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Vom Aufmunterungsmittel zur Zentrumslast

Letzte Woche hat Peter Stahlberger einen Vortrag über die städtische Kulturpolitik in St.Gallen gehalten. Ohne Konflikte und Kontroversen gings nie. Dennoch kommt der Historiker und Journalist zum Schluss: So schlimm stehts nicht um St.Gallen.
Von  Roman Hertler
Kulturpolitik war auch in St.Gallen stets konfliktbehaftet: Wenige Monate nach der Eröffnung brennt das St.Galler AJZ nieder. (Bilder: Stadtarchiv)

Vielleicht hat da auch etwas vom Schalk seines Sohnes Manuel Stahlberger auf den Vater abgefärbt. Genüsslich präsentierte Journalist und Historiker Peter Stahlberger an seinem Vortrag über die Kulturpolitik der Stadt St.Gallen seit der Nachkriegszeit eine Karikatur. Sie zeigt Niklaus Meienberg, der auf den St.Galler Stadtrat von 1990 pinkelt.

Die Zeichnung stammt aber nicht aus Stahlberger’scher Feder, weder vom Senior noch vom Junior, sondern vom Kulturellen Aktions-Komitee (kurz: KAK), das sich an der damaligen Kulturpreisverleihung an den streitbaren Journalisten störte, der die Frechheit besass, die St.Galler:innen wegen des Baus der Autobahn durch sein Heimatquartier St.Fiden in globo als «bohnenstrohdumm» zu bezeichnen. Und zum Dank soll ihm nun der aus St.Galler Steuergeldern finanzierte Kulturpreis zukommen. Das war für das bürgerliche Komitee, bestehend unter anderen aus Thomas Scheitlin (später Stadtpräsident), Canisius Braun (später Staatssekretär des Kantons St.Gallen) und Kurt Weigelt (später IHK-Direktor) zu viel des Guten.

Von «wüster Polemik» sprach Peter Stahlberger im bis auf den letzten Platz gefüllten Festsaal des St.Galler Stadthauses. Die Karikatur wurde im Postkartenformat an die St.Galler Haushalte verteilt mit der Aufforderung, diese zu frankieren und an den Stadtrat zu schicken. Im Stadtarchiv sind ein paar Exemplare erhalten geblieben, einige mit handnotierten Zusatzbotschaften wie «Stoppt die Verschwendung von Steuergeldern» und «Alle Linken an den Galgen!». Letzterer Bemerkung hatte die Post als kleine Gegenreaktion zusätzlich zum normalen Poststempel jenen der «Kulturstadt St.Gallen» aufgedrückt.

Meienberg als «Signer-Brunnen»: Auch die Skulptur des Künstlers Roman Signer im Grabenpärkli hatte seinerzeit für kulturpolitische Kontroversen gesorgt.

Solche Misstöne können im Zeitalter ungefilterter Onlinekommentarspalten kaum noch schockieren. Sie zeigen aber, wie emotional aufgeladen kulturpolitische Debatten immer schon waren. Als jüngeres Beispiel etwa der nicht vergebene städtische Kulturpreis an Milo Rau: 2018 hatte sich der Stadtrat, also wiederum ein Kreis um Thomas Scheitlin, über den Vorschlag der Kulturkommission hinweggesetzt und den Preis anderweitig vergeben. (Der Preis ging stattdessen an den ebenso verdienstvollen Sittertobel-Kunstgiesser Felix Lehner.)

Stadt übernimmt Häuser – Szene fordert Räume

In einer nur minimal überzogenen Stunde rauschte Peter Stahlberger, erwiesenermassen der mit Abstand regelmässigste Besucher der städtischen Archive, durch seinen Vortrag, ein Nebenprodukt aus seinen Forschungen, die er für seine geplante Nachkriegs-Stadtgeschichte anstellt. Mit feinem Humor und journalistisch geschultem Blick für die wichtigen Details, die die grossen Entwicklungsbögen veranschaulichen, zeichnete er kenntnisreich die historische Entwicklung der St.Galler Kulturpolitik nach.

Von ihren Anfängen in den 1950er-Jahren, als eine Paul-Klee-Ausstellung im Kunstmuseum noch die konservativen Gemüter zu erhitzen vermochte, und vom zunehmenden städtischen Engagement bei den grossen Kulturinstitutionen von Konzert, Theater und Museen, über die jugend- und alternativkulturellen Aufbrüche in den 70er- und vor allem den 80er-Jahren, wo es in erster Linie um Raumsuche ging und teils bis heute geht, wie zum Beispiel auch Peter Surber kürzlich auf Saiten online beschrieb.

Würde man heute nicht mehr so leichtsinnig abreissen: Das alte Stadttheater am Bohl, wo heute der McDonald’s steht.

Stahlberger verwies auch auf die «Neubauwut», der es geschuldet ist, dass in dieser Zeit enorm viel wertvolle historische Bausubstanz verloren ging, etwa das alte Theater am Bohl oder das «Helvetia». Andere Gebäude, wie der Kunklerbau, in dem bis heute das Kunstmuseum untergebracht ist und der wiederum auf baldige Sanierung hofft, konnten hingegen durch die Denkmalpflege vor dem Abbruch bewahrt werden.

