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Teure Theater-Sterbehilfe

Im Theater St.Gallen spielen die Zuschauer:innen «Gott»: Sie entscheiden im gleichnamigen Stück von Ferdinand von Schirach über Leben und Tod der Protagonistin. Allerdings nicht alle: Es gibt fast nur Karten der teuren Preiskategorien.
Von  Peter Surber
Der Ethikrat tagt: Marco Luca Castelli (vorn) und Ensemble. (Bilder: T+T Fotografie)

Autor Schirach hat es mit existentiell zugespitzten Situationen und plakativen Titeln. In Terror (2015, in St.Gallen 2017) ging es um einen Flugzeugabsturz, in Gott ist jetzt Sterbehilfe das Thema. Bei der Erstausstrahlung der TV-Verfilmung von ARD und SRF im November 2020 sassen 3,5 Millionen Zuschauer:innen vor den Bildschirmen. Eine halbe Million stimmte am Schluss ab, mit klarem Ergebnis: Gut 70 Prozent wollten dem 78-jährigen Sterbewilligen das tödliche Medikament und damit einen assistierten Suizid zugestehen, 30 Prozent waren dagegen.

Ähnliche Resultate, mit bis zu 85 Prozent Ja-Stimmen, resultieren bei fast allen der bisher über 50 Gott-Inszenierungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz gemäss der Website gott.theater. Nur an drei, vier Orten ergab sich eine Nein-Mehrheit.

In der Schweiz ist Sterbehilfe, anders als in Deutschland, von dessen Gesetzgebung Autor Schirach ausging, unter definierten Voraussetzungen erlaubt – die St.Galler Fassung von Schauspieldirektorin Barbara-David Brüesch und Regisseur Jonas Bernetta passt die Frage deshalb an: Soll Elisabeth Gärtner, 78-jährig, das tödliche Medikament Natrium-Pentobarbital erhalten dürfen, obwohl sie kerngesund ist? Das Publikum, jedenfalls an der von uns besuchten dritten Vorstellung vom 3. Januar, stimmte klar: zwei Drittel für, ein Drittel gegen ärztliche Beihilfe in diesem Fall.

Kein Sinn mehr im Leben nach dem Tod des Mannes: Elisabeth Gärtner (Heidi Maria Glössner).

Kontrovers ist in der Schweiz weniger die Grundsatzfrage – Sterbehilfe ist bereits seit 1942 erlaubt, sieben private Organisationen bieten professionelle Sterbebegleitung an. Umstritten ist jedoch der Spielraum dieser Freiheit. Dessen Nuancen lotet im Stück, moderiert von Anja Tobler, ein hochkarätiger Ethikrat aus, zu dem auch das Publikum zählt. Allerdings eben nur ein handverlesenes – dazu später.

Freiheit mit Grenzen

Staatsrechtlerin Litten (Vera Bommer) stellt eingangs klar: Das Gesetz verbietet nur die direkte Sterbehilfe mittels «Todesspritze». Indirekte Beihilfe ist dagegen erlaubt, bei freiem Willen und wenn die Hilfe nicht aus Selbstsucht passiert. Alter, Krankheitszustand, Sterbensmotive: All das ist im Gesetz kein Thema, sagt die Juristin.

Engere Grenzen ziehen die Akademie der Wissenschaften und der Ärzteverband FMH. Im Ethikrat beruft sich FMH-Vertreter Sperling (Marco Luca Castelli) auf deren 2022 verabschiedeten Kodex: Suizidhilfe bei gesunden Personen ist medizin-ethisch nicht vertretbar. Daran halten sich die Sterbehilfe-Organisationen, auch wenn sie eine liberale Praxis fordern.

«Die Medizin ist ein moralischer Beruf»: die Ärzte Sperling (Marco Luca Castelli, rechts) und Keller (Julius Schröder), im Hintergrund Marcus Schäfer, Anja Tobler und Vera Bommer.

Die strengen Regeln aufzuweichen, würde nach Sperlings Überzeugung zu einer Kommerzialisierung des Sterbens führen, und dies nicht nur bei Alten, sondern etwa auch bei liebeskranken Teenagern: Töten als Tarifpunkt wie jeder andere Eingriff. Stattdessen müsse die Palliativmedizin ausgebaut werden, die schon heute für fast jedes Leiden eine Behandlung kenne, die die Würde der Patient:innen achte.

Berufskollege Keller (Julius Schröder) befürchtet gar einen «Dammbruch», wenn «das Sterben verhandelbar» wird, und erinnert an die Verbrechen unter dem Deckmantel der Euthanasie. Augenärztin Brandt schliesslich (Diana Dengler) hat es aus Gewissensgründen abgelehnt, als Ärztin des Vertrauens Frau Gärtner die tödliche Dosis zu verschreiben.

