«Politikverdrossenheit: Das ist kein Jugendproblem»

Selbstoptimierung, Politik-Frust, Verbetrieblichung der Lebensführung, Click-Working und Plattformökonomie: Die Welt verändert sich, das verunsichert Alt wie Jung, sagen die Sozialwissenschaftler Stefan Paulus und Axel Pohl. Und die Rechten profitieren davon.
Von  Corinne Riedener
«Ich weiss nicht, wie man sich mit 20 fühlen sollte. Erwachsen fühle ich mich jedenfalls nicht», sagt Maya Oehlen, 1999. Die Bilder im Maiheft hat Georg Gatsas gemacht, coronabedingt via Bildschirm.

Saiten: «The Atlantic» schrieb am 13. April in einem Corona-Artikel, dass vor allem die Millennials mit den Folgen der Krise zu kämpfen haben werden, da sie kaum finanzielle Reserven oder Wohneigentum haben und oft in prekären Verhältnissen angestellt sind. Was ist dran an dieser These?

Stefan Paulus: Ich sehe das anders. Richtig ist, dass die Coronakrise vor allem Menschen in prekären Lebenssituationen trifft, aber unabhängig vom Alter. Wir stehen nicht vor einem Generationenproblem, sondern vor einem der Klassen: Menschen etwa, die die Möglichkeit zum Homeoffice und viel Platz daheim haben, trifft es weniger als jene, die zu fünft in einer kleinen Wohnung leben und weiterhin jeden Tag zur Arbeit müssen.

Bestreiten Sie, dass Menschen unter 40 tendenziell eher prekär leben als die älteren Semester?

Axel Pohl: Nein, aber das hat eher mit der Vermögensverteilung zu tun, die über das Lebensalter hinweg variiert. Menschen, die in den fordistischen 70er- bis 90er-Jahren im Arbeitsleben standen und damals Kapital akkumulieren konnten, haben logischerweise einen Vorsprung gegenüber jenen, die erst jetzt ins Arbeitsleben starten oder noch am Anfang stehen. Man sollte daraus keinen Generationenkonflikt stricken, denn die Grundkonflikte liegen woanders.

SP: Dieser Generationenkonflikt, der jetzt heraufbeschworen wird, markiert eine diskursive Verschiebung und verschleiert die strukturellen Ursachen der Prekarität. Der Konflikt besteht nicht zwischen Jung und Alt, sondern zwischen konservativen und progressiven Positionen, wobei die Konservativen vor allem ihren Besitzstand wahren wollen, während die Progressiven andere Formen des Wirtschaftens austesten und das Kapital sozialer verteilen wollen. Es ist ein Klassenkonflikt, um es beim Namen zu nennen – reich gegen arm.

Bleiben wir noch beim Virus: Besteht die Chance, dass die Jungen – die Menschen allgemein – wieder politischer werden im Zuge der Krise und ihrer Folgen?

AP: Das hängt davon ab, wie man «politisch» definiert. Das Problem ist ja, dass die Leute nicht mehr wählen gehen, weil sie denken, dass es ohnehin keinen Unterschied macht und sie nichts verändern können. In der EU ist dieses Problem noch viel grösser als in der Schweiz. Den Politisierungsgrad einer Generation würde ich aber nicht nur an der Wahlbeteiligung festmachen, sondern auch an anderen Mobilisierungsformen. Auch durch Corona ist wieder einiges in Bewegung gekommen. Ich will zwar nicht gerade von einer neuen Solidarität sprechen, aber es gibt einen engen Bezug zum Nahraum derzeit: Die Jungen helfen den Alten im Viertel, man kocht füreinander usw. Früher waren es tendenziell eher die Älteren, die zum Beispiel bei der Tafel mitgeholfen haben, jetzt ist es umgekehrt.

Stefan Paulus, 1978, ist Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler und Dozent an der Fachhochschule St.Gallen. Er leitet mit Axel Pohl zusammen den Schwerpunkt Integration und Arbeit.

