Draussen vor dem Waaghaus, vor der Debatte demonstrierten mehrere Dutzend Kulturschaffende unter dem Slogan «Kultur in Sicht?» mit Feldstechern, Operngläsern und Flyern für eine «innovative und vielfältige Stadt». Initiantin der Aktion war die IG Kultur Ost.
Drinnen sagte Etrit Hasler den Satz, der den Masstab setzte: «Wir können nicht erwarten, dass Künstlerinnen und Künstler wie Profis agieren, aber wie Laien bezahlt werden.» Es gebe einen starken Nachholbedarf bei den Löhnen und Honoraren generell im Kulturbereich, sagte der SP-Vertreter bei der Behandlung der Subventionserhöhung für das St.Galler Figurentheater.
Das sah auch die Mehrheit im Waaghaus so. Nach dem St.Galler Kantonsrat (in der Novembersession, der Bericht hier) hat das Stadtparlament am Dienstag seinerseits sein kulturförderliches Gesicht gezeigt und für fünf Institutionen höhere Betriebsbeiträge beschlossen – Gelder, die schwergewichtig in Personalkosten fliessen.
Bereits für 2019 wirksam werden eine Subventionserhöhung von 150’000 Franken für das Textilmuseum, von 15’000 Franken für die Stiftung Sitterwerk und (vom Stadtrat beschlossen) von 10’000 Franken für das Palace. Ab nächstem Jahr gibt es zudem 60’000 Franken mehr für das Figurentheater, 30’000 Franken mehr für die Grabenhalle und 15’000 Franken zusätzlich für die Kunsthalle.
Scharf beobachtet: das Parlamentspräsidium während der Kulturdebatte.
Es sind, gemessen am städtischen Gesamthaushalt von rund 600 Millionen Franken, kleine Beträge, die noch keine grossen Löhne ausmachen. Aber dem Parlament eine grosse Debatte wert waren. Was konnte man am Dienstagabend im St.Galler Waaghaus lernen?
Zum ersten: Es gibt eine Koalition der Vernunft für Kultur in dieser Stadt.
Das zusätzliche Geld fliesst dank einer soliden Ja-Mehrheit von SP, Freisinn und Grünen. Die drei Fraktionen brachten sogar eine (von der Geschäftsprüfungskommission GPK gleich selber eingebrachte) Verdoppelung des Beitrags an die Grabenhalle von ursprünglich 15’000 auf 30’000 Franken problemlos durch.
Chancenlos blieb der partielle Widerstand der CVP; sie wollte die rückwirkende Erhöhung per 2019 nicht hinnehmen und dem Figurentheater den Beitrag um die Hälfte kürzen. Allein blieb auch die SVP mit ihrem pauschalen Nein (ausser zum Textilmuseum) und ihren Argumenten: Die Stadt könne sich angesichts der später im Budget beschlossenen Lohnerhöhungen für das eigene Personal keine zusätzlichen Kulturausgaben leisten, und der Bedarf sei nirgends akut.
Zum zweiten: Glaubwürdig ist, wer weiss, wovon er spricht.
Der Sololauf der CVP, schon vor Monatsfrist in der Debatte um das Kulturkonzept angekündigt, provozierte Etrit Hasler: Falls sich die Partei im Waaghaus «ausserirdisch» vorkomme, habe sie sich das selber zuzuschreiben. Ausserirdisch und frei von Kenntnissen war zum Beispiel die Idee von CVP-Mann Louis Stähelin, die externen Veranstalter könnten ja einen grösseren Beitrag an die Grabenhalle abliefern und damit deren Defizit verringern.
Christian Huber (Junge Grüne) rechnete dem Parlament vor: Ein Auftritt in der Grabenhalle koste seine Band gegen 3000 Franken, trotz minimaler Honorare für Technik und alle anderen Aufwände. Bei Ticketpreisen von 15 Franken und einer städtischen Defizitgarantie von 500 Franken gebe es am Ende bestenfalls eine schwarze Null – verdient hätten damit weder die Grabenhalle noch die Musiker selber einen Rappen.