So einhellig kritisch die Medizin, so kompromisslos auf der Gegenseite die Haltung der «Patientin» Gärtner (Heidi Maria Glössner) und ihres Anwalts Biegler (Manuel Herwig). Sie bestehen auf der Autonomie des Menschen, über sein eigenes Leben und Sterben zu bestimmen. Gärtner will schlicht, «dass alle verstehen, dass es in Ordnung ist, dass ich sterben will» – weil sie sich selber mit dem Tod ihres Mannes abhanden gekommen sei. Und Anwalt Biegler bringt es auf den knappen, für die Publikumsmehrheit offensichtlich überzeugenden Punkt: «Wem, wenn nicht uns, gehört unser Sterben?».

Mein Tod gehört mir: Anwalt Biegler (Manuel Herwig).

Autor Schirach, selber Jurist, hat mit diesem Biegler einen plädierfreudigen Tausendsassa geschaffen, der für jedes Argument ein Gegenargument parat hat. Unter Manuel Herwigs geschliffene Klinge gerät vorallem der Vertreter der Kirche, Bischof Thiel (Marcus Schäfer).

Missbrauchsskandale, Fall Küng, Erbsünde und Inquisition, Moral und Bigotterie: Angriffsflächen gibt es reichlich, phasenweise wird das Stück zum schadenfrohen Kirchenbashing, witzig, aber ablenkend vom Thema, das der Bischof zu plazieren versucht: dass zum Leben Krankheit und Leiden dazugehören. Dass auch das Sterben einen Sinn haben kann, der über reines Nutzendenken hinausgeht.

Viel Debatte, wenig Theater

Schirachs Stück liefert reichlich Diskussionsstoff pro und kontra, hat allerdings mit Transzendenz oder spirituellen Aspekten nichts am Hut, befremdlich angesichts der «letzten Fragen», die das Thema aufwirft, aber vielleicht zeittypisch. Der Ethikrat tagt in einer stocknüchternen Arena (Bühne: Damian Hitz), die der HSG- und der Theaterarchitektur nachempfunden ist. Regisseur Jonas Bernetta setzt seinerseits auf weltliche Symbolik: Zwischen den Debatten lässt er die Figuren in einer Art Laufsteg-Choreografie die Plätze wechseln, passend zum Schaulaufen der Argumente.

Im übrigen vertraut die Inszenierung ausschliesslich dem Wort. Und traut sich selber zu wenig zu. Statt Theater erlebt man ein Podium, das auch als Hörstück durchginge, wortreich, beziehungsarm, emotionslos. Das Ende kommt dann ganz regiefrei: Sang- und klanglos wirft das Publikum reihum seinen Jeton in die Ja- oder Neinbüchse.

Heidi Maria Glössner (rechts), Diana Dengler.

Das ist zwar schmerzlos wie der Tod, den sich Frau Gärtner wünscht. Aber wenig für ein gesellschaftlich so aufgeladenes Thema. Und für einmal auch zu wenig fürs Geld. Das Theater St.Gallen verkauft für Gott nämlich nur die vordere Hälfte des Hauses. So sind die paar wenigen günstigeren Plätze fast alle längst weg – es bleiben die teuren Kategorien zwischen 50 und 60 Franken übrig.

Die heiligen Abostrukturen

Pressesprecher Johannes Hunziker erklärt auf Nachfrage: «Als Vorbühnenstück war Gott ursprünglich nicht zwangsläufig für das Grosse Haus gedacht. Wir haben intern auch darüber diskutiert, Gott in der Lokremise zu spielen. Nachdem die Wahl dennoch auf das Grosse Haus fiel, entschlossen wir uns, nicht den ganzen Saal dafür zu öffnen – auch, damit eine speditive Abstimmung möglich ist.»

Per se seien dadurch keine Billettkategorien ausgeschlossen worden, aber das Angebot an günstigen Plätzen sei beschränkt. «Wir hatten intern diskutiert, die Karten zu einem Einheitspreis zu verkaufen (wie in der Lokremise), mussten davon aber aufgrund von Abostrukturen Abstand nehmen.»

Ferdinand von Schirach: Gott
Weitere Vorstellungen bis 19. März

Talk im Studio mit Expert:innen:
13. Januar, 17 Uhr
25. Januar, 19 Uhr
18. Februar, 17 Uhr

konzertundtheater.ch

Als Kompensation gebe es, neben den Rabatten für U30-Club und Kulturlegi, eine Zusatzermässigung für AHV-Bezüger:innen am Sonntag 21. Januar, einen Rabatt von 50 Prozent für IV-Bezüger:innen samt Begleitperson sowie einen verdoppelten Gruppenrabatt für Leute aus Berufen, «die quasi aus professionellen Gründen am Problemkomplex von Gott interessiert sein könnten».

Auch wenn das Theater betont, trotz knapper Plätze «für alle offen zu sein»: Bei dieser Preispolitik hatte offensichtlich ein Gott die Hand im Spiel, der es nicht gerade mit Gerechtigkeit und Gleichheit und Zugänglichkeit hält. Und dies ausgerechnet bei einem Thema, das, wie Frau Gärtner sagt, uns alle angeht und betrifft.

 

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