Mit «Planet Erdbeertörtli» haben Projekt ET ein leichtfüssiges Album vorgelegt. Begegnungen in der Provinz. Oder was man dafür hält.
Man fragt sich, natürlich nicht ganz ohne kantonsstädtische Überheblichkeit, immer wieder: Warum Wil? Diese politische Radikalisierungsprovinz, die Heimat von Karin Keller-Sutter, von Lukas Reimann, lästiger Zwischenhalt, auch für dubiose Fussballinvestoren. Rechte Fussballfans, jüngst ein Rassismus-Skandal des Vereinspräsidenten. Stabile bürgerliche Mehrheit im Stadtparlament. Genug Stoff für urbane Vorurteile. Oder aber für ein Rapalbum.
Mit Planet Erdbeertörtli, das am 3. Dezember erscheint, hat die Rapcombo Projekt ET ein Album veröffentlicht, das ausgehend von dieser beschaulichen Kleinstadt ein paar Dinge geraderückt. Und, mit Adorno gesprochen, das schöne Leben im Schlechten und sich selbst feiert.
Die Nähe zur Natur
Projekt ET, das sind Jan Räbsamen alias Epik und Gian-Andri Stahl, Rappername Takle. Beide sind sie in Wil aufgewachsen und in Wil geblieben. Und wenn sie von ihrer Wahlheimat sprechen, dann klingt das, gerade im Kontrast zu den Texten auf dem Album, fast etwas brav und bieder. Denn im
Album gibts Rabatz, Ladendiebstahl, werden mal wieder HSGler:innen und sonstige Stressköpfe kollektiv aus der Engelgasse geschmissen oder sonst vermöbelt. In Wil aber, so erzählen beide, da geniessen sie die Idylle, die «Nähe zur Natur». Hier habe man seine Ruhe, wohne aber auch in der Nähe von St.Gallen und Winterthur.
Dass aber diese bürgerliche Sonntagsruhe immer teuer erkauft ist und ohne Ausschluss nicht geht, ist eine alte politische Weisheit. Sie springt einem musikalisch auch im Album immer mal wieder an den Kopf, spätestens im dritten Track Quartier, wenn Takle und Epik eine Stadt voller Fasnachtsbeizen skizzieren. Und sie brettert einem beim Track Wert dini Stadt ab mit 180 entgegen, man will und muss allerspätestens im Refrain dann durchdrehen und kaputt machen, was uns kaputt macht: die Stadt der Luxusgeschäfte, der Popups, der ökonomischen Verwertung. Denn auch hier wieder alte Weisheiten: Gentrifiziert werden eben nicht nur die Grossstädte und die Europaallee, sondern auch die Bahnhofstrasse in Wil. Und dann ist es nur folgerichtig, dass sich im Song SUV und BMW auf CVP reimt.
«Wil ist zwar heimelig und schön», sagt Epik. «Aber die Stadtentwicklung zeigt hier eher in Richtung Autobahnanschluss, statt dass sich die Stadt irgendwie progressiv verändern würde.» Natürlich beschäftige es einen, was für Auswirkungen eine konservative Mehrheit auf die Stadt habe, ergänzt Takle. Das beginne bei Schweizerfahnen in Vorgärten und SUVs und höre irgendwo bei Aufwertung von Quartieren auf.
«Alles brennt»
Was man dagegen machen kann? Schweizerfahnen klauen. Oder Ladendiebstahl. So die erstbesten Rezepte aus dem Album und dem insurrektionalistischen Massnahmenkatalog. Das kommt natürlich gut an in der Szene. So auch an diesem kalten Sonntagabend auf dem noch immer brachliegenden Areal des Bahnhofes St.Fiden, wo die einen grossspurig von fortschrittlicher Stadtentwicklung schwafeln, aber nur ihre eigene Wohlfühloase und Lohnarbeit meinen. Und die anderen an diesem Sonntagabend nebenan Dosenbier trinken und Geld sammeln für ein linkes Radio.
Das ist ein Heimspiel für Takle und Epik. Schliesslich kennt man sich. Projekt ET, das ist auch sowas wie ein musikalisches Schmiermittel für eine kulturell doch immer sehr diverse linke Szene. Nicht wenige singen hier jede Textzeile mit. Und die Psychedelic-Boys der ersten Band des Abends tanzen in der ersten Reihe mit. Hier verschwimmen auch die Szenen, die sich vor 15 Jahren noch verflucht hätten und jetzt in postmoderner Uneindeutigkeit zu allem tanzen, was halt tanzbar ist. Klingt ja auch logisch.
So kuschelig und dankbar diese Szenen auch sind, immer darin feststecken möchten Takle und Epik nicht. «Natürlich erhoffen wir uns auch Feedback aus der Schweizer Rapszene», sagt Takle. «So sehr wir die Abende auch schätzen, aber wir wollen nicht die nächsten zehn Konzerte wieder nur im Engel vor denselben 15 Nasen spielen.»
Man merkt es den meisten Songs an, dass sie auch auf diese Livemomente hin geschrieben und arrangiert sind. Auf eingängige Phrasen, einen tanzbaren Grundrhythmus. Es ist kein Zufall, dass das Intro bei Wert dini Stadt ab ein wenig klingt wie bei Zugezogen Maskulin, die in Alles brennt auch gerne alles, inklusive sich selbst, kaputtgehen lassen möchten. Denn wenn schon Weltuntergang, dann gerne im Moshpit.
Albumtaufe in Wil
Doch nicht alle Tracks haben diese Ernsthaftigkeit. Die meisten sind verspielt, leicht und immer auch etwas selbstironisch. «Natürlich hau ich mit meinen 60 Kilo niemandem die Fresse ein», sagt Epik beim Gespräch im Schwarzen Engel und lacht. Schliesslich gehe es aber halt, wie so oft im Rap, auch ums Gepose. Aber alles im Rahmen und oftmals auch sehr kreativ und immer irgendwie subersiv: «Wa chratzt mi din Porsche, i chratze din Porsche». Und immer mal wieder eine politische Anspielung. Hier Solidarität mit Rojava, dort ist etwas «hanns-martin-schleyerhaft».
Projket ET: Planet Erdbeertörtli, erschienen am 3. Dezember
Plattentaufe: 8. Januar, 21 Uhr, Gare de Lion, Wil. Afterparty und Support: Yung Randstei und yung porno büsi
garedelion.ch
Das ist raptechnisch auf einem ähnlich stabilen Level wie die letzte EP Nur so am Rand und das Kauderwelsch-Mixtape. Vielleicht sogar noch ein Tick stringenter im Inhalt und zugänglicher. Klar besser geworden ist hingegen die Soundqualität, für die sich die beiden Fabio Glanzmann (Fraine) ins Boot geholt haben, der das Album abgemischt und aufgenommen hat. Inhaltlich wünscht man sich – wenn schon kleinstädtische Provinz – da und dort dann vielleicht doch noch etwas mehr Interesse für andere abgehängte Lebensrealitäten als die eigenen. Die finden sich aber eher in den Fasnachtskneipen als im Engel oder Rümpeltum.
Jetzt wird das Album am 8. Januar 2022 aber erstmals gebührend getauft. Im Gare de Lion in Wil, versteht sich. Denn da sind sich beide einig: Wenn alle abhauen, dann lohnt es sich doch umso mehr, dazubleiben. Und vielleicht lässt sich der Autobahnanschluss ja doch noch verhindern. Und wenn nicht, dann immerhin Weltuntergang mit guter Musik und gutem Essen: Erdbeertörtli.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.