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Weihern Openair: Die Gründe, die Reaktionen

Die Ausgabe 2017 schien gesichert, das Festival plakatierte fröhlich: «Der Sommer kommt, unser Programm auch. Es wird richtig heiss.» Jetzt der Kälteschock: kein Openair auf Drei Weihern, stattdessen «Asyl» in der Grabenhalle.
Von  Redaktion Saiten
Openair-Schauplatz Drei Weihern mit (überflüssig gewordenem) Rettungsboot.

Es muss ein hartes Ringen gewesen sein – oder cleveres Timing. Die Nachricht vom Verzicht auf das Weihern-Openair hat Dario Aemisegger einen Tag vor der angekündigten Programm-Pressekonferenz, in der Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag um 2.02 Uhr an die Medien verschickt. Und unter anderem geschrieben: «Wir können heute noch nicht in Worte fassen, wie sehr wir diesen Abgang bedauern. Wir betraten die Weihern als Gentlemen und als solche werden wir sie auch verlassen. Wir verneigen uns vor der anmutigen Schönheit, Grandezza und Grossmütigkeit der Drei Weihern und bedanken uns für die unvergesslichen Jahre auf dem wohl schönsten, inspirierendsten und aussichtsreichsten Flecken dieser Stadt.»

Die Pressemitteilung spricht gar von einer «Liebesbeziehung»: «Wie in manchen Beziehungen kamen die Probleme von aussen.» Konkret: Nachbarn, die über den Lärm klagten, und immer «neue, weitergehende Lärmschutzziele», die er zu erfüllen ausserstande sei. Drum verlagere er das Konzertwochenende Mitte September in die Grabenhalle. Aemiseggers Communiqué dankt der Halle für das «Asyl» und schliesst mit dem Satz: «In Gedanken werden wir den Weihern aber ewig treu und verfallen bleiben.»

Eine Krankheit namens Dezibelitis

Die Fakten aus Aemiseggers Sicht: Die Zahl der Klagen, um die die Stadt ein grosses Geheimnis machte, habe er erst sechs Monate nach dem Ende des Festivals erfahren. Es waren acht. Alles zum Streit 2016 und der Vorgeschichte des jetzigen Eklats hier.

Aemisegger und der Lärmschutzbeauftragte der Stadt, Andreas Küng, fanden im April die vermeintliche Lösung: eine Drehung der Bühne zum Wald und weg von der Stadt. Das Festival schien gesichert und wurde bereits plakatiert. Zwei Tage nach dem positiven Stadtratsentscheid folgten dann jedoch neue, weitergehende Lärmschutzziele oder «Empfehlungen» des Amts für Umwelt und Energie – unerfüllbare, sagt Aemisegger.

Die Fakten aus Sicht der Stadt: In einer Medienmitteilung vom Freitag früh zeigt sich Stadtpräsident Thomas Scheitlin «erstaunt» über den Abbruchentschied. Noch letzte Woche habe man mit Aemisegger gesprochen, die Durchführung schien sicher, und dem Stadtrat liege «nichts ferner, als solche kulturellen Initiativen zu unterbinden». Das Festival in seiner heutigen Grösse «mit viermal soviel Besuchern» als beim Start 2012 sei jedoch mit der Schutzverordnung Dreilinden-Notkersegg und dem Immissionsschutzreglement «nur mehr bedingt in Einklang zu bringen». Deshalb habe man entschieden, die Bühne zu drehen, und «im Sinne einer Empfehlung» vorgeschlagen, nach 22 Uhr leisere Bands zu programmieren und schon ab halb zehn die Lautstärke um 5 dB zu reduzieren.