SP: Vielleicht ist es noch ein bisschen zu früh, über politische Hoffnungen zu reden… Wir stehen noch am Anfang der Krise, und momentan zeigen sich vor allem die Schwachstellen des Systems: der freie Markt, Just-in-Time-Produktion, all das funktioniert nicht mehr. Nicht die CEOs werden uns aus dieser Krise führen, sondern die Pflegekräfte, die Müllsammler, die Detailhandelsangestellen und Postbotinnen. Es sind diese prekär Beschäftigten, die den Laden am Laufen halten. Die Krise zeigt uns auf, dass das kapitalistische Wirtschaftssystem nicht auf die Bedürfnisse von Menschen in Not ausgerichtet ist, sondern darauf, Profit zu machen. Ob das zu einer neuen Politisierung führt, bleibt abzuwarten

AP: Ich hoffe schon, dass das teilweise Marktversagen und die systemischen Unzulänglichkeiten, die sich jetzt zeigen, zu einem Bewusstseinswandel beitragen. Bei der Klimadebatte war es ja ähnlich: Lange hat man wenig bis nichts getan, und jetzt hat man gewisse Massnahmen ergriffen und merkt auf einmal, wie schnell diese ja wirken! Das hat bei vielen für eine neue Politisierung gesorgt, weil sie realisiert haben, dass sie eben doch etwas verändern können.

SP: Stimmt. Die Rettungspakete, die jetzt mit unseren Steuergeldern geschnürt werden, dienen zwar letztlich dazu, den Kapitalismus zu retten, den Status Quo zu erhalten, aber man sieht daran auch: Es geht verdammt schnell, wenn man denn will. Das Geld ist da. Nun müsste es nur noch nachhaltig, gesundheitsfördernd und solidarisch eingesetzt werden. Wenn die Leute zum Beispiel für die Angestellten im Gesundheitswesen klatschen, ist das zwar eine schöne Geste, aber noch viel zu wenig.

Axel Pohl, 1968, ist Erziehungswissenschaftler und Dozent an der Fachhochschule St.Gallen.

AP: Ja, da müsste man einhaken. Jetzt ist das Bewusstsein für diese prekarisierten Berufsgruppen da, aber wir wissen nicht, wie lange das anhält. Es gibt ja bereits Gegenbewegungen. In Bayern zum Beispiel will Ministerpräsident Söder die Autoindustrie mit einem riesigen Paket retten. Was ich damit sagen will: Die Welt nach Corona wird jetzt gerade ausgehandelt und es gibt momentan viele gegensätzliche Haltungen und Interessen. Die Frage ist, was mit den Milliarden gefördert werden soll und was nicht.

Tobt ein neuer Kampf um die Deutungshoheit?

SP: Genau, und das Beklemmende daran ist, dass sich die verschiedenen Sparten – ob Politik oder Ökonomie – wenig um die strukturellen Ursachen der Coronakrise kümmern und sich lieber auf kurzfristige Probleme konzentrieren. Man denkt an die eigene Wiederwahl oder daran, wie man seine Profite wieder ins Rollen bringt. Die strukturellen Probleme schiebt man beiseite. Dabei haben sie ja viel mit der Krise zu tun: Wir holzen Urwald ab, um Weideflächen für billiges Fleisch zu bekommen. Wir betreiben Massentierhaltung, mästen mit Antibiotika, züchten Monokulturen. Infektionskrankheiten können so viel leichter von Tieren auf Menschen überspringen und in den globalen Handelsnetzen übertragen werden. Die jetzige Pandemie ist nicht die erste, die so entstanden ist.

Ich kenne viele junge Menschen, die sich genau gegen solche ausbeuterischen Marktlogiken wehren und sich auch politisch engagieren. Oft herrscht aber eine gewisse Resignation den Älteren gegenüber, die sich allzu oft belehrend oder herablassend äussern oder ihre Lebenswelt schlicht nicht mehr verstehen – Stichwort «Ok, Boomer». War das schon immer so oder ist dieser «Generationenkonflikt» anders?