Stahlberger erwähnte viele Kulturinitiativen, die erstritten werden mussten und das Stadtbild teils bis heute prägen: etwa die Grabenhalle, das Kinok oder, etwas aktueller, das Palace. Viele dieser Geschichten sind jüngst auch mit Erscheinen des St.Galler Jugendkulturbuchs «Güllens Grünes Gemüse» wieder in Erinnerung gerufen worden.

Stahlberger nennt auch gescheiterte Beispiele wie das AJZ, das wenige Monate nach Eröffnung niederbrannte (oder vielleicht eher: niedergebrannt wurde), oder die Reithalle, die nie zu einem langfristigen Konzertraum wurde. Immerhin sind dort heute neben der Reiterei auch günstige Musikproberäume und Kunstateliers untergebracht.

Es ist – wohl nicht nur in St.Gallen – bezeichnend, dass sich die alternative Kultur ihre Beiträge härter erkämpfen mussten als die etablierten Betriebe Konzert, Theater und Museen. Dass man mit dem AJZ ein erstes Mal den Forderungen der Jugend nach kulturellen Freiräumen nachkam, hatte auch mit der Angst der städtischen Behörden zu tun: Ausschreitungen nach dem Vorbild der Zürcher Opernkrawalle sollten tunlichst vermieden werden.

Als leuchtendes, aber oft unterschätztes Beispiel gelungener Kulturpolitik erwähnt Stahlberger das Lagerhaus. Dort hatte die Stadt die Kunsthalle, das Museum im Lagerhaus für Outsider Art, die Frauenbibliothek Wyborada, den Jugendkulturraum Flon, das Architekturforum oder Galerien und Ateliers untergebracht. Auch hier mit dem Hinweis, dass es oft private Initiative brauchte, um die städtische Kulturpolitik in Bewegung zu setzen.

Von «staatsfreier Sphäre» zur «wichtigen städtischen Aufgabe»

So etwas wie Kulturpolitik inklusive Förderwesen im heutigen Sinn gibt es in der Stadt St.Gallen erst seit der Nachkriegszeit. Die Stadt war 1945 hochverschuldet, die Stickereikrise wirkte noch immer nach. Gleichzeitig musste massiv in Schulbauten investiert werden: Der Babyboom war angebrochen.

Noch 1950 erteilte FDP-Stadtammann Emil Anderegg zwei Motionen eine Abfuhr, die eine starke Kulturförderung forderten. Im Gemeinderat sagte er: «Obschon das kulturelle Leben für ein städtisches Gemeinwesen von allergrösster Bedeutung ist, gehört es doch weitgehend in die staatsfreie Sphäre.» Peter Stahlberger kontrastierte diese Haltung mit dem Satz aus dem aktuellen städtischen Kulturkonzept, wonach der Stadtrat das Fördern und Ermöglichen von Kultur als wichtige städtische Aufgabe auffasst.

Gut möglich, dass Anderegg 1950 contre coeur zu seiner Aussage kam. Bis in die 50er-Jahre hinein hatte der lange nachhallende Kulturkampf des 19. Jahrhunderts zwischen den Liberalen und den Katholisch-Konservativen ein kulturpolitisches Engagement der Stadt verhindert. Weil sich die Liberalen zusammen mit den Sozialdemokraten stets weigerten, die katholische Sekundarschule (Flade) mit öffentlichen Mitteln auszustatten, sperrten sich die Konservativen im Gegenzug regelmässig gegen jegliche Kulturförderungsbestrebungen.

Anderegg war es denn auch, der zwei Jubiläen – 1300. Todestag von Gallus 1951 und 500 Jahre Zugehörigkeit der Stadt zur Eidgenossenschaft 1954 – zum Anlass nahm, um die konfessionellen Gräben zuzuschütten und betont ökumenische Feste zu begehen. 1954 wurde so auch der seither alle vier Jahre vergebene städtische Kulturpreis ins Leben gerufen. Dieser und die häufiger verliehenen «Aufmunterungspreise», eine Frühform der heutigen Förderungspreise, waren politisch unbestritten.

Erste Preisträgerin war die österreichisch-schweizerische Dichterin Regina Ullmann. Der Stadtrat achtete bis in die 70er-Jahre streng darauf, jeweils abwechselnd eine katholische und eine protestantische Person auszuzeichnen. Heute sei man richtigerweise eher daran interessiert, das extreme Ungleichgewicht zwischen den Geschlechtern wieder etwas zu korrigieren. Von den 18 Kulturpreisen seit 1954 gingen nach Regina Ullmann erst drei an Frauen: 1994 an Schriftstellerin Eveline Hasler, 2006 an Künstlerin Silvie Defraoui und letztes Jahr an Soziologin und Frauenarchivleiterin Marina Widmer.

