Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Keine Kunst ohne Arbeit, keine Arbeit ohne Geld»

Im St.Galler Stadtparlament stehen heute Dienstag Beitragserhöhungen an fünf städtische Kulturinstitutionen zur Diskussion. Der Widerstand von rechts trifft selbst das familientaugliche Figurentheater. Dieses hat reagiert.
Von  Peter Surber
Bild: Tine Edel

Wenn der Samichlaus krank ist, wenn Bär, Tiger und Tigerente sich auf den Weg nach Panama aufmachen, «Zippel Zappel» angesagt ist oder Mäuserich Frederick seine Farben für den Wintervorrat sammelt – dann sind die kleinen Stühle bis auf den letzten Platz besetzt. Die Vorweihnachtszeit ist die hohe Zeit des Figurentheaters St.Gallen. Aber das Haus an der Lämmlisbrunnenstrasse ist auch das Jahr über gefragt; über 10’000 Kinder und Erwachsene besuchen die im Schnitt 120 Vorstellungen pro Jahr.

Trotzdem gibt es jetzt politischen Gegenwind gegen eine geplante Subventionserhöhung. Und das Theater hat reagiert. «Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit», kann man seit Tagen im «Tagblatt»-Inserat des Figurentheaters St.Gallen lesen. Und weiter: «Damit wir weiterhin schöne Kulturerlebnisse zu familienfreundlichen Preisen anbieten und Theaterschaffende für ihre Arbeit anständig entlöhnen können, benötigen wir die Unterstützung der Stadt St.Gallen. Keine Kunst ohne Arbeit, keine Arbeit ohne Geld.»

Vor der Budgetdebatte kommen im St.Galler Stadtparlament  Subventionserhöhungen für fünf Kulturinstitutionen zur Sprache: Textilmuseum (plus 150’000 Franken), Figurentheater St.Gallen (plus 60’000), Sitterwerk (plus 15’000), Kunsthalle (plus 15’000) und Grabenhalle (plus 15’000). Bereits vom Stadtrat bewilligt wurden zusätzliche 10’000 Franken für das Kulturlokal Palace.

Hintergrund der Verlautbarung per Inserat ist die Debatte im St.Galler Stadtparlament zum Kulturkonzept von Ende November. Damals hatten CVP- und SVP-Vertreter die geplante Subventionserhöhung für das Figurentheater und andere städtische Institutionen schon vorweg in Frage gestellt. Heute Dienstag kommen die Vorlagen nun in den Rat, vor der Budgetdebatte. Die CVP will den beantragten Mehrbetrag von 60’000 Franken an das Figurentheater halbieren, die SVP lehnt ihn ganz ab, FDP, SP und Grüne werden ihm wohl zustimmen.

Aktuell bekommt das Figurentheater, 1956 gegründet und damit eine der traditionsreichen Institutionen der Stadt, von der Stadt 85’000 und vom Kanton 75’000 Franken. Dieser Betrag reiche nicht mehr, argumentiert das Theater, weil das Angebot in den letzten Jahren ausgebaut wurde, weil die Professionalisierung auch vor dem Kindertheater nicht Halt mache, und weil neue Angebote für grössere Kinder und Jugendliche geplant sind.

«Das Figurentheater St.Gallen richtet sich per 2020 neu als Kinder- und Jugendtheater aus. Dabei werden im Spielplan alle Altersstufen von 3 bis 18 Jahren berücksichtigt», steht einleitend im Konzept des Theaters, mit dem die Subventionserhöhung begründet wird. Für die kleinsten Besucher sei das Programm vielfältig – für Mittelstufen-Kinder, also die 9- bis 12-Jährigen, fehlten jedoch altersgemässe Theaterangebote in der Stadt, schreiben Stephan Zbinden und Frauke Jacobi, die das Figurentheater seit fünf Jahren gemeinsam leiten.

Theater auch für Jugendliche

Neben neuen Stücken für diese Altersklasse soll auch das Angebot für Jugendliche von 13 bis 18 Jahren erweitert werden, mit Projekten, die auch für Erwachsene interessant sind. Ausserdem plant das Theater eine Show, die von Jugendlichen mitgestaltet wird und Auftritte an alternativen Spielorten von Grabenhalle bis zum Talhof.

Gastspiel «Kafkas Schloss» mit Tristan Vogt im Figurentheater.

Weitere Ausbauschritte sind in der Zusammenarbeit mit Schulen und in Sachen Nachwuchsförderung geplant. Ausserdem will das Figurentheater stärker mit lokalen und nationalen Partnern kooperieren; neben den Produktionen im eigenen Haus spielt es bereits heute (in der Spielzeit 2019/20) 25 bis 30 Vorstellungen als Gastspiele im deutschsprachigen Raum – ein Umstand, der in der ganzen Diskussion um die Subventionserhöhung bisher kaum beachtet worden sei, wie Stephan Zbinden sagt.