AP: Die Zuschreibungen – unpolitische Jugend!, unanständige Jugend! etc. – gibt es ja schon seit der Antike. Die «Jugend» in der modernen Lesart gibt es erst seit dem Industriezeitalter. Davor war die Idee auf den Adel und das Grossbürgertum beschränkt und gleichzusetzen mit der zeitweisen Entbindung von der «Pflicht zur Arbeit». Mit der postindustriellen Gesellschaft hat sich der Jugend-Begriff dann nochmal gewandelt, besonders geprägt haben ihn die rebellischen 68er. Und die Zuschreibungen sind ja auch gegenseitig. «Die Jungen» haben oft ein genauso verhärtetes Bild von «den Alten» wie umgekehrt. Heute ist die Situation insofern anders, als dass die Welt vor einigen ziemlich grossen Herausforderungen steht – und das verunsichert alle Altersklassen.

Aber können Sie die Resignation der heutigen Generation nachvollziehen?

SP: Zum Teil. Ich erinnere mich an die Demonstration gegen den G8-Gipfel in Genua 2001 oder die Anti-Castor-Demos in Deutschland. Neben mir standen immer auch Leute, die 50 und älter waren, die schon in den 60er-Jahren in der DDR im Knast sassen, weil sie gegen das ungerechte System rebelliert haben. Und auch heute gibt es noch viele Alte, die auf die Strasse gehen, weil sie sich eine andere Zukunft wünschen. Ich sehe diesen Generationenkonflikt darum nicht in dieser Brisanz, wie er momentan von einzelnen Soziologen beschrieben wird. Es gab schon immer Revolten und Aufstände. Das Schweizer Fabrikgesetz ist ein Ergebnis davon, auch die deutsche Sozialgesetzgebung. Dass heute nicht mehr ganz so viele ältere Menschen auf die Strasse gehen, hat auch damit zu tun, dass man sie befriedet – oder wie Bismarck sagte: bestochen – hat. Sie haben ein Haus, eine Karriere oder andere Besitztümer und darum auch mehr zu verlieren. Das ist der interessante Punkt: Wenn man sich die Aufstände in der Coronakrise derzeit anschaut – die Knastrevolten in Südamerika, die revoltierenden Gelbwesten in Frankreich, die Strassenschlachten in Chile –, gehen sie immer von jenen aus, die nichts zu verlieren haben. Und in den meisten Fällen sind das die Jungen.

Aber wer, wenn nicht «die Alten», ist denn schuld an diesen Zuständen?

SP: Das ist der falsche Ansatz. Mit dem Beginn der Globalisierung bzw. der Anti-Globalisierungsbewegung in den 90er-Jahren wurde vor allem die Systemfrage gestellt. Man hat sich als internationale, kosmopolitische Gemeinschaft verstanden, man hat sich solidarisch gezeigt, zum Beispiel mit der Landlosen-Bewegung oder den zapatistischen Gemeinden. Damals war die Schuldfrage systemisch. Heute wird zunehmend eine identitäre Schuldfrage daraus gemacht: DU fährst Auto, DU bist schuld, weil DU Tiere isst usw. Das ist Symptombekämpfung. Lohnender wäre es, die strukturellen Ursachen dieser Symptome herauszuarbeiten.

Also würden Sie Sascha Lobo zustimmen, wenn er im «Spiegel» schreibt, er glaube nicht, dass wir einen klassischen Generationenkonflikt vor uns haben, sondern einen Konflikt der Epochen: Das 20. Jahrhundert kollidiert mit dem 21. Jahrhundert.

AP: Ich glaube, dass es ein sehr ökonomisch bestimmter Konflikt ist. Es geht um den Entwurf einer ökonomischen Ordnung, die die soziale Ordnung mitdenkt. Lobo spitzt es zu – dahinter steckt der Wandel der Ökonomie und der Arbeitswelt. Aber nochmal zur Politikverdrossenheit: Das ist kein Jugendproblem.

