Am 14. September findet in der Lokremise und in der Kirche St.Leonhard zum ersten Mal die Chornacht St.Gallen statt. Elf Chöre stimmen ein und hoffen auf offene Ohren. Am Mittwoch wurde das Projekt vorgestellt. V
Letztes Wochenende JungKult, dieses Wochenende St.Galler Fest. Dazwischen fällt die Pressekonferenz für ein neues Festival: Chornacht St.Gallen. Etwas beklommen fragt man sich: Braucht diese Stadt noch mehr Events? Sind wir nicht alle überfüttert, unsere Agenden hoffnungslos überfrachtet? Gibt es noch Interessierte für all diese Angebote?
Die Idee, mit einem Festival niederschwellig ein breites Publikum anzusprechen und mit einem bunten Programm-Mix den Appetit auf mehr zu wecken, haben andere Sparten vorgelebt: Museumsnacht, Tanzfest, Wortlaut… Da scheint es naheliegend, dass auch die vereinte Chorszene mit einem Fortissimo aus dem allgemeinen Rauschen heraustreten und öffentliche Aufmerksamkeit erhalten will. Zumal es allein in der Stadt St.Gallen mehr als dreissig Chöre und also hochgerechnet mehrere hundert aktive Sängerinnen und Sänger gibt.
Feuer fangen
«Wenn wir zusammenstehen, haben wir mehr Kraft und mehr Ausstrahlung», sagt Katharina Jud. Sie ist Dirigentin des Chors Vokal, der zusammen mit dem Tablater Konzertchor die St.Galler Chornacht initiiert hat. «Wir wollen das Feuer des Chorsingens in die Stadt tragen.»
Anstecken lassen kann man sich von Pop, Jazz, Klassik, Barock…. Elf Chöre machen mit: von der Kinder- und Jugendkantorei bis zum Chor des Bündnervereins, vom alteingesessenen Oratorienchor bis zur Neugründung VoiceUp, prominente Abwesende aus Termingründen sind andererseits der Bach-Chor und die Dommusik. Die Versammelten aber werden zum Abschluss um 22 Uhr tatsächlich zusammenstehen und gemeinsam einige Abendlieder anstimmen – wer Feuer gefangen hat, darf mitsingen.
Chornacht St.Gallen, 14. September 2019, ab 17 Uhr, Lokremise und Kirche St.Leonhard
chornacht-sg.ch
Im Hauptprogramm ab 17 Uhr präsentieren sich die Chöre in Einzelauftritten von je einer knappen halben Stunde in der Lokremise und in der Kirche St.Leonhard. Die beiden Orte sind nah genug, dass das Publikum zirkulieren kann. Das ist ausdrücklich erwünscht und auch während eines Konzerts gestattet. Die Säle werden nicht durchgehend kompakt bestuhlt und in den Pausen gibt es Barbetrieb. «Ungezwungenes Hineinhören» lautet die Devise. Nicht einmal ein Eintrittsticket ist nötig, wer mag, gibt eine Kollekte.
Der Nachwuchs stimmt ein
Neues Publikum anzusprechen ist natürlich ein Ziel der Chornacht – sei es als Zuhörende oder als Neumitglied. Viele Chöre sind auf der Suche nach frischen Stimmen. Auf der Liste der Beteiligten stehen aber gar nicht wenige neue und tendenziell jüngere Chöre. An Begeisterung für den Gesang scheint es dem Nachwuchs also nicht zu fehlen, doch schrecken die Jüngeren vor den Traditionsvereinen zurück, gründen lieber einen neuen Chor oder engagieren sich in einzelnen Projekten. Vor diesem Hintergrund wird es für Alteingesessene interessant sein zu hören, welche neuen Töne angeschlagen werden. Neulinge wiederum können sich informieren, mit welcher Chorgemeinschaft und welchem Repertoire sie sich anfreunden könnten.
Die Chornacht-Idee ist nicht neu. In Freiburg findet seit 2016 jedes Jahr eine Chornacht statt. Luzern hat die Idee 2017 aufgenommen, Zug 2018, die nächste Durchführung ist 2021 geplant. Die Chornächte sind auf Genuss und auf Austausch angelegt, nicht auf Wettbewerb – im Gegensatz zu den Gesangsfesten.
Ein zweites, ebenso wichtiges Ziel ist für die Initianten der Chornacht die Vernetzung unter den Chören selbst. «Das hat eigentlich schon mit der Vorbereitung des Festivals begonnen», erzählt Bea Akeret. Die Präsidentin des Tablater Konzertchors ist auf die Idee angesprungen und hat zusammen mit dem Vokal-Präsidenten Joel Mähne und der Dirigentin Katharina Jud das Festival organisiert.
Die Kontakte und Gespräche mit den Chören seien sehr ergiebig gewesen – auch mit jenen, die dieses Jahr nicht mitmachen könnten, sagt Akeret. Man wisse selbst innerhalb der Chorszene recht wenig voneinander. Und so hofft sie, dass die Begegnungen an der Chornacht zu einem lebhaften Austausch und vielleicht auch zu Ideen für weitere gemeinsame Projekte führen.
Zuhören ist gefragt
«Vernetzung»: Der Begriff hat seit der Diskussion über das neue Kulturkonzept der Stadt so viel Konjunktur, dass er schon wieder leicht verdächtig klingt. Die Chornacht-Organisatorinnen haben ohne Zweifel ernst gemacht damit. Sie haben mit Ausnahme der reinen Kirchenchöre möglichst alle konzertant auftretenden Chöre auf Stadtgebiet kontaktiert und ihnen ein gutes Umfeld für einen Auftritt bereitet. Wenn das Festival dazu führen sollte, dass nicht nur das Auftreten, sondern auch das Zuhören interessant wird, dass also aus Sängerinnen und Sängern künftige Konzertbesucherinnen und -besucher werden, dann ist die Vernetzung tatsächlich an der Basis angekommen. Und damit hätte sich auch schlagartig die bange Frage erübrigt, ob es denn Publikum für die vielen kulturellen Engagements gibt.
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