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«Was zur Hölle ist hier los?»

Die Schweiz hinkt Europa gesellschaftspolitisch um Jahrzehnte hinterher. Ein «Pro&Pro» zum zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub, über den am Sonntag abgestimmt wird. von Nina Rudnicki und Urs-Peter Zwingli
Von  Gastbeitrag

Pro 1: Nina Rudnicki

Vor einiger Zeit stiess ich auf das Buch Gender Innovation and Migration in Switzerland der St.Galler H istorikerin Francesca Falk. Das Buch untersucht, wie die Migration zur Emanzipation der Schweizer Frauen beigetragen hat. Zu Wort kommt etwa Dinahlee Obey Siering aus Liberia. 1992 war sie in die Schweiz gezogen. Zuvor hatte sie zwei Jahre in Washington gelebt.

Eine ihrer ersten Erinnerungen an die Schweiz beschreibt sie im Buch wie folgt: «Einmal besuchte ich meine Schwägerin. Zuerst ging das älteste Kind in die Schule, etwas später ging das Zweitälteste, und als das Jüngste losging, kam das Älteste bereits wieder nach Hause zurück. Ich sagte: ‹Was zur Hölle ist hier los?› Meine Schwägerin antwortete: ‹Willkommen in der Schweiz. Hier muss die Mutter zuhause bleiben und jede Minute verfügbar sein.›»

Jede Minute zuhause verfügbar sein, das konnten sich die Schweizerinnen schliesslich leisten. Anders war die Situation der Gastarbeiterinnen, die bereits vor 50 Jahren auf Krippenplätze angewiesen waren, weil ein Einkommen pro Familie nicht ausreichte.

Diese Episode kommt mir regelmässig in den Sinn, wenn ich die Diskussionen rund um den zehntätigen Vaterschaftsurlaub verfolge. Leisten können wir uns den nämlich je nach politischer Ansicht nicht – als « Giesskannensystem» und « Luxusurlaub» wird dieser vom Nein-Komitee bezeichnet. Der Staat solle nicht auch noch Männer versichern müssen, die Väter werden.

Wieso geht es bei der Diskussion um Kindererziehung immer nur darum, was wir uns leisten können und was nicht? Warum steht nicht im Vordergrund, was der Gesellschaft nützt? Oder was den Familien guttut? Gemäss Familienfachstellen lässt sich die Bindung, die zwischen Kind und Eltern während der ersten Lebenswochen entsteht, später kaum noch im selben Mass nachholen. Erwiesen ist auch, dass es weniger Streit in Partnerschaften gibt, wenn man sich gegenseitig entlastet und ein Verständnis für die Arbeit und den Alltag des anderen hat. Nicht, dass da jemand abends von der Arbeit nach Hause kommt und erstaunt ist, wenn der andere Elternteil von seinem Luxusurlaub mit Kind und Haushalt ganz erschlagen ist.

Zwei Wochen Vaterschaftsurlaub sind nichts – vor allem nicht im europäischen Vergleich. Die Schweiz ist europaweit das einzige Land, in dem es weder Vaterschaftsurlaub noch Elternurlaub gibt. Aber wenigstens verspricht dieAbstimmungam27. September einen Anfang.

Es geht dabei um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau und zwischen arm und reich. Es geht darum, dass man nicht auf einen privilegierten Arbeitsplatz und das Verständnis der Arbeitgebenden hoffen muss, wenn Eltern Erwerbs- und Hausarbeit zu gleichen Stücken untereinander aufteilen wollen. Denn das scheint in unserer Gesellschaft bisher vom Glück abhängig zu sein.

 

Pro 2: Urs-Peter Zwingli

Als mein Sohn geboren wurde, hatte ich an meiner damaligen Arbeitsstelle das gesetzliche Anrecht auf einen Tag Vaterschaftsurlaub. Die Geburt fiel auf einen Freitag, damit war der eine «freie» Tag aufgebraucht. Mein Arbeitgeber war zum Glück flexibel, so dass ich nach der Geburt meine Präsenzzeit fast frei einteilen und auch weniger arbeiten konnte. Weil ich zudem eine Teilzeitstelle hatte, blieb unter dem Strich recht viel Zeit, um bei meiner neuen Familie zu sein.