Als weiterer Professionalisierungsschritt ist, neben der Arbeit mit Gästen, der Aufbau eines eigenen Ensembles geplant. Schliesslich sollen ein neues Foyer und zeitgemässe Werbung über Social-Media-Kanäle die öffentliche Wahrnehmung verstärken.

Drei halbe Stellen mehr

Für all diese Fortentwicklungen plant das Figurentheater 160 zusätzliche Stellenprozente. Der bei der Stadt beantragte Mehrbetrag soll es ermöglichen, professionelle Arbeit auch angemessen zu entschädigen – im bisherigen Betriebsmodell würden nur Spielentschädigungen für Laien, nämlich 50 Franken pro Auftritt, einkalkuliert.

«Zippel Zappel» mit Alena Baumgartner. (Bild: Stephan Zbinden)

Auch ästhetisch geht das Theater mit der Zeit. Was einst als «Puppentheater» begonnen hatte, positioniert sich heute als «modernes Figuren- und Materialtheater, im Austausch mit anderen Künsten». Mit den zusätzlichen Betriebsgeldern soll das «Fundament gelegt werden, um eines der führenden Kinder- und Jugendtheater der Schweiz zu werden».

Im Kanton war die Erhöhung des Beitrags unbestritten: Via Lotteriefonds hat der Kantonsrat im November einen Zusatzkredit von 250’000 Franken über fünf Jahre oder 50’000 (statt der beantragten 60’000) Franken pro Jahr bewilligt. Im Stadtparlament dürfte die Beitragserhöhung um 60’000 Franken jährlich trotz Widerstand von rechts eine Mehrheit finden.

«Alternative Subkultur»?

Was die SVP am Kulturgeld stört, blieb in der Novemberdebatte schleierhaft. Und ist auch aus einem Kommentar des Stadtparlamentariers Christian Neff auf saiten.ch zur damaligen Berichterstattung mehr zu erahnen als zu erkennen. Der Text fängt bei der «alternativen Subkultur» an (zu der weder Textilmuseum noch Figurentheater im Ernst zu zählen sind) und endet bei den fehlenden öffentlichen WCs am Marktplatz. Dazwischen plädiert Neff für «Tradition»: «Tradition im Sinne von: Man gibt aus, was man verdient hat. Man gibt aus, was man SELBST verdient hat. Als: Los, wir geben aus, was andere verdient haben, für etwas, das nur wenigen suchen und eigentlich niemand braucht.»

Nach dieser Logik könnte der Staat gleich als Ganzes einpacken – weder Schulen noch Spitäler noch Strassenbauer geben aus, was sie «selbst verdient» haben. Und dass Kultur etwas sei, das «nur wenige suchen» und «eigentlich niemand braucht», ist (wenn man die Polemik, die eine ganze Berufsgattung beleidigt, denn ernst nehmen wollte) durch die Besucherzahlen definitiv widerlegt.

«Keine Arbeit ohne Geld»: Diese Logik müsste aber eigentlich über alle Parteigrenzen hinweg einleuchten. Umso mehr, als in den zur Diskussion stehenden Institutionen erklärtermassen für wenig Geld viel gearbeitet wird, Details dazu hier. Dass Kultur notwendige Arbeit ist, lernen im Figurentheater übrigens schon Kleinkinder: Die Farben und Wörter, die der Mäusedichter Frederick den Sommer durch gesammelt hat, erweisen sich im Winter als lebensrettender Notvorrat für die Mäuse-Community.

Frederick, gespielt von Kathrin Bosshard. (Bild: Tine Edel)

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bren­nen­de Wa­den und leuch­ten­de Kat­zen

In leich­ten Pas­tell­tö­nen und dunk­len Öl­far­ben setzt sich der deut­sche Künst­ler Mar­cel Hüpp­auff mit dem Pro­fi­rad­sport aus­ein­an­der. Da­bei tre­ten in sei­ner Schau im Chambre Di­rec­te-Schubi­ger in St.Gal­len nicht nur Men­schen, son­dern auch Kat­zen in die Pe­da­le.

Von  Vera Zatti
IMG 0330

Ein Wer­den­ber­ger Po­lit­star – lau­fend, stri­ckend, stets ge­er­det

Mit Hil­de­gard Fäss­ler (1951–2026) ver­starb kurz vor ih­rem 75. Ge­burts­tag ei­ne der pro­fi­lier­tes­ten Ost­schwei­zer Po­li­ti­ke­rin­nen an den Fol­gen ei­ner schwe­ren Er­kran­kung. Nach­ruf ei­ner lang­jäh­ri­gen Weg­ge­fähr­tin.

