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Poesie gegen die Kriegslogik

Zweimal Syrien kulturell: Der Autor Hamed Abboud schreibt schmerzhaft-poetische Texte über den Krieg. Seit 2015 lebt er in Wien - heute Montag liest er im Solihaus St.Gallen. Sûnday Teter, Maler und Musiker aus Amude, eröffnet kommenden Freitag eine Ausstellung im Olive Food.
Von  Peter Surber

Seine ersten Briefe aus dem Flüchtlingscamp habe er mit «Vom Ende der Welt und noch drei Meilen weiter» unterschrieben. Inzwischen schreibe er statt dessen «Vom Beginn der neuen Welt», erzählt Hamed Abboud in der Geschichte Was wurde aus den Zugvögeln?.

Abboud stammt aus Syrien. 2012 erschien sein Gedichtband Der Regen der ersten Wolke noch in Syrien, dann entschloss er sich zur Flucht. Sie endete zwei Jahre später in Österreich, in Oberschützen im Burgenland. Dort misst er, in der oben genannten Geschichte, Distanzen – 2,7 Kilometer vom Camp zum Zigarettenladen, 6,6 Kilometer bis zum Arzt, 50 Meter vom Zimmer bis zur Leiterin des Camps, die niemals lächelt. 250 Kilometer von der Türkei nach Griechenland. Von Griechenland nach Österreich: drei Monate und zwei Nächte. Und vom Zimmer in der Heimat zum Zimmer hier: 3151 Kilometer.

Er beneidet die Zugvögel, «weil sie ganz einfach von einem Ort zum andern flattern» und nicht die Sprache jedes Landes lernen müssen. «Flüchtling sein bedeutet fremd sein in der Sprache. Flüchtling sein bedeutet, dass dein Wortschatz der Sprache jenes Landes, in dem dein Weg endete, auch am Ende ist.»

Lesung Hamed Abboud: 19. März, 19 Uhr, Solidaritätshaus St.Gallen

hamedabboud.at

Abboud hat seine Sprache aber nicht verloren. Im Verlag pudelundpinscher ist sein Buch Der Tod backt einen Geburtstagskuchen erschienen, zweisprachig arabisch und deutsch. Der Band umfasst rund ein Dutzend kürzere und längere Geschichten, poetische Prosa mit politischem Gehalt und viel schwarzem Humor. Das Buch ist für verschiedene Literaturpreise nominiert worden.

In der Zugvogel-Erzählung ist die Tonalität vergleichsweise gelassen. Auf dem Weg zum Zigarettenladen habe ihn gleich der Bürgermeister mit dem Auto mitgenommen. Er kenne auch die Müllmänner und die Dorfnärrin, die Betrunkenen und den Kater Bruno. «Im Burgenland bin ich kein Flüchtling», heisst der erste Satz der Geschichte.

Anderswo geht es härter zur Sache. Die verschiedenen Varianten des Todes ist ein sarkastischer Totentanz um die (Märtyrer-)Frage, welches die angemessene Sterbensart in einem «anormalen Krieg» sein könnte. Nur kein ordinärer Schnupfen oder ein hundskommuner Herzinfarkt – aber auch kein gewöhnlicher Kugeltod. Wenn schon, dann richtig heroisch, als Kältetod in einem Kühlwagen oder Erstickungstod im Staub der bombardierten Häuser.

Ähnlich überspitzt ist Ich möchte einen Panzer fahren, eine beissende Persiflage auf die Kriegslogik. Die Welt reduziert sich auf den Soldatenblick durch die rechteckige Luke, durch die weder Menschlichkeit noch ein Gott zu entdecken ist.

«Die Tragik der syrischen Situation, die durch die gescheiterte Revolution, den Krieg des Regimes gegen die eigene Bevölkerung sowie die Tatenlosigkeit der sogenannten internationalen Gemeinschaft geschaffen wurde, bildet den thematischen Kern der Texte», schreibt  Stephan Milich im Nachwort zum Buch. In Abbouds schwarzem Humor seien «Lachen und Tragik nicht zu trennen. Noch mehr als Groteske und Absurdität aber spricht aus den Texten eine tiefe Verzweiflung, die aus einer (noch) nicht einlösbaren Sehnsucht nach dem alten oder möglicherweise einem neuen Zuhause gewachsen ist». Heute Montag abend liest Hamed Abboud im Solihaus St.Gallen. Er liest arabisch, Renate Metzger trägt die deutschen Übersetzungen vor.

Bilder von Sûnday Teter

Am kommenden Freitag, 23. März gibt es eine weitere Möglichkeit zur kulturellen Begegnung mit Syrien. Der Maler, Bildhauer und Musiker Sûnday Teter aus Amude (Syrien) stellt im Imbisslokal Olive Food an der Rorschacherstrasse seine Werke aus.

Vernissage: 18.30 Uhr, Ausstellung vom 23. bis 30. März, Olive Food, Rorschacherstrasse 124, St.Gallen

Teter lebt als Flüchtling in der Schweiz. Er ist Absolvent der Kunsthochschule in Damaskus und Mitglied des Künstler- und Malerverbandes von Kurdistan/Irak. Seine Werke zeigte er bereits an zahlreichen Gruppen- und Einzelaustellungen in Syrien, im Irak und in der Schweiz. Als Multi-Instrumentalist und Instrumentenbauer hat er zudemin Damaskus, Dihok und Erbil (Kurdistan) und in der Schweiz seine zum Teil selber erfundenen Instrumente zum Klingen gebracht. Teter begleitet die Vernissage seiner Bilder selber musikalisch.

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