Auf Anfrage präzisiert Aemisegger: Der Stadtrat stehe zwar auch nach seinem Eindruck hinter dem Festival. Die «Empfehlungen» zur Lautstärke seien jedoch allzu einschneidend und die Besucherzahl irreführend: Die Bewilligung für 1000 Personen pro Festivaltag habe er nicht überschritten. Vor allem aber: Die Aussicht auf weitere wochenlange Abklärungen des Amts für Umwelt und Energie mit der Ungewissheit, ob das Festival auch im Folgejahr bewilligt werde, wenn diese «Empfehlungen» nicht erreicht würden, hätten ihn zur «Kapitulation» bewogen.

Die bereits mehrfach verschobenen Vertragsunterzeichnungen mit den Bands könne er nicht länger hinauszögern, das sei auch eine Frage der Glaubwürdigkeit als Veranstalter. Mit dem Umzug in die Grabenhalle habe er alle Künstlerverträge innert einem Tag abschliessen können.

«Uns fehlt jedes fucking Verständnis»

In den Kommentarspalten kommt die Stadt schlecht weg. «Wenn einem solch sorgfältigen, wohlwollenden Veranstalter zum Schluss keine andere Möglichkeit mehr bleibt, als sein Festival – welches gerade die sehr schöne Umgebung der Drei Weihern in St.Gallen ausmacht – in eine Halle zu verlegen, dann fehlen uns die Worte und jedes fucking Verständnis», heisst es auf der Facebook-Seite von Al Pride, jener Band die letztes Jahr spielte, als die Lärmklagen eingingen.

Und auch das Social Media-Publikum zeigt sich «not amused»: Viele sind enttäuscht über die Verlegung des Openairs in die Grabenhalle. «Scheiss Bünzlis», liest man mehr als einmal. Oder: «Unmöglich sowas. Geht ins Alterheim wenns euch wegen den 3 Tagen zu laut ist. Anderswo sind Nachbarn nicht so pingelig.» Und wieder andere versuchen sich, mit Ironie zu trösten: «Bald kommen die ersten Lärmklagen, weil sich Gallus hörbar in seinem Grab dreht!»

Vereinzelt wird auch Aemisegger kritisiert. Das einstige, ruhige «Unplugged»-Festival hätten alle genossen. «Es würde heute noch bestehen, wenn nicht offenbar plötzlich die Profitgier des Veranstalters erwacht wäre», schreibt ein Kommentator im «Tagblatt».

Und wie reagieren andere Veranstalter?

«Die Stadt legt Veranstaltern Prügel in den Weg»

Lukas Hofstetter, Leiter des Kulturfestivals im Innenhof des Historischen Museums, kennt die Dezibel-Diskussionen in- und auswendig. Und sagt klipp und klar: 5 Dezibel weniger – eine solche Forderung könnte er seinen Bands nicht zumuten. (Die Dezibel-Skala ist logarithmisch, genauere Infos gibt es zum Beispiel hier.)

Am jeweils dreiwöchigen Kulturfestival habe man in intensiven Verhandlungen mit der Stadt die Lösung so getroffen: drei Abende mit 96 dB, zwei Abende mit 93 dB. «Unter 93 kann ich nicht gehen.» 87 dB beträgt der Wert, wenn Leute einigermassen laut miteinander reden: Der Vergleich macht klar, wie «wenig» das ist. Das Kulturfestival habe, um diese relativ tiefen Werte einhalten zu können, «einige tausend Franken investiert», sagt Hofstetter: in eine dämpfende Bühnendecke und schallschluckende Vorhänge. Die Bühne wurde so «weicher», studiomässiger im Klang – anders wären die Auflagen nicht zu erfüllen gewesen.

Problematisch, neben den kritischen Lärmgrenzen, sei insbesondere auch die Kurzfristigkeit der Auflagen. Für das Kulturfestival beginne das Booking im vorangehenden Oktober, Bands müssen zum Teil über Jahre «umworben» werden: «Bei der Stadt ist man sich nicht bewusst, was solche kurzfristigen Forderungen für die Veranstalter bedeuten.»

