St.Gallen hat einen «Fall Gracia». Der Schriftsteller und Churer Bistumssprecher Giuseppe Gracia soll nicht im St.Galler Restaurant «Splügen» lesen. Dort wäre er vom Wirt Sam Owadja eingeladen gewesen – zeitgleich zum Adventskalender, der jeweils im Dezember den Pic-o-Pello-Platz Abend für Abend beglückt und beglühweint. Der organisierende Verein wollte Gracia aber nicht. Der «Splügen» musste ihn wieder ausladen. Das hat die Online-Plattform «dieostschweiz» bekanntgemacht.
Man habe von der Lesung nicht gewusst und wolle sich die «friedliche Stimmung» nicht durch einen Autor verderben lassen, «der gegen Homosexuelle hetzt und einen erbitterten Kampf gegen Abtreibung und Verhütung führt», sagt SP-Nationalrätin Claudia Friedl, die den Verein präsidiert, gegenüber dem «Tagblatt».
Man kann manches gegen Gracia haben. Er polemisiert und poltert in Kolumnen und Büchern, ist Sprachrohr des homophoben und stockkonservativen Bischofs von Chur, entwirft Verschwörungstheorien über den angeblichen linken Meinungsmainstream – und wird mit diesem Fall prompt und picobello darin bestätigt.
Dabei findet der Mann überall offene Türen, ist «Blick»-Kolumnist, wird mit seinen Büchern zu Lesungen landauf landab eingeladen, war in jüngerer Zeit im Rösslitor oder im Parterre 33 in St.Gallen zu Gast, ist bei jeder Kontroverse um den radikalen Islam ein gern gesehener Talk-Teilnehmer – von Meinungsterror oder davon, dass ihn die «Kulturszene» schneide, wie Gracia sagt, keine Spur.
Und das soll auch so sein. Eine offene Gesellschaft lebt vom offenen Wettstreit der Meinungen. Dass es dabei Grenzen gibt, wenn Meinungen menschenverachtend und hetzerisch sind, will Gracia allerdings nicht wahrhaben. Wenn Diskriminierungen kritisiert werden, heisst das bei Gracia «intellektuelle Infantilisierung des öffentlichen Raums». Sensibilität für genderverachtende Sätze oder rassistische Äusserungen sind für ihn, nachzulesen zum Bespiel in der NZZ, ein Zeichen für «Überempfindlichkeit und gefühlsduselige Rechthaberei».
Das Resultat solcher sich liberal gebender «Toleranz» für andere, aber vor allem für die eigene möglichst provozierende Meinung ist das öffentliche Geschrei, die Verluderung der Gesprächskultur, die Verwischung der Begriffe. Wer sich um Korrektheit bemüht, um die Reflexion von Machtverhältnissen und von diskriminierendem Reden und Handeln, muss sich dann den Vorwurf gefallen lassen, ein «Schöngeist» und «überempfindlich» zu sein.
Am Anfang dieser Entwicklung, an deren Spitze sich Gracia gerne sieht, standen Pöbeleien der SVP gegen «Gutmenschen» oder die «Linken und Netten», nach dem sich unschuldig gebenden Motto «Man wird ja wohl noch sagen dürfen…». An deren Ende steht die Barbarei. Irgendwo zwischendrin liegt die Grenze des Tolerierbaren. Die Gesellschaft, das heisst wir alle müssen sie aushandeln, vermutlich immer wieder neu. Und vermutlich heisst die Leitlinie: «Die Würde des Menschen ist unantastbar.»
Von Barbarei sind wir hierzulande zum Glück noch weit entfernt. Und so widerlich die Schreihälse und Wortverdreher sind, so sehr man den Verlust an Anstand im öffentlichen Umgang beklagen kann: Es ist der Preis, den die offene Gesellschaft zahlt. Einer wie Gracia soll öffentlich lesen. Wer daran Anstoss nimmt, soll sich dort einmischen. Lautstark. Und mit Argumenten, von denen es ja genug gibt.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
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