SP: Ein Problem ist, dass sich viele Jugendliche nicht mehr vertreten fühlen von den Politikern und Politikerinnen. Das kann ich gut nachvollziehen, weil die wenigsten progressive Politik betreiben und stattdessen versuchen, den Status Quo aufrechtzuerhalten. Aber der bringt nur den Wenigsten etwas heutzutage: Die Menschen wollen nicht mehr selbstverständlich ein Haus, ein Auto oder die klassische Karriere.

Welches sind denn die Wertvorstellungen und Statussymbole des 21. Jahrhunderts?

AP: Die Babyboomer als Gegenbild zur heutigen Generation zu spielen, ist genaugenommen nicht ganz korrekt, da es ja ebendiese Generation war, die damals anfing, den Materialismus infrage zu stellen. Die 68er haben postmaterielle Werte wie Selbstverwirklichung und Sinnhaftigkeit ins Spiel gebracht – und diese auch weitgehend durchgesetzt. Der Job muss nicht nur erträglich und einträglich sein, man muss sich auch mit ihm identifizieren. Man gibt heute nicht mehr seine Seele an der Garderobe ab und holt sie acht Stunden später wieder, man ist auch Mensch in der Arbeit. Dieses Credo ist geblieben, aber die Arbeitsmodelle haben sich geändert. Heute arbeitet man in vielen Branchen dezentral und flexibel.

Stefan Paulus, Bettina Grubenmann: Soziale Frage 4.0 – Eine soziohistorische Einführung für die Soziale Arbeit heute. UTB Verlag, Frankfurt 2020

Axel Pohl, Christian Reutlinger, Andreas Walther und Annegret Wigger (Hrsg.): Praktiken Jugendlicher im öffentlichen Raum – Zwischen Selbstdarstellung und Teilhabeansprüchen: Ein Beitrag zur Partizipationsdebatte. Springer VS, Wiesbaden 2019

Andreas Walther, Janet Batsleer, Patricia Loncle and Axel Pohl: Young People and the Struggle for Participation – Contested Practices, Power and Pedagogies in Public Spaces. Routledge Verlag, Abingdon 2019

Stefan Paulus, Sie warnen in Ihrem neuen Buch vor einer «Verbetrieblichung der Lebensführung». Ist das die Schattenseite der ganzen Sinnhaftigkeit, Flexibilität und ständigen Erreichbarkeit?

SP: Die Verbetrieblichung der Arbeitskraft haben wir hinter uns. Nicht mehr das Fliessband gibt den Rhythmus der Arbeitstätigkeit vor, wie damals im Fordismus, sondern die Angestellten müssen ihre Arbeit selbst organisieren. Heute, durch die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, erleben wir eine Durchmischung von Arbeits- und Privatleben. Ich kann morgens zwei Stunden aufs Velo, schreibe danach einen Text und treffe mich zwischendurch noch mit Freunden. Wir sind also nicht mehr nine-to-five unterwegs, sondern beschäftigen uns permanent mit unserer Arbeitstätigkeit. Die Verbetrieblichung der Lebensführung funktioniert ähnlich: In einer Studie haben wir festgestellt, dass Eltern auch die Kinderplanung unter selbstökonomisierten Aspekten angehen. Sie überlegen sich sehr genau, wann der beste Zeitpunkt ist und planen ihr Privatleben ähnlich wie einen Produktionsprozess in der Arbeitswelt. Und da muss man sich, wie auch in der betrieblichen Unternehmensführung, fragen: Zu welchen Kosten? Das Problem ist ja, dass man Tätigkeiten wie zuhören, trösten, zärtlich sein schlicht nicht ökonomisieren kann. Dafür braucht man Zeit, einen Kuss, eine Umarmung kann man nicht effizienter gestalten. Diese Einstellung wirkt sich auch auf die Lebensführung aus: Alles hat einen Kosten-Nutzen-Faktor, eine Schwangerschaft, die Pflege von alten Menschen, die Kinderbetreuung.