Und dann wird Hofstetter grundsätzlich: «Es gibt Lärmgrenzen, schweizweit, und es gibt Spielräume. St.Gallen ist restriktiver als andere Städte. Einerseits will man, dass die Innenstadt lebt, andrerseits legt man den Veranstaltern Prügel in den Weg.» Eine Stadt definiere sich heute wesentlich über Kultur und Nachtleben. Doch in St.Gallen fehle der Mut, hier werde verwaltet statt gefördert. «In anderen Städten sucht man nach Lösungen. Eine solche Willkommenshaltung vermisse ich in St.Gallen.» Hofstetter ist überzeugt: Das vor 12 Jahren gegründete Kulturfestival würde heute fast nicht mehr bewilligt.

«In anderen Ländern feiert die Polizei mit»

«Es ist tragisch für Aemisegger. Ich habe grossen Respekt davor, was er macht. Es ist zermürbend, wenn ein Projekt dann so scheitert», sagt Jazzpianist Claude Diallo auf Anfrage. Er ist als Initiant des Ostschweizer Jazz Kollektivs und Organisator monatlicher Gigs selber als Veranstalter aktiv und hat einschlägige Erfahrungen mit dem Lärmschutz gemacht: Im November 2015 scheiterte ein Jazzevent in der Offenen Kirche im Rahmen des Gambrinus-Jubiläums am Verbot, um eine Stunde bis ein Uhr nachts zu verlängern. Diallo wich aus, ebenfalls in die Grabenhalle.

Heute hat die Offene Kirche die entsprechende Bewilligung, sogar von Montag bis Freitag. «Aber es ging zehn Monate, bis das Baudepartement Ja gesagt hat.» Das zeige, dass in der Behörde solche Themen «null Priorität» hätten, trotz Unterstützung durch den Stadtpräsidenten. Und dass die Fachstelle Kultur sich innerhalb der Verwaltung mehr Gehör verschaffen müsste. «Da plädiert man für eine lebendige Kulturstadt, und dann dauert es zehn Monate für einen Stempel.»

Nach einer kleineren Odyssee hat Diallo inzwischen einen Ort für die Jams des Kollektivs (immer am ersten Donnerstag des Monats) gefunden: das Restaurant «Nektar» an der Geltenwilenstrasse. Macht er dort, wie diesen Sommer am 6. Juli geplant, einen Openair-Anlass, so muss allerdings bereits um 22 Uhr Schluss sein.

So restriktive Verhältnisse seien nicht exklusiv sanktgallisch, aber «typisch für die Schweiz», sagt Diallo, der St.Galler Musiker mit der wohl internationalsten Karriere. Gerade sei er eine Woche in Malaysia gewesen und habe das andere Extrem erlebt: täglich Karaoke bis frühmorgens und keine Chance auf Schlaf vor fünf Uhr… Er schätze die Ruhe, aber nicht in dem Mass, wie sie in der Schweiz herrsche, wenn nicht grad Sanktgallerfest oder sonst ein Event sei, bei dem man sich einmal austobe. «In anderen Ländern machst Du ein Fest, und der Nachbar festet mit, und am Ende festet auch die Polizei mit.»

Diallos Fazit: Gut, dass es Gesetze gibt, das hilft auch den Veranstaltern selber – aber die Umsetzung in die Praxis funktioniere mangelhaft und schaffe allzu hohe Hindernisse.

Lattich ist nicht betroffen

Vorschriften sind in Ordnung und setzen klare Rahmenbedingungen: Das sagt auch Gabriela Falkner vom Verein Lattich. Beim noch jungen Quartierbelebungs-Projekt im Güterbahnhofareal sei der Lärm «kein grosses Thema». Und der Spielraum klar. Musikalische Anlässe in der Halle seien grundsätzlich unplugged oder nur leicht verstärkt. Bei Theater und Tanz stelle sich das Problem nicht. Und Konzerte spielten im Gesamtprojekt auch nicht die Hauptrolle: «Es gibt Kugl, Grabenhalle, Palace und weitere Orte, die wir nicht mit Konzerten konkurrenzieren wollen. Lattich ist vorrangig ein sozialer Raum, eine Nische für vielfältige Aktivitäten, die sonst in dieser Form nicht stattfinden würden – aber kein zusätzlicher Eventort», sagt Gabriela Falkner. Deshalb sei der Lärmschutz keine Einschränkung und das Verhältnis zu den Nachbarn ausgezeichnet. «Wir spüren einen riesigen Goodwill.»

