Liebes Openair St.Gallen
Drei Tage war ich dieses Jahr wieder zu Besuch bei euch. Ich hatte eine gute Zeit. Vor allem Florence, Zeal and Ardor und K.I.Z. haben es mir angetan. Danke, habt ihr es möglich gemacht.
Leider habe ich mich aber auch ordentlich über euch geärgert. Das hat schon im Vorfeld angefangen, als ihr die Acts vorgestellt habt. Findet ihr das wirklich normal, dermassen viel mehr männliche als weibliche Acts zu buchen?
Vor einem Monat habe ich mit Freundinnen und Freunden das Primavera Sound in Barcelona besucht. Dieses Festival findet unter dem Slogan «the new normal» statt. «The new normal» bedeutet, dass niemand normal ist und auch niemand diskriminiert werden soll. Zum Beispiel wegen sexueller Orientierung, Geschlecht, Hautfarbe, Herkunft etc. Eine grosse, lustvolle und ernstgemeinte Kampagne, die für Besucherinnen und Besucher unübersehbar war und grossen Anklang fand.
Bei euch gab es letztes Jahr eine Podiumsdiskussion zum Thema Belästigungen und Übergriffe am Openair und auch sonst im Ausgang. Ich hätte mir von euch gewünscht, dass dieses Thema von euch im grösseren Stil wieder aufgegriffen worden wäre. Da es noch immer ganz viele kleinere und auch krassere Übergriffe an Festivals, im Ausgang aber auch im Alltag gibt.
Zu «the new normal» gehört aber auch, dass ganz selbstverständlich gleichviele weibliche wie männliche Acts gebucht werden. Wir haben in drei Tagen in Barcelona Janelle Monae, Snail Mail, Tierra Whack, Courtney Barnett, Rosalia, Flohio, Mykki Blanco, Princess Nokia, The Mani-Las, Rico Nasty, Robyn, Julien Baker, 070 Shake, Gangsta Boo, Yaeji, Soccer Mommy, Christine and the Queens, FKA Twigs, Julia Holter, Lizzo, Tirzah, Roisin Murphy, Kali Uchis, Little Simz und The Mystery Of The Bulgarian Voices feat Lisa Gerrard gesehen.
Alles unglaublich inspirierende und qualitativ hochstehende Musikerinnen und/oder queere Menschen. Neneh Cherry, Chynna, Ivy Queen, Nilüfer Yania, Erykah Badu, Solange, DJ Marcelle und Cupcakke hätten auch gespielt – unter anderem –, leider haben wir diese verpasst. Wo waren diese Acts bei euch? Sie wären gerade auf Tour und die meisten zu einem realistischen Budget bookbar gewesen.
Dass ihr dann auch noch mit einer superdiskriminierenden WC-Politik nachdoppelt, habe ich nicht kommen sehen. Die Anzahl Toi-Tois hinter der Sternenbühne wurde auf drei (!) reduziert. Daneben standen noch mobile Pissoirs. Bereits am Freitagabend waren diese so überlaufen, dass wir Besucherinnen durch eine grosse Pfütze Pisse waten mussten, um uns dort erleichtern zu können. Das L’Eau du Pipi bis zur sonst so idyllischen Weinbar unter den Bäumen dürfte auch euch nicht entgangen sein.
Für die männlichen Gäste gibt es direkt neben der Hauptbühne eine Pissrinne. Warum gibt es kein tiefergelegtes Pendent eines ebensolchen für die weiblichen Gäste? Warum müssen wir uns soweit von der Hauptbühne wegbewegen und dann oft noch ewigs anstehen, wenn wir mal kurz müssen?
Vielleicht fällt es euch schwer, diese Vorwürfe als tatsächliche Ungerechtigkeiten zu sehen. Vielleicht wäre es einfach höchste Zeit, auch im OK eine angemessene (also plusminus 50%) weibliche Vertretung zu haben. Vielleicht wäre das auch echt wichtig, wenn ihr auch in Zukunft noch relevant sein wollt. Ich weiss nämlich noch nicht, wie ich meine Freundinnen überzeugen soll, wieder mit mir an euer Festival zu kommen.
Maja Dörig, 1984, arbeitet in der Gastronomie und ist Stadtparlamentarierin in St.Gallen.
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