Es steht immer noch 14:4 für die Männer. (Tabelle: Heinz Surber)

Mit dem Kulturpreis war der Grundstein für eine aktive Stadtsanktgaller Kulturpolitik gelegt. Die Ausgaben in diesem Bereich nahmen jährlich zu, wie eine Grafik mit der Entwicklung der städtischen Kultursubventionen seit Ende des Zweiten Weltkriegs zeigt. Die Kulturausgaben stiegen vor allem in den 70er- bis in die 90er-Jahre stark an.

Hier dargestellt sind lediglich die städtischen Kultursubventionen. Nicht mitgerechnet wurden die Ausgaben für andere Bereiche kultureller Aufgaben der Stadt wie Musikschule, Bibliothek, Denkmalpflege oder die Kulturbürokratie. Der kleine Ausreisser bei der «Alternativkultur» (graue Linie) im Jahr 2000 zeigt die Rettungsaktion des Openairs, das wegen hoher Band-Gagen und anderer Probleme beinahe konkurs gegangen wäre. Stahlberger dazu: «Es war richtig, dass sich die Stadt an der Sanierung des Festivals beteiligt hat.» (Grafik: Heinz Surber)

Was die Grafik ausserdem verdeutlicht und ein gewisses kulturpolitisches Sprengpotential birgt: Bis heute fliesst der allergrösste Teil der städtischen Kulturgelder in die sogenannt «etablierten» Institutionen (orange Linie). Stahlberger nennt sie «die drei Grossen»: Konzert, Theater und Museen.

Auf die «Alternativkultur» (graue Linie) – Stahlberger verwendet den für ihn unbefriedigenden Begriff nur in Anführungszeichen – entfällt bis heute nur ein Bruchteil der Kultursubventionen. Auch wenn sich der Anteil aus Sicht der «nicht Etablierten» seit den 1970ern massiv verbessert hat, entfallen auf diesen Bereich bis heute nur ein Fünftel der Kulturgelder.

«St.Gallen macht vieles richtig»

Auf diese kulturpolitische Debatte, die heute wieder zu führen wäre, verzichtete Stahlberger in seinem Vortrag. Dennoch verkniff er sich nicht die eine oder andere feine Spitze zum aktuellen Geschehen, etwa wenn er rhetorisch fragte, ob die biennale Austragung der St.Galler Festspiele auf einer Alpwiese wohl funktioniere, oder wenn er auf die Publikumsfrage nach dem Sinn oder Unsinn des Olmahallenneubaus knapp aber vielsagend seine Hoffnung ausdrückte, dass das Projekt finanziell nicht in die Hose geht.

Analytisch stellte Stahlberger in seinem Vortrag drei Merkmale der St.Galler Kulturpolitik fest: Kantonalisierung, Professionalisierung, Individualisierung. Der Stadt sei es seit den 1990er-Jahren gelungen, den Kanton von der überregionalen Bedeutung ihrer grossen Kulturhäuser zu überzeugen und dass diese also vom Kanton mitfinanziert werden sollten. Die Kantonalisierung sei politisch, gerade im Bildungs- oder Gesundheits- und Sozialwesen, ohnehin ein «Megatrend».

Desweiteren habe die Stadt nicht wenig unternommen, die kleineren und mittleren Kulturprojekte, die mit viel Freiwilligenarbeit initiiert wurden, auf stabile, sprich: professionalisierte und öffentlich mitfinanzierte Füsse zu stellen. Denn auch die Stadt hat gemerkt, dass es ohne Subventionen nicht möglich ist, ein vielfältiges Kulturangebot langfristig aufrecht zu erhalten.

Eine grosse Herausforderung für den Kulturbetrieb, den «alternativen» wie den «etablierten», sei die Individualisierung. Das Publikum stelle sich sein Kulturmenü heute selber zusammen und konsumiere nicht mehr einfach alles, was ihm vorgesetzt werde. Das zeige sich etwa an den Theaterabozahlen, die sich seit den 1980er-Jahren ungefähr halbiert hätten. «Es ist ähnlich wie in der Kirche, wo die Leute auch nicht mehr jeden Sonntag hingehen, egal was geboten wird», zog Stahlberger den Vergleich, für den er einige Lacher kassierte.

Nach Peter Stahlbergers Auffassung mache St.Gallen kulturpolitisch sehr vieles richtig, etwa wenn er sehe, wie gut sich der Stiftsbezirk mittlerweile präsentiere, «oder sagen wir es, wie es ist: vermarktet». Das kulturelle Angebot der Stadt sei reichhaltig. Eine Profilierung tue etwa beim Kunstmuseum not. Die Chancen dazu stünden gut mit der neuen Leitung, eine Sanierung könnte weiteren Schub verleihen. Auch beim Thema Textilien gäbe es noch enormes Verbesserungspotential.

Zum Schluss zitierte er nochmals eine Stelle aus dem aktuellen Kulturkonzept: «Schwerpunkte im kulturellen Angebot schärfen das Profil einer Kulturstadt St.Gallen. Bestehende Stärken werden gefördert und ausgebaut.» Das klinge doch eigentlich gut und mache Mut.

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