Von  Käthi Gut
P8262285

Wo Kunst ent­steht

Ver­steckt im Sit­ter­tal pro­du­ziert die Kunst­gies­se­rei Wer­ke re­nom­mier­ter Künst­ler:in­nen. Da­bei gilt es oft, Neu­es aus­zu­pro­bie­ren und Lö­sun­gen zu fin­den – mit Zu­cker, Wachs und na­tür­lich Me­tall. Sai­ten er­hält ei­nen Ein­blick in das ver­rück­te Schaf­fen am Ran­de St.Gal­lens.

Von  Daria Frick , Bilder:  Andri Vöhringer
260708 Sitterwerk Andri Voehringer 11

FC St.Gal­len vs. Ben­fi­ca 2:1 – St.Gal­len schafft die Sen­sa­ti­on!

Der FC St.Gal­len ge­winnt ge­gen den haus­ho­hen Fa­vo­ri­ten aus Lis­sa­bon mit 2:1. Die gröss­te Sen­sa­ti­on, die die­ses Sta­di­on je ge­se­hen hat. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 4

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 4: Cy­prien Gail­lard – «When you ex­pect flu­tes, it whist­les», «Komm Glüückck» und Je­re­my Reeds Buch Du stirbst nur zwei­mal – Ein Syl­via Plath-/Vic­to­ria Lu­cas-Ro­man.

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Emma Kunzs grotte copy

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Flip­per im Mi­li­tär­dienst

Von  Jeremias Heppeler

Bad­hüt­te Ror­schach: Re­kon­struk­ti­on bis zum Tür­schar­nier

Die Bau­plä­ne sind ge­zeich­net, das Bau­ge­such liegt zur Vor­prü­fung bei der Stadt – doch noch ist ei­ni­ges rund um den Wie­der­auf­bau der Ror­scha­cher Bad­hüt­te zu klä­ren. Was pas­siert zum Bei­spiel mit all den an­ge­ros­te­ten und teils ver­bo­ge­nen Schar­nie­ren, Schlös­sern und an­de­ren Ei­sen­tei­len, die die Tau­cher aus dem See her­auf­ge­bracht ha­ben?

Von  René Hornung
Badhuette rorschach

«Sie wis­sen, dass ih­nen Ge­fäng­nis oder der Tod droht, wenn sie an Pro­tes­ten teil­neh­men. Und sie tun es trotz­dem.»

Moh­sen Ma­sou­di ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz ge­flo­hen. Heu­te lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Op­po­si­ti­on. Er er­zählt, war­um es die Schlies­sung der ira­ni­schen Bot­schaft braucht und was sich mit den Pro­tes­ten An­fang Jahr ver­än­dert hat.

Von  Matthias Fässler , Bilder:  Sara Spirig
260708 Redeplatz Mohsen Masoudi

Ein Pi­ra­ten­schiff am Bo­den­see­ufer

Das See-Burg­thea­ter macht aus sei­ner Pi­ra­tin­nen­ge­schich­te Die Le­gen­de von An­ne Bon­ny ein akro­ba­ti­sches Spek­ta­kel vom Feins­ten. Bei al­ler Som­mer­thea­ter-Leich­tig­keit hät­te man aber doch ein biss­chen mehr Eman­zi­pa­ti­ons­ge­schich­te er­war­tet.  

Von  Maria Schorpp
Piratencrew Bildnachweis Ilja Mess

Ei­ne ein­ma­li­ge Ge­burts­tags­par­ty

Zu sei­nem 20. Ge­burts­tag hat das Kul­tur­fes­ti­val am Wo­chen­en­de Bands aus St.Gal­len und der Re­gi­on zu ei­nem zwei­tä­gi­gen Kon­zert­fest ein­ge­la­den. Die­ses war so viel­fäl­tig wie ge­lun­gen – auch we­gen der Idee, Co­vers aus der Grün­dungs­zeit des Fes­ti­vals in die Sets ein­zu­bau­en. 

Von  David Gadze
Kulturfestival 20 Jahre Jubilaeum 2026 Kasimir Hoehener

Bregenzer Festspiele

Mehr als die See­büh­ne: Ent­de­ckun­gen an den Bre­gen­zer Fest­spie­len

Von  Nathalie Grand
Pressetag broucek anjakoehler 260236

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 3

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 3: «Was der Kai­ser noch sah», Olaf Breu­ning – «Hu­mans» und Oria­na Bruseghi­ni  – Das ver­las­se­ne Ret­tungs­boot. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Colazione Sull Erba Pfister Noemi copy

Von Mo­de und Kör­pern

Wie setzt Fo­to­gra­fie Mo­de in Sze­ne? Und wer fo­to­gra­fiert da­bei ei­gent­lich wen? Das Tex­til­mu­se­um St.Gal­len gibt mit «Mi­se en Scè­ne» Ein­bli­cke in 120 Jah­re Mo­de­ge­schich­te. Es ist die letz­te Schau vor dem Mu­se­umsum­bau. 

Von  Vera Zatti
TMF 22 4 1 V