Zu Tode reglementiert

St.Galler Veranstalter sind gebrannte Kinder. Im Güterbahnhof-Areal wurde das Kugl jahrelang mit Lärmklagen bedrängt; es hat, zum Glück, überlebt. Das Weihern Openair ist jetzt eines unsanften Todes gestorben. Die Obduktion wird noch eine Weile dauern, sie wird hoffentlich intensiv diskutiert.

Und obwohl man fragen kann, ob es nicht auch möglich gewesen wäre, das Festival 2017 hochzupäppeln statt zu beerdigen – die Todesursache dürfte am Ende klar sein: Am Leben gehindert durch ungnädige Nachbarn, die trotz privilegierten Wohnlagen in Notkersegg oder Birnbäumen zweidrei laute Abende im Jahr nicht ertragen. Und zu Tode reglementiert durch baupolizeiliches Beamtentum.

Auf der Website des Weihern Openairs steht am Tag nach der Absage frohgemut noch immer: «Bei uns nimmt man die Dinge gelassen.»

Titel- und Schlussbild: weihern.ch

Jetzt mitreden: 3 Kommentare
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Christian,  

Naja, zum Glück dürfen wir noch alle atmen und keiner schreibt uns vor wann wir unseren Pickel vom Po kratzen dürfen. Offensichtlich ist eine bestimmte Personengruppe dazu verdammt das Weihern-Festival zu bannen, um so die Klagen zum verstummen zu bringen. Schlussendlich wird’s an den Juristen liegen nehme ich an um hier mal Ruhe reinzubringen ausser jemand ist mit seinem Leben so unzufrieden das er die Freude anderer versauen muss. Wir hören je nach Wind die Musik teilweise auch bis ins Heiligkreuz. An anderen Orten fallen Bomben seit Jahren und wir debattieren um 2 Tage Festivalfreude. Peinlich...

Andrea Martina Graf,  

Wieso muss denn immer alles so laut sein.
"Zu laut" macht mir die tollste Musik ungeniessbar.
Bestimmt würde kein Zuhörer sich darüber beklagen, dass die Musik zu leise sei, wenn sie um 5 Dezibel weniger überlaut wäre.
Man will ein Naturerlebnis mit openair Musik, übertönt aber jegliche Naturgeräusche, überblendet die Naturkulisse durch spleenige Lightshows, ist doch völlig verblödet.
Einst war laute Musik ein Ausdruck von Protest :-), heutzutage ist laute Musik mainstream, geradezu bünzlihaft.

Hanss Dampff,  

Da war schon mal was. Lies Saiten der früheren 2000er Jahre. Die (Lärmschutz)-Polizei als heimliche Kulturchefin in St. Gallen. Stichwort: StrassenmusikerInnen, die der Polizei vorspielen mussten, um eine, bzw. besser: keine Erlaubnis fürs Musizieren zu erhalten. Aber gelernt ist halt gelernt: nun kümmert sich ein Amtsschimmel aus dem Baudepartement um die political correct herunter geschraubten Dezibeleien. Nicht mehr die Polizei herself. Aber sie hat mit Wegweisungs-Artikel, Video-Überwachungsspielereien und "alles alles alles" für die so genannte Sicherheit und (auch akustische) Sauberkeit ein durchreguliertes Fundament gelegt, an dem niemand mehr rüttelt. Ein Löwe brüllt übrigens mit 115 Dezibel. Alle Tierpfleger und Löwendompteure müssen taub sein.

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