Diese Woche war wieder Frauenstreik, auch in St.Gallen wurde demonstriert. Kein schlechter Zeitpunkt also, um wiedermal zu fragen, ob und wie die Männer ihren Teil zum gesellschaftlichen Fortschritt beitragen, schliesslich sind auch sie meist von stereotypen Geschlechterrollen und Erwartungen geprägt. Oder müsste man sagen: geplagt?
Was heisst Mannsein heute? Welches Rollenverständnis haben ältere und jüngere Männer? Wie fördert man neue, gesunde Männlichkeiten? Und welche Transformationsprozesse bahnen sich an? Darüber wurde am Donnerstag in der St.Galler Hauptpost im Raum für Literatur im Rahmen der neunten «Gender Matters»-Edition diskutiert. Die Veranstaltungsreihe, organisiert vom Kompetenzzentrum Integration und Gleichstellung, gibt es seit drei Jahren (mehr von Saiten dazu hier, hier und hier).
Alles Klischee?
«Boys Will Be Boys? – Zeit für neue Männlichkeiten!» ist das Motto am Donnerstag. Zu Gast sind Sasha Rosenstein, Präsident von «Die Feministen», Queer-Aktivist und Drag Queen Tobias Urech, Gordon Bühler, Co-Autor der Studie «annabeau – Deutschschweizer Männerbefragung» und Sexualpädagogin Simone Dos Santos von der Fachstelle für Aids und Sexualfragen. Moderiert wird die Runde von der kantonalen Gleichstellungsbeauftragten Rahel Fenini, ergänzt mit Filmausschnitten der ZDF-Dokuserie «BOYS».
Da wird gleich zu Beginn mit allerhand Schlagworten hantiert, wenn es um die Frage nach der «Männlichkeit» geht: Imponiergehabe, Whiskeytrinken, Pöbeleien, Catcalling, Fels in der Brandung sein müssen. Natürlich alles tumbe Klischees, und so fragt sich ein junger Mann im Film folgerichtig: Was heisst Männlichkeit und was habe ich überhaupt damit zu tun?
Ein anderer gibt zu bedenken, dass Männlichkeit für ihn nicht etwas sei, das sich in Abgrenzung oder gar als Gegenpol zur Weiblichkeit konstruieren sollte. Theoretisch stimmt das, darin sind sich alle Gäste einig, «aber solange das binäre Modell noch existiert, müssen wir wohl oder übel damit arbeiten», hält Sasha Rosenstein fest. Man sei noch weit davon entfernt, sich von binären Bildern abzulösen.
Ob homosexuelle Männer diesbezüglich weiter seien, will Rahel Fenini von Tobias Urech wissen. «Tendenziell ja», sagt er, «auch wenn man es nicht verallgemeinern kann und auch die Szene nicht vor toxischer Männlichkeit gefeit ist.» Einer der Gründe dafür sei, dass Schwule sich oft schon sehr früh Gedanken über ihre Männlichkeit machten, weil sie von der Gesellschaft als «zu wenig männlich» gesehen würden. Für ihn sei das Coming Out darum eine grosse Befreiung gewesen. «Endlich hatte ich eine Erklärung, warum ich ‹anders› männlich bin.»
Mehrdeutige Männlichkeit
Dass «Männlichkeit» heutzutage gar nicht mehr so klar definiert ist, zeigen die Ergebnisse der 2021 erschienenen annabeau-Studie, an der Gordon Bühler mitgearbeitet hat. Von den Männern über 65 hätten noch 8 von 10 eine klare Vorstellung davon, bei den jungen Männern zwischen 16 und 35 nicht einmal mehr die Hälfte. Bei den Jungen sei die Definition von Männlichkeit sehr viel ambiger, erklärt Bühler, ausserdem sei auch der Stellenwert nicht mehr so hoch.
Immer wieder ploppt die Frage auf, wie man «Die Männer» denn überhaupt abholen kann mit derlei Diskussionen. In der «linksgrün-versifften Urban Bubble» werde Männlichkeit, insbesondere die toxische, noch eher hinterfragt, erklärt Rosenstein, aber andere Kreise zu erreichen sei schwierig. Die Message sei entscheidend. Wenn man klar machen könne, dass auch die Männer unter patriarchalen Rollenbildern bzw. Strukturen leiden und von neuen, diverseren Männlichkeiten profitieren würden, stünden die Chancen gut, dass man ins Gespräch komme.
Simone Dos Santos will nicht erst bei der Message ansetzen, sondern bei der Sprache an sich. «Wir müssen zuerst einmal eine Sprache finden», sagt sie aus ihrer Erfahrung im Sexualunterricht mit Schulklassen. «Junge Männer sind zwar bestens vertraut mit allen möglichen Pornos, haben aber oft gar kein Vokabular für Zärtlichkeit oder Gefühle, darum machen sie sich auch kaum Gedanken darüber. Erst wenn man diesen Dingen eine Sprache und einen Raum gibt, passiert etwas in den Köpfen.»
Machen statt reden
Doch es soll ja nicht beim Reden bleiben. Die Gäste wünschen sich, dass Männer Gefühle und Zärtlichkeit auch viel selbstverständlicher ausleben, für sich alleine und auch untereinander. Dafür brauche es Vorbilder und Wegbereiter:innen, zum Beispiel Papis, die auch mal vor den Kindern weinen oder Göttis und Gottis, die nicht in «Bob der Baumeister»- und «Prinzessin Lillifee»-Schubladen denken.
Über eineinhalb Stunden wird im Raum für Literatur angeregt diskutiert, auch über Sexualität, Pornografie und Realitätsbezug, über den Einfluss der Pop-Industrie oder die vermeintlichen Vorteile «klassischer» Männlichkeit. Die Baustellen sind vielfältig, manche grösser, andere kleiner, Hauptsache Mann bringt den Mut auf, mehr mit Männlichkeiten zu spielen und sich emotional zu entdecken, darin ist man sich einig.
Eine zuversichtlich stimmende Nachricht zum Schluss: Die «Top Five» der annabeau-Studie wie sich Männer ihre Wirkung gegen aussen wünschen sind «freundlich», «intelligent», «selbstsicher», «mit sich im Reinen» und «einfühlsam». Attribute wie «potent», «dominant» oder «durchsetzungsstark» kommen erst weit hinten.
Bei aller Schwierigkeit, die Tumulte um Ostern irgendwie einzuordnen: Das Geschlechterverhältnis unter den Jugendlichen bietet Anlass für ein paar Gedanken zum Verhältnis von Männlichkeit und Gewalt und zur Sehnsucht nach Anerkennung.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.
Wie stehts heute um die Gleichstellung? Und wie war das früher? Die Pop-up-Ausstellung «Frauenspuren im Hallenbad» in Gossau arbeitet ein Stück Gesellschaftsgeschichte auf. Zeigt, wo es heute noch hakt, und dass es nicht bleiben muss, wie es ist.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Theater
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik