Kolumbus entdeckt das «Tagblatt»

Es sieht schlecht aus für das «St.Galler Tagblatt». CH Media, der neue Konzern von NZZ- und AZ-Regionalmedien, will national 200 Stellen abbauen. Und tauft sein Sparprogramm ausgerechnet «Kolumbus».
Von  Peter Surber

Über die konkreten Auswirkungen gibt es erst Geraune. Seit dem 1. Oktober ist das Joint Venture von NZZ-Regionalmedien und AZ Medien in Kraft, gerade einmal sechs Wochen später hat die mit Chefs aus Zürich und dem Aargau besetzte Direktion ein einschneidendes Sparprogramm verkündet.

Zehn Prozent der Kosten oder 45 Millionen Franken sollen gespart werden. Das bedeute einen Abbau von 200 Vollzeitstellen, rund ein Zehntel der heutigen Belegschaft, teilt das Medienhaus mit. Das Ganze wird als «Integrationsprogramm» bezeichnet und soll die Zukunftsfähigkeit von CH Media sichern – schliesslich, sagt CEO Axel Wüstmann gegenüber persoenlich.com, habe man den neuen Konzern «für die nächsten Jahrzehnte gegründet, nicht nur für ein paar Jahre».

Zehn Prozent: Soviel werde der Print-Werbemarkt pro Jahr schrumpfen, befürchtet Wüstmann. Die Sparübung soll diese Einnahmenausfälle kompensieren.

Abbau «in allen Abteilungen»

Wo Stellen gestrichen werden, wisse man noch nicht, sagt Wüstmann. 40 Projekte und über 100 Teilprojekte umfasse der Sparplan, betroffen seien alle Abteilungen. Konkret nennt Wüstmann die Zusammenführung von HR und Finanzen der beiden Unternehmen, die Vereinheitlichung der IT-Dienste, den gemeinsamen Einkauf oder eine gemeinsame «Eventstrategie» für TV und Radio.

Und zentral: eine neue Mantelredaktion für die bisher im Aargau, in der Zentralschweiz und in der Ostschweiz produzierenden Regionalzeitungen der AZ Medien, der «Luzerner Zeitung» und des «St.Galler Tagblatts». Wo diese Mantelredaktion arbeiten wird, sei auch noch nicht entschieden, sagt Wüstmann. Alle Anzeichen deuten auf Aarau oder Zürich – St.Gallen und Luzern ziehen mit Sicherheit den Kürzeren.

Antwort von Radio Eriwan

Genaueres ist auch auf Nachfrage nicht in Erfahrung zu bringen. «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid verweist an die Medienstelle von CH Media. Ihr Sitz ist in Aarau; dort hat Saiten versucht, drei Fragen zu stellen:

Erstens: Die NZZ Mediengruppe weist im Geschäftsbericht 2017 einen Gewinn von rund 26 Millionen Franken aus, die Regionalmedien einen Gewinn von 11,4 Millionen. Wie lässt sich unter diesen Umständen die Notwendigkeit der Einsparung von 45 Millionen Franken rechtfertigen?

Zweitens: Die Mantelredaktion ist das Kernstück des Joint Venture. Wie sieht dieser künftige Mantel aus und wie sind die Auswirkungen auf die heutige Sport-, Wirtschaft- und Focus-Redaktion beim «St.Galler Tagblatt»? 

Drittens: Steht die «Tagblatt»-Druckerei in Winkeln auch zur Diskussion innerhalb der 40 Integrations-Projekte?

Die Medienstelle antwortet: «Insgesamt wollen wir in den kommenden 24 Monaten unsere Kostenbasis um 45 Mio. CHF senken. Das sind ungefähr 10%. Damit einher geht ein Stellenabbau von rund 200 Vollzeitstellen, bei aktuell ca. 2’200 Mitarbeitenden. Es sind alle Bereiche betroffen. Regionale Ausprägungen gibt es keine. Und natürlich werden wir mit Augenmass vorgehen. Und vor allem unsere regionale Verwurzelung nicht aufs Spiel setzen.»

Auf nochmalige Nachfrage folgt die Begründung: «Das Geschäftsjahr 2018 war für die gesamte Branche ein schwieriges Jahr, und wir gehen auch davon aus, dass dies in den kommenden Jahren so bleiben wird. Aus diesem Grund setzt CH Media frühzeitig das Integrationsprogramm auf. Ziel ist die Effizienzsteigerung im gesamten Unternehmen, um damit die Zukunftsfähigkeit von CH Media in den kommenden Jahren zu sichern.»

«Kolumbus», wie das «Integrationsprogramm» intern heisst, weiss offensichtlich noch nicht, wohin die Fahrt geht – oder sagt es zumindest nicht, was den Kapitänen wiederum nicht das beste Zeugnis ausstellt, besonders in einem Haus der Information und Kommunikation. Wenn das Projekt verhebet, könnte man ordentlich darüber informieren, denkt der Laie.

Eine Spur der Verwüstung

Dem Original-Kolumbus ging es in Sachen Orientierung allerdings auch nicht anders. Der Mann hat nicht umsonst einen schlechten Ruf, zumindest aus neuerer, kolonialismuskritischer Sicht.

Christoph Kolumbus, lange als angeblicher «Entdecker» Amerikas gefeiert, hat zum einen irrtümlich (wenn auch dem damaligen Kenntnisstand entsprechend) angenommen, er sei im Jahr 1492 mit seiner Santa Maria nach Indien gesegelt. Drum tragen, zum zweiten, die dortigen Einwohner den falschen Namen «Indianer». Und sie haben, drittens, für ihre «Entdeckung», die nur aus eurozentristischer Perspektive eine solche war, teuer bezahlt – die spanischen Kolonisten und ihre Nachfolger richteten mit Waffen und Seuchen einen der folgenreichsten Genozide der Menschheitsgeschichte an.

Zwar: Mit Abbau war zu rechnen, schon als das Joint Venture bekannt gegeben wurde. Dennoch hätten die Chefs in Zürich und Aarau besser einen Blick in die Geschichtsbücher getan, bevor sie dem Sparprogramm den Namen «Kolumbus» gaben. Denn auch dem legendären Ei des Kolumbus ist es nicht gut gegangen – es blieb zwar stehen, hatte danach aber einen Tätsch.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw

Co­ver­cock­tail von Team Ne­gro­ni

Die Ost­schwei­zer Band Team Ne­gro­ni hat ei­ne Vi­nyl-Plat­te mit Co­ver­songs her­aus­ge­bracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gal­li­schen Gra­ben­hal­le ge­tauft.

Von  Jeremias Heppeler
01 4 2

Die Ab­sur­di­tät des War­tens

Pu­re Zeit­ver­schwen­dung oder end­lich mal ei­ne Pau­se im durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus der Ta­ge? Drei Per­for­mer:in­nen nä­hern sich dem Phä­no­men des War­tens künst­le­risch-wis­sen­schaft­lich an.

Von  Judith Schuck
Nummer ziehen Christoph Luchsinger Micha Stuhlmann Thomas Kessler web

Al­tern muss kein De­fi­zit sein

Das Kol­lek­tiv Dance Me to the End setzt sich für die Sicht­bar­keit von Al­tern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai prä­sen­tiert es zwei ver­schie­de­ne Tanz­stü­cke in der St.Gal­ler Lok­re­mi­se. Sai­ten hat mit drei Kol­lek­tiv­mit­glie­dern ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Kopie von Dance me to the end 25 neu 14