei würden wir ja gern intelligenter arbeiten, doch die Infrastruktur dafür fehlt. Stattdessen schlagen wir uns mit ineffizienten Prozessen herum. Wir schreiben zum Beispiel alle Medikamente von Hand auf, weil es kein digitales Dokumentationssystem gibt. Wenn also eine ältere Frau zu uns kommt, bringt sie den Medikationsplan vom Hausarzt mit, unsere Assistenzärztin töggelet diesen ein und verordnet ihn schriftlich und wir wiederum übertragen das alles nochmals von Hand in unser Dossier. Bei solchen Prozessen sehe ich viel Einsparungspotenzial. Und man könnte potenzielle Fehlerquellen eliminieren.
Wie wirkt sich der Stellenabbau auf deine Arbeit «am Bett» aus?
Für die Pflege bedeutet es noch mehr Stress, noch mehr Zeitdruck. Für die Patient:innen weniger Betreuung und über kurz oder lang eine ungenügende Versorgung. Eine deutsche Kollegin sagt: Wenn der Gesundheitsabbau weiter so vorangetrieben wird, werden wir in der Schweiz bald ähnliche Verhältnisse wie in Deutschland haben. Dort sind die Arbeitsbedingungen noch viel schlechter und der Personalmangel ist noch massiver. Auch die Privatisierung und der Konkurrenzkampf unter den Spitälern haben absurde Ausmasse angenommen.
Statt zu sparen, müsste man ja eigentlich Geld in die Hand nehmen, um die Gesundheitsversorgung auf gesunde Beine zu stellen. Wo würdest du investieren?
Zuerst in die Löhne der Geringverdienenden im Gesundheitssektor. Leider ändert das aber nichts am System. Denn selbst wenn Politik und Verwaltung mehr Geld sprechen würden, ist das Spitalwesen ja nicht befreit vom Markt. Die Privatisierung des Gesundheitswesens war wirklich eine der blödesten Ideen der bürgerlichen Politik in den letzten 20 Jahren. Es ist doch – fernab von jeglicher Ideologie – völlig absurd, dass unser Gesundheitssystem so durchkapitalisiert ist. Gesundheit ist keine Ware.
Wie würdest du die Gesundheitsversorgung neu denken?
Das ist wohl leider noch recht utopisch. Wenn, dann dürfte das Gesundheitssystem nicht mehr gewinnorientiert sein. Wir müssen wieder über eine Einheitskrankenkasse nachdenken. Oder über die Unterteilung in öffentliche und Privatspitäler. Und über die Rolle der Pharmaindustrie und der anderen Medizinalfirmen. Im Moment ist alles darauf ausgerichtet, dass gewisse Player Gewinn machen. Es profitieren offenbar gewisse Menschen und Konzerne sowie deren Lobby vom jetzigen System – nur sind das nicht die Patient:innen.
Was wünschst du dir von der Gesellschaft?
Es ist doch paradox: Wir alle wollen eine gute Gesundheitsversorgung, wir alle sind Patient:innen, aber viel zu viele Leute wählen Parteien, die den Gesundheitsabbau mit vorantreiben und für die jetzige Misere verantwortlich sind. Ich wünsche mir darum, dass mehr Parteien und Menschen gewählt werden, die sich für eine gesunde Gesundheitsversorgung einsetzen. Viele realisieren erst, wie wichtig diese ist, wenn sie selber im Spital liegen.
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