Kategorie
Autor:innen
Jahr

Kreuzfahrt im Alpenmeer

Das freie Theater Café Fuerte ist wieder auf Tour in Ausserrhoden und im Vorarlberg. Auf nach Alang! spielt auf einem plötzlich menschenleeren Kreuzfahrtschiff. Und an theaterfernen Orten. Letzten Sonntag legte das Stück auf dem Gäbris los.
Von  Peter Surber
Auf ins Gebirge: Szene aus Auf nach Alang! auf dem Gäbris. (Bilder: Nadine Schütz)

Theatralischer könnte ein Ort kaum sein. Vorn die schmale Spielfläche der Terrasse, ein paar Klappstühle, ein Holzzaun, links die Musiker, rechts ein Baum – und dahinter die gewaltige Kulisse des Alpsteins und der Österreicher Alpen.

Es braucht wenig Fantasie, sich hier das Kreuzfahrtschiff vorzustellen, das in «Auf nach Alang!» die Hauptrolle spielt. Kein Meer zwar, aber wogende Bergketten und darüber riesig der Himmel. Die Idylle kontrastiert mit der ungemütlichen Lage, in die die beiden namenlosen Passagiere im neuen Stück des Theaters Café Fuerte geraten sind. Wie, das wissen sie selber nicht.

Die Frau ist wohl kurz über ihrem Buch eingeschlafen, einem extra dicken für lange Kreuzfahrttage. Der Mann muss eingenickt sein im Solarium. Und jetzt beim Aufwachen: alle Liegen leer, Passagiere, Crew: niemand mehr da. Panik spricht von Beginn weg aus der Körperhaltung von Jeanne Devos und Tobias Fend. Das Mittel dagegen ist auch schnell gefunden: reden.

Jeanne Devos, Tobias Fend.

Sie hält sich ans Buch, an ihr Bücherwissen. An die Reiseführer-Kenntnisse von Dubrovnik, wo das Schiff eben noch geankert hatte – oder war es Split? –, an die Namen aller Hauptstädte dieser Erde und an das Köchelverzeichnis, das sie ebenfalls auswendig kann.

Er weiss, wie es auf Kreuzfahrten zu und her geht, kennt sich aus mit Logen, Decks, Kids Club und Atlantic Buffet. Er redet und redet, von früheren Kreuzfahrten, vom Ehepaar aus Uppsala damals, von seinen Rudertrainings an Bord, vom Gedränge auf Deck 11 und den eingewachsenen Zehennägeln.

Er weiss, auf Kreuzfahrten kann nichts passieren. Und jetzt sowas. «Sowas gibts eben», sagt er und sagt später sie. «Aber eigentlich», sagt sie und sagt später auch er in dem ratlosen Dialog, der mehrfach einbricht in ihren Versuch, Normalität herbeizureden: «Eigentlich hab ich sowas noch nie erlebt.» Alle sind weg. Und das Schiff fährt und fährt.

Kein Ausweg, nirgends

Die klaustrophobische Situation sei vom Lockdown mitinspiriert worden, sagt Stückautor und Schauspieler Tobias Fend. Und ähnlich wie in der Pandemie-Krise reagieren die Figuren auch auf die Kreuzfahrt-Krise in Schüben zwischen Beruhigungsphrasen und Angstattacken.

Tobias Fend und Jeanne Devos spielen ein virtuoses Wort- und Bewegungs-Pingpong auf engstem Raum, werfen verbale Rettungsboote aus, klammern sich an Gewissheiten wie an ein Schiffstau. Manchmal glaubt man den Dampfer schwanken zu sehen und fürchtet um seine zwei buchstäblich gottverlassenen Passagiere. Und dann kippt der Text wieder ins Lächerlich-Absurde.

Vorstellungen in der Ostschweiz:
2. Juli Stellwerk Heerbrugg, 7. Juli Seemuseum Kreuzlingen, 8./9. Juli Saienbrücke Urnäsch

cafefuerte.ch

Nikolaus Feinig und Florian Wagner untermalen das Stück mit Kontrabass, Cello und Gitarre stimmungsvoll. Die Inszenierung von Danielle Fend-Strahm schafft mit einfachen Bewegungsmitteln, mit ein paar Stühlen und sonst nichts die Illusion von Aktion. Mal tigern Fend und Devos wie Raubtiere im Käfig zwischen den Klappstühlen hin und her, mal schreien sie sich auf Distanz an oder klammern sich aneinander fest. Dann wieder Erstarrung und die Frage: Was ist da passiert? Und wohin führt die Reise?

Wenn das Meer aus ist

Die rund einstündige Reise führt am Ende zur Alang Beach, den Schiffsfriedhof an der indischen Küste. «Da vorne ist das Meer aus», entdecken die beiden plötzlich und schildern uns und sich in einem atemlosen, hohe Wellen werfenden Finale den dystopischen Ort, an dem seit den 80er-Jahren Tausende von Schiffswracks ausgeweidet wurden und immer noch werden.

Auf nach Alang! funktioniert als rasantes Kammerspiel, aber auch als Zeitstück. Im Lauf des Abends spitzt sich immer mehr die Kritik an einem sinnentleerten, ökologisch fragwürdigen Luxus-Tourismus zu. Und wie man es von Café Fuerte kennt, wird die Atmosphäre gratis mitgeliefert: Die Aufführungen finden openair und teils an bisher unentdeckten Spielorten statt. Die nächsten Schweizer Stationen der Tour sind das Stellwerk Heerbrugg, das Seemuseum Kreuzlingen und die Werkstatt Saienbrücke in Urnäsch.

Auf dem Oberen Gäbris konnte man am Sonntagabend nicht nur den zwei Schauspielern, sondern auch dem Gewitter zusehen, das sich am Säntis zusammenzog. Die ersten Tropfen fielen kurz nach dem Schlussapplaus. Wie hatte der kreuzfahrtgestählte Mann im Stück vorher gesagt? «Mir kann nichts passieren.»

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291