Das Leben wird von einem permanenten ökonomischen Subtext bestimmt.

SP: Das kann man so sagen. Dazu gehört auch der Fitnesskult, die permanente Selbstoptimierung. Man will sich fit trimmen, um auf dem Datingmarkt effizient und bei der Arbeit fit zu sein. Der Körper ist das Kapital. Man protzt heute nicht mehr mit dem Auto, sondern mit dem Bizeps. Und überwacht die eigene Entwicklung ganz genau mit digitalen Tools.

Was macht die Digitalisierung oder besser: Algorithmisierung sonst noch mit uns?

AP: Die Digitalisierung ist ja eine Fortführung der Automatisierung. Sie soll uns helfen, gewisse repetitive Tätigkeiten, die für uns Menschen mühsam und langweilig sind, auszulagern und zum Beispiel an Computer abzugeben. Anders als bei der Automatisierung können die Maschinen heute untereinander kommunizieren, sie sind vernetzt und können immer komplexere Tätigkeiten ausführen. Sie sind intelligent, sie lernen.

SP: Das ist eine grosse technologische Revolution, die die Produktion noch effizienter machen wird, ähnlich wie die technologischen Revolutionen davor. Eine Studie der Oxford Universität sagt, dass durch die Algorithmisierung die Hälfte aller Erwerbsarbeitsplätze verloren gehen wird in den nächsten zehn Jahren. Eigentlich eine grossartige Utopie: Die Menschen werden von Maschinen ersetzt und müssen nicht mehr arbeiten gehen – wenn wir nicht in einer Gesellschaft leben würden, in der erwerbslose Menschen massive Beeinträchtigungen erleiden. Leider ist das aber so, denn diese Revolution ist nicht demokratisch, sondern wird von Firmen und Interessen vorangetrieben. Die Profite werden nicht vergemeinschaftet, sondern bleiben in den Händen von einigen wenigen. Die Erwerbslosen werden so zu einem Problem, da sie scheinbar überflüssig sind. Die Frage ist: Was passiert mit diesen Menschen?

In Ihrem Buch zur Sozialen Frage 4.0 versuchen Sie genau diese Folgen zu beleuchten. Können Sie ein Beispiel machen?

AP: Nehmen wir die Plattformökonomie. Gewisse Jobs, die bisher ortsgebunden waren, werden heute auf globalen Plattformen ausgeschrieben und von sogenannten Klick-Workern ausgeführt. Eine Firma in St.Gallen sucht also eine Lösung für ein bestimmtes Problem, zieht aber nicht die Leute in der Region hinzu, sondern schreibt den Job weltweit aus und bezahlt einen kleinen Betrag an die Person mit der besten Idee. Das Problem ist, dass diese Click-Workerinnen und -Worker keine Festanstellung haben, also auch keine Sozialleistungen, und im permanenten Wettbewerb stehen. Am meisten von diesem Modell profitieren die Betreiber dieser Plattformen, die die Dienstleistungen vermitteln, ähnlich wie bei Uber. Darum zahlen sie auch oft keine Steuern. Weil sie sagen: Wir erbringen ja keine Leistung in dieser Region, wir vermitteln sie nur.

Ein bisschen wie Zuhälter.

AP: Nur dass diese Plattformen auch noch eine sehr starke Tendenz zur Monopolbildung haben, mit entsprechend negativen Folgen für die, die davon abhängig sind. Wenn es in St.Gallen 50 Plattformen für Essens-Lieferservice gäbe, könnte keine davon leben. Das rentiert je mehr, desto weniger Player es auf diesem Markt gibt.

Was sind die sozialen und gesellschaftlichen Folgen solcher Entwicklungen?

