Theatralischer könnte ein Ort kaum sein. Vorn die schmale Spielfläche der Terrasse, ein paar Klappstühle, ein Holzzaun, links die Musiker, rechts ein Baum – und dahinter die gewaltige Kulisse des Alpsteins und der Österreicher Alpen.
Es braucht wenig Fantasie, sich hier das Kreuzfahrtschiff vorzustellen, das in «Auf nach Alang!» die Hauptrolle spielt. Kein Meer zwar, aber wogende Bergketten und darüber riesig der Himmel. Die Idylle kontrastiert mit der ungemütlichen Lage, in die die beiden namenlosen Passagiere im neuen Stück des Theaters Café Fuerte geraten sind. Wie, das wissen sie selber nicht.
Die Frau ist wohl kurz über ihrem Buch eingeschlafen, einem extra dicken für lange Kreuzfahrttage. Der Mann muss eingenickt sein im Solarium. Und jetzt beim Aufwachen: alle Liegen leer, Passagiere, Crew: niemand mehr da. Panik spricht von Beginn weg aus der Körperhaltung von Jeanne Devos und Tobias Fend. Das Mittel dagegen ist auch schnell gefunden: reden.
Jeanne Devos, Tobias Fend.
Sie hält sich ans Buch, an ihr Bücherwissen. An die Reiseführer-Kenntnisse von Dubrovnik, wo das Schiff eben noch geankert hatte – oder war es Split? –, an die Namen aller Hauptstädte dieser Erde und an das Köchelverzeichnis, das sie ebenfalls auswendig kann.
Er weiss, wie es auf Kreuzfahrten zu und her geht, kennt sich aus mit Logen, Decks, Kids Club und Atlantic Buffet. Er redet und redet, von früheren Kreuzfahrten, vom Ehepaar aus Uppsala damals, von seinen Rudertrainings an Bord, vom Gedränge auf Deck 11 und den eingewachsenen Zehennägeln.
Er weiss, auf Kreuzfahrten kann nichts passieren. Und jetzt sowas. «Sowas gibts eben», sagt er und sagt später sie. «Aber eigentlich», sagt sie und sagt später auch er in dem ratlosen Dialog, der mehrfach einbricht in ihren Versuch, Normalität herbeizureden: «Eigentlich hab ich sowas noch nie erlebt.» Alle sind weg. Und das Schiff fährt und fährt.
Kein Ausweg, nirgends
Die klaustrophobische Situation sei vom Lockdown mitinspiriert worden, sagt Stückautor und Schauspieler Tobias Fend. Und ähnlich wie in der Pandemie-Krise reagieren die Figuren auch auf die Kreuzfahrt-Krise in Schüben zwischen Beruhigungsphrasen und Angstattacken.
Tobias Fend und Jeanne Devos spielen ein virtuoses Wort- und Bewegungs-Pingpong auf engstem Raum, werfen verbale Rettungsboote aus, klammern sich an Gewissheiten wie an ein Schiffstau. Manchmal glaubt man den Dampfer schwanken zu sehen und fürchtet um seine zwei buchstäblich gottverlassenen Passagiere. Und dann kippt der Text wieder ins Lächerlich-Absurde.
Vorstellungen in der Ostschweiz: 2. Juli Stellwerk Heerbrugg, 7. Juli Seemuseum Kreuzlingen, 8./9. Juli Saienbrücke Urnäsch
cafefuerte.ch
Nikolaus Feinig und Florian Wagner untermalen das Stück mit Kontrabass, Cello und Gitarre stimmungsvoll. Die Inszenierung von Danielle Fend-Strahm schafft mit einfachen Bewegungsmitteln, mit ein paar Stühlen und sonst nichts die Illusion von Aktion. Mal tigern Fend und Devos wie Raubtiere im Käfig zwischen den Klappstühlen hin und her, mal schreien sie sich auf Distanz an oder klammern sich aneinander fest. Dann wieder Erstarrung und die Frage: Was ist da passiert? Und wohin führt die Reise?
Wenn das Meer aus ist
Die rund einstündige Reise führt am Ende zur Alang Beach, den Schiffsfriedhof an der indischen Küste. «Da vorne ist das Meer aus», entdecken die beiden plötzlich und schildern uns und sich in einem atemlosen, hohe Wellen werfenden Finale den dystopischen Ort, an dem seit den 80er-Jahren Tausende von Schiffswracks ausgeweidet wurden und immer noch werden.
Auf nach Alang! funktioniert als rasantes Kammerspiel, aber auch als Zeitstück. Im Lauf des Abends spitzt sich immer mehr die Kritik an einem sinnentleerten, ökologisch fragwürdigen Luxus-Tourismus zu. Und wie man es von Café Fuerte kennt, wird die Atmosphäre gratis mitgeliefert: Die Aufführungen finden openair und teils an bisher unentdeckten Spielorten statt. Die nächsten Schweizer Stationen der Tour sind das Stellwerk Heerbrugg, das Seemuseum Kreuzlingen und die Werkstatt Saienbrücke in Urnäsch.
Auf dem Oberen Gäbris konnte man am Sonntagabend nicht nur den zwei Schauspielern, sondern auch dem Gewitter zusehen, das sich am Säntis zusammenzog. Die ersten Tropfen fielen kurz nach dem Schlussapplaus. Wie hatte der kreuzfahrtgestählte Mann im Stück vorher gesagt? «Mir kann nichts passieren.»
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«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
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St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
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