Seine ersten Briefe aus dem Flüchtlingscamp habe er mit «Vom Ende der Welt und noch drei Meilen weiter» unterschrieben. Inzwischen schreibe er statt dessen «Vom Beginn der neuen Welt», erzählt Hamed Abboud in der Geschichte Was wurde aus den Zugvögeln?.
Abboud stammt aus Syrien. 2012 erschien sein Gedichtband Der Regen der ersten Wolke noch in Syrien, dann entschloss er sich zur Flucht. Sie endete zwei Jahre später in Österreich, in Oberschützen im Burgenland. Dort misst er, in der oben genannten Geschichte, Distanzen – 2,7 Kilometer vom Camp zum Zigarettenladen, 6,6 Kilometer bis zum Arzt, 50 Meter vom Zimmer bis zur Leiterin des Camps, die niemals lächelt. 250 Kilometer von der Türkei nach Griechenland. Von Griechenland nach Österreich: drei Monate und zwei Nächte. Und vom Zimmer in der Heimat zum Zimmer hier: 3151 Kilometer.
Er beneidet die Zugvögel, «weil sie ganz einfach von einem Ort zum andern flattern» und nicht die Sprache jedes Landes lernen müssen. «Flüchtling sein bedeutet fremd sein in der Sprache. Flüchtling sein bedeutet, dass dein Wortschatz der Sprache jenes Landes, in dem dein Weg endete, auch am Ende ist.»
Lesung Hamed Abboud: 19. März, 19 Uhr, Solidaritätshaus St.Gallen
hamedabboud.at
Abboud hat seine Sprache aber nicht verloren. Im Verlag pudelundpinscher ist sein Buch Der Tod backt einen Geburtstagskuchen erschienen, zweisprachig arabisch und deutsch. Der Band umfasst rund ein Dutzend kürzere und längere Geschichten, poetische Prosa mit politischem Gehalt und viel schwarzem Humor. Das Buch ist für verschiedene Literaturpreise nominiert worden.
In der Zugvogel-Erzählung ist die Tonalität vergleichsweise gelassen. Auf dem Weg zum Zigarettenladen habe ihn gleich der Bürgermeister mit dem Auto mitgenommen. Er kenne auch die Müllmänner und die Dorfnärrin, die Betrunkenen und den Kater Bruno. «Im Burgenland bin ich kein Flüchtling», heisst der erste Satz der Geschichte.
Anderswo geht es härter zur Sache. Die verschiedenen Varianten des Todes ist ein sarkastischer Totentanz um die (Märtyrer-)Frage, welches die angemessene Sterbensart in einem «anormalen Krieg» sein könnte. Nur kein ordinärer Schnupfen oder ein hundskommuner Herzinfarkt – aber auch kein gewöhnlicher Kugeltod. Wenn schon, dann richtig heroisch, als Kältetod in einem Kühlwagen oder Erstickungstod im Staub der bombardierten Häuser.
Ähnlich überspitzt ist Ich möchte einen Panzer fahren, eine beissende Persiflage auf die Kriegslogik. Die Welt reduziert sich auf den Soldatenblick durch die rechteckige Luke, durch die weder Menschlichkeit noch ein Gott zu entdecken ist.
«Die Tragik der syrischen Situation, die durch die gescheiterte Revolution, den Krieg des Regimes gegen die eigene Bevölkerung sowie die Tatenlosigkeit der sogenannten internationalen Gemeinschaft geschaffen wurde, bildet den thematischen Kern der Texte», schreibt Stephan Milich im Nachwort zum Buch. In Abbouds schwarzem Humor seien «Lachen und Tragik nicht zu trennen. Noch mehr als Groteske und Absurdität aber spricht aus den Texten eine tiefe Verzweiflung, die aus einer (noch) nicht einlösbaren Sehnsucht nach dem alten oder möglicherweise einem neuen Zuhause gewachsen ist». Heute Montag abend liest Hamed Abboud im Solihaus St.Gallen. Er liest arabisch, Renate Metzger trägt die deutschen Übersetzungen vor.