Ich war also privilegiert. Andere Väter, die Vollzeit beispielsweise als Bauarbeiter, Köche oder Bankangestellte arbeiten, haben für gewöhnlich nicht so viel Freiraum. Das heisst, sie müssen entweder Ferien nehmen (in Branchen wie eben Bau oder Gastronomie ist das je nach Saison fast unmöglich) – oder aber die Frau bewältigt die Haus- und Familienarbeit nach der Geburt alleine. Und wer jemals einen Tag auf ein Baby aufgepasst und daneben noch den Haushalt geschmissen hat, weiss: Das kann deutlich strenger sein als Lohnarbeit.

Dass das Familienleben funktioniert, dafür sorgen in der Schweiz immer noch weitgehend und unbezahlt die Frauen. Die Gründe dafür sind zwar teilweise kultureller, vor allem aber struktureller Natur. Viele junge Väter müssen heute gegen ihren Willen Vollzeit weiterarbeiten, weil die Mütter deutlich weniger verdienen oder weil die Arbeitgeber keine Teilzeitstellen ermöglichen. Damit zementieren Politik und Wirtschaft die Ungleichheit, die zwischen Mann und Frau in vielen Bereichen besteht. Denn Betreuungsmodelle, die sich nach der Geburt entwickeln, werden in den Jahren danach, wenn die Kinder klein sind und Aufmerksamkeit fast rund um die Uhr brauchen, kaum geändert.

Die Schweiz ist ein seltsamer Sonderfall. Wirtschaftlich gehört sie zur Weltspitze, ist stolz auf ihre KMU-Landschaft, Innovation und Qualität. Gesellschaftspolitisch hinken wir dem Rest Europas um Jahrzehnte hinterher. Ein Beispiel dafür ist, dass neben der Schweiz in Europa nur Irland und Albanien keinen Vaterschaftsurlaub kennen. Dabei ist laut WHO erwiesen, dass es einen positiven Einfluss auf die Gesundheit von Mutter und Kindern hat, wenn sich Väter aktiv an der Erziehung beteiligen.

Auf ein Familienleben gesehen sind zwei Wochen Vaterschaftsurlaub natürlich nichts. Dennoch wären junge Väter damit im ersten Lebensjahr, das für die Entwicklung von Kindern zentral ist, etwas präsenter. Und diese Präsenz, die sich mit einem bezahlten Urlaub nicht mehr nur Privilegierte leisten könnten, kann ein breites Umdenken in der Gesellschaft auslösen. Langfristig fördert das die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern.

Die Gegner (z.B. kantonale Arbeitgeber- und Gewerbeverbände sowie Handelskammern) argumentieren, dass der Vaterschaftsurlaub nur neue Kosten bringe. Dass das Gegenkomitee nicht an Gleichstellung interessiert ist, zeigt sich an seiner Zusammensetzung: Es besteht aus weit über 90 Prozent Männern. Gleichzeitig sind es diese Arbeitgeber, die seit Jahren den Fachkräftemangel in der Schweiz beklagen. Würden sie die Gleichstellung der Geschlechter ermöglichen, würde sich ein riesiger Pool an weiblichen Fachkräften auftun.

Nina Rudnicki, 1985, und Urs-Peter Zwingli, 1984, sind Journalisten und Eltern eines zweijährigen Sohnes. Die Familie lebt in St.Gallen.

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Chrigel,  

Der Aufhänger lautet: "Die Schweiz hinkt Europa gesellschaftspolitisch um Jahrzehnte hinterher."

Ja, tut sie. Wäre die Schweiz soweit wie Europa, hätten wir hier längst Steuern in der Höhe von zwischen 40 bis 60 %. Wobei die Preise aber nicht sinken.

Wer rechnen kann, findet schnell heraus, dass das Schweiz dann zum effektiven Armenhaus Europas wird.

Fazit: Mehr soziale Leistungen sind nur möglich durch einen massiv höheren Steuerfuss. Dieser massiv höhere Steuerfuss würde die Schweiz für Industrien unattraktiv machen. Das Resultat wäre, dass man für ein Paar Papi-Tage mehr und sonstige Wellness-Vergütungen durch den Staat das Erfolgsmodell Schweiz opfert. Nicht mehr. Nicht weniger.

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