SP: Die Prekarisierung wird weiter zunehmen. Wenn zum Beispiel eine Firma nur noch mit Click-Working arbeitet, braucht sie irgendwann keine Festangestellten mehr. Für Leute, die mit dem Handy in Somalia oder in Pakistan mit solchen Click-Working-Aufträgen ein bisschen Geld verdienen, mag das eine grosse Chance sein. Aber für Menschen in so einem Lohndumping-Geschäft, die in der Schweiz ihre Lebenshaltungskosten stemmen müssen, ist das eine Katastrophe. Wenn diese Form der Digitalisierung nicht sozialverträglich gestaltet wird – mit einer Politik, die es heute so noch nicht gibt –, wird der Wettbewerb um die verbleibenden Aufträge immer grösser und die Erwerbslosigkeit nimmt zu. Das führt zu einer Schwächung der Sozialversicherungssysteme, was wiederum zu sozialen Verwerfungen führen kann, ähnlich wie damals bei der Industrialisierung, die in eine Massenverelendung mündete. Wir in den Industrienationen spüren das noch nicht so, aber global sind diese Tendenzen da.

Was heisst das für die Zukunft?

SP: Bisher hat jede technologische Revolution soziale Bewegungen hervorgebracht. Die aktuelle Klimabewegung zum Beispiel könnte auch dazu beitragen, dass sich die soziale Frage wieder neu artikuliert. Letztlich geht es ja um eine soziale Zukunft. Wie das dann verhandelt wird, wer mehr Macht, wer am Schluss die Deutungshoheit hat, kann ich aber nicht sagen.

Woher nehmen Sie Ihren Optimismus? Es gab in der Vergangenheit unzählige Bewegungen, die sich für eine gerechtere, nachhaltigere und solidarischere Welt eingesetzt haben – mit bescheidenem Erfolg.

SP: Ich sage ja nur, dass es so sein KÖNNTE. Vielleicht müssen wir auch weniger von einer Revolution sprechen und stattdessen in evolutionären Prozessen denken. Dass jetzt auch die Konservativen in Deutschland für den Atomausstieg sind, hätte ja in den 80er-Jahren niemand zu träumen gewagt. Der Diskurs muss sich entwickeln und die progressiven Stimmen müssen Eingang in den Mainstream finden.

AP: Ich hoffe, dass die Menschen, die jetzt neu zu einem Protest kommen, sich nicht mehr auseinanderdividieren lassen, sich nicht mehr vom Narrativ «Wir in der Schweiz gegen euch im Süden» kaufen lassen. Ich wünsche mir eine Verbundenheit mit den Menschen im globalen Süden und dass die globalen Zusammenhänge wieder hergestellt werden. Es ist gut, dass die Leute wieder mehr über ihren privaten Konsum nachdenken, dass sie sich fragen, welche Folgen etwa das Coronavirus nicht nur für sie selber, sondern auch für Menschen in anderen Erdteilen hat.

Trotzdem spalten die Rechten munter weiter: Grenzen werden dichtgemacht, die SVP will die Entwicklungshilfe streichen, Orban werkelt an seiner Diktatur und Deutschland holt lieber tausende rumänische Spargelstecher ins Land als Geflüchtete aus den griechischen Lagern…

AP: Ja, die Populisten profitieren von der Ungewissheit, egal ob es um Corona oder um den technologischen Wandel geht. Niemand kann seriös beantworten, wie die Welt in zehn Jahren aussieht. Da sind einfache Rezepte wie «Wir gegen die» natürlich attraktiv…

SP: Sie machen vor allem zwei Dinge: Sündenbock-Politik betreiben und Feindbilder beziehungsweise Gefahren heraufbeschwören. Zum Beispiel Trump: Es ist nicht bloss ein Virus, sagt er, es ist ein chinesisches Virus. Die Komplexität und die eigene Verantwortung werden ausgeblendet und geleugnet, weil man dadurch nicht selber handeln muss, sondern anderen die Schuld geben kann. Auf der politischen Ebene werden darum stets sehr einfache Antworten auf diese komplexen Fragen angeboten: ein starker Staat, ein starker Führer, mehr Recht und Ordnung. Wo das hinführt, ist bekannt.