Bilder von Sûnday Teter
Am kommenden Freitag, 23. März gibt es eine weitere Möglichkeit zur kulturellen Begegnung mit Syrien. Der Maler, Bildhauer und Musiker Sûnday Teter aus Amude (Syrien) stellt im Imbisslokal Olive Food an der Rorschacherstrasse seine Werke aus.
Vernissage: 18.30 Uhr, Ausstellung vom 23. bis 30. März, Olive Food, Rorschacherstrasse 124, St.Gallen
Teter lebt als Flüchtling in der Schweiz. Er ist Absolvent der Kunsthochschule in Damaskus und Mitglied des Künstler- und Malerverbandes von Kurdistan/Irak. Seine Werke zeigte er bereits an zahlreichen Gruppen- und Einzelaustellungen in Syrien, im Irak und in der Schweiz. Als Multi-Instrumentalist und Instrumentenbauer hat er zudemin Damaskus, Dihok und Erbil (Kurdistan) und in der Schweiz seine zum Teil selber erfundenen Instrumente zum Klingen gebracht. Teter begleitet die Vernissage seiner Bilder selber musikalisch.
Ohm41 stellen wieder aus
Das Thurgauer Pop-Phänomen Noemi Beza veröffentlicht Anfang Juni ihre neue EP. You’ll Find Me There vereint Country-Vibes mit astreinem Pop – was man ein wenig vermisst, sind Ecken und Kanten.
Kolumne: Stimmrecht im Juni
Ausstellung in Herisau
Nach 22 Jahren gibt Matthias Peter die Leitung der St.Galler Kellerbühne ab. Vom Raum ist er nach wie vor begeistert. Aber dem Kabarett ging es auch schon besser, erzählt er im Gespräch.
Die Thurgauer Künstlerin Micha Stuhlmann befasst sich in ihrem neuen Projekt mit dem Dasein im Moment. Am 7. Juni findet dazu ein Workshop in St.Gallen statt und am 26. Juni zeigt sie mit ihrem Ensemble die finale Performance in Kreuzlingen.
Die Tonhalle Wil wurde 1876 eröffnet. Seither bereichert sie praktisch ununterbrochen das kulturelle Leben der Äbtestadt. An den kommenden zwei Wochenenden wird gefeiert.
Jonas Ulrich taucht mit seinem ersten Spielfilm in die Black-Metal-Welt ab. Wolves ist eine bildstarke Geschichte über Einsamkeit und das Dazugehören, voller Gegensätze und mit etwas holprigen Dialogen.
St.Gallen bewahrt nicht mehr nur 1000-jährige Handschriften. Mit dem Internet Archive Switzerland entsteht hier ein Archiv für Webseiten, künstliche Intelligenz und das digitale Gedächtnis der Zukunft.
Mit Internet Archive Switzerland entsteht in St.Gallen ein Ableger des grössten Archivs für Websiten und Künstliche Intelligenz weltweit. Ausserdem im Juniheft: Männer unter Generalverdacht, das grosse St.Galler 80er-Buch, das Abschiedsinterview mit dem langjährigen Kellerbühnenchef und die Flaschenpost aus Venedig.
Der WWF St.Gallen wird 50 Jahre alt. Sein Geschäftsleiter Lukas Indermaur zieht bei der Beurteilung der aktuellen Situation von Natur und Umwelt eine durchzogene Bilanz.
«Urs Frei. A – Z» im Kunstmuseum St. Gallen ist die erste Retrospektive zum ausserordentlichen Schaffen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Arbeiten geben Einblick in ein Werk, das kaum zu fassen ist. Das gehört zu seiner Qualität.
Wie wollen wir künftig leben und unsere Nahrungsmittel produzieren? Die Ausstellung «How goes Tomorrow» der Ostschweizer Künstlerin Claude Bühler in der Shedhalle in Frauenfeld sensibilisiert für nachhaltige Handlungsstrategien.
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.