Handfest auch die Argumente der GPK-Präsidentin Evelyne Angehrn: Wenn ein städtisch getragener Betrieb wie die Grabenhalle aus Finanzknappheit ausländische Angebote statt das lokale Gewerbe berücksichtigen müsse und diverse Leistungen unbezahlt erbringe, dann stimme etwas nicht.
Slammer Etrit Hasler blies für die SP ins gleiche Horn und kritisierte die «nett gemeinten» 15’000 Franken des Stadtrats, die den realen Kosten der Halle nicht entsprächen – das ursprüngliche, detailliert belegte Gesuch belief sich auf knapp 80’000 Franken Mehrbedarf. Und Musiker Karl Schimke (FDP) beharrte darauf: Die Grabenhalle müsse als niederschwellige Bühne der Stadt weiterhin allen kostenlos zur Verfügung stehen.
1984 ist weit weg: Damals hatte die Grabenhalle erst nach langen Kämpfen, unter anderem der «IG Kohle», als Alternative zur «etablierten Kultur» durchgesetzt werden können. Jetzt im Stadtparlament wurde die Halle von links bis rechts als unverzichtbarer Pfeiler der Kulturszene gelobt…
Zum dritten: Das Gerangel um Kleinbeträge müsste nicht sein.
Louis Stähelin brachte immerhin den bedenkenswerten Einwand, der Stadtrat hätte über die 15’000 Franken auch gleich selber entscheiden können. Von einer solchen Selbstentmachtung des Parlaments wollte Hasler zwar nichts wissen – aber er plädierte dafür für automatische Anpassungen an die Lohnentwicklung auch bei kleineren Kulturinstitutionen. Bisher profitieren davon nur Konzert und Theater St.Gallen (KTSG), was auch Christoph Wettach (GLP) zum Vergleich herbeizog: Dort unterstehen Löhne und Sozialkosten wie beim Staatspersonal dem automatischen Teuerungsausgleich.
Gäbe es den Mechanismus schon, so hätten Palace, Sitterwerk, Grabenhalle & Co. nicht zehn Jahre lang mit eingefrorenem Budget auskommen und sich ein Dauer-Sparkorsett angewöhnen müssen. Gäbe es die Lösung, dann wäre dem Stadtrat die Peinlichkeit nicht passiert, kurz vor Weihnachten 2018 dem Palace und dem Sitterwerk bereits budgetierte Beitragserhöhungen um 10’000 bzw. 15’000 Franken zu streichen – und damit einen Sturm der Entrüstung nicht nur in der Kultur, sondern quer durch die Parteien zu provozieren.
Löhne anpassen – auch in der Kultur!
Die Stadt Zürich kenne bereits einen solchen Lohnanpassungs-Mechanismus bei den von ihr getragenen Kulturhäusern, sagte Hasler. Die Idee ist da, am Dienstag im St.Galler Waaghaus wurde sie lanciert. Sie steht zwar nicht im neuen Kulturkonzept, aber sie lohnt die Diskussion. Man darf gespannt sein, wann ein Vorstoss das Thema auf die Traktandenliste bringt.
Denn die fünf jetzt beratenen Geschäfte dürften ihrerseits eine schöne Summe Geld gekostet haben. Da ist die Arbeit der dreiköpfigen Kulturförderung der Stadt, die mit allen Institutionen Gespräche führte und die Vorlagen formulierte, und des Stadtpräsidenten; hinzu kommt die Zeit, welche in den Institutionen selber in die Konzepte und Gespräche gesteckt wurde, weiter die Vorbereitungsarbeit der GPK, das Aktenstudium der Parlamentsmitglieder (und Journalisten) und schliesslich die Debatte selber: Wäre all diese Arbeit ordentlich bezahlt, so resultierte überschlagsmässig ein Betrag von mindestens jenen 15’000 Franken, die drei der städtischen Kulturhäuser jetzt zusätzlich bekommen.
Etrit Hasler hatte in der Debatte zum Kulturkonzept von «mutigen» Veränderungen geträumt statt der punktuellen Verbesserungen, wie sie das Konzept bringt. Auch jetzt wurde wieder mit dem Rechenschieber Kulturpolitik betrieben – aber immerhin wurde plus und nicht minus gerechnet.
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