Die Rechte weiss auch die digitalen Möglichkeiten sehr gut für sich zu nutzen. Ganze Troll-Armeen werden mobilisiert, Verschwörungstheorien waren noch nie so weit verbreitet, und überall ploppen «alternative Medien» aus dem virtuellen Boden.

SP: Verschwörungstheorien zu verbreiten, wissenschaftliche Erkenntnisse zu manipulieren, Lügen, um das Verhalten von Menschen zu steuern: Das waren schon immer Mittel der Rechten, und das haben sie seit Jahrzehnten perfektioniert, unabhängig vom Medium.

AP: Das Problem ist, dass über die neuen Kanäle heute alles ungefiltert «rausgekotzt» wird, Dinge und Positionen, die vorher wenig Verbreitung gefunden haben. Wenn irgendein Spinner irgendetwas rausgelassen hat, habe ich das vor vierzig Jahren nur mitgekriegt, wenn ihm irgendwer eine Plattform gegeben hat. Heute kann er sich die Plattform selber schaffen, es gibt ja die vielfältigsten Kanäle.

…und viel zu wenig Medienkompetenz bei vielen Konsumentinnen

AP: Das kommt noch hinzu. Aber das ist auch ein gesellschaftlicher Lernprozess, denn geschichtlich gesehen reden wir hier von einem sehr kurzen Zeithorizont. Vor 15 Jahren hätte man auf einem alten Nokia-Handy noch keinen Twitter-Bot programmieren können. Gesellschaftlich hinken wir den technologischen Entwicklungen noch hinterher. Und da kommt auch die Generationenfrage wieder ins Spiel. Ich selber fühle mich manchmal auch alt, wenn ich mich wundere, wenn Leute im Bus anscheinend mit sich selber sprechen. Dabei sind sie eigentlich am Telefonieren.

Was können wir denn tun, dass sich diese (altersunabhängige) Generationenfrage, die wie gesagt vor allem ein Clash der Progressiven und der Konservativen ist, nicht noch mehr verschärft?

AP: Wir brauchen eine Zukunftsvision, gerade auch für die Schulen. Wenn ich als Erziehungswissenschaftler nicht weiss, was die Kinder in zehn Jahren brauchen, wird es schwierig, sie in der Schule einzusperren. Ich muss ihnen den Sinn erklären können. Aber genau das ist das Problem: Es gibt diese Zukunftsvisionen noch nicht wirklich, sie sind nicht greifbar. Wir brauchen also dringend Utopien. Und Plattformen, um über diese zu streiten.

SP: Es geht in der Zukunft nicht darum, mit aller Gewalt die bestehenden Verhältnisse zu retten, sondern ins Soziale zu investieren, nicht in die Konkurrenz. Wir müssen die Schwachstellen der Wirtschaft ausmachen, nachhaltiger produzieren und wieder global denken, aber lokal handeln. Das bedeutet, dass wir nicht auf «die Grossen» schauen, sondern uns fragen: Was machen eigentlich die Leute? Bei uns in Schwellbrunn zum Beispiel organisieren sie gerade unabhängig von Parteizugehörigkeit und Alter eine Nachbarschaftshilfe. An solchen Beispielen kann man vom Kleinen aufs Grosse schliessen.

AP: Das Experimentierfeld geht ja gerade erst auf. Der Mut wächst in der Krise. Klar gibt es auch die Gegenbewegung, aber die Offenheit, Dinge mal anders zu machen, ist genauso da. Ich hoffe darum, dass die momentane Krise die Räume zum Nachdenken wieder öffnet.

SP: Wir müssen uns die globale Dystopie, in der wir leben, auch bewusst machen und uns am Bestehenden abarbeiten. Nur so kommen wir zu einem anderen Zustand und können Bündnispartnerschaften entwickeln, die über die Alters-, Geschlechter- und Herkunftsgrenzen hinausgehen.

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

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