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Zuerst ein Erdbeben, dann schleichender Abbau

In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Ostschweizer Zeitungslandschaft radikal gewandelt. Ein «Zeitungsdomino» legte 1997/98 die Grundstruktur für die heutige Medienlandschaft. Das seither dominierende «St.Galler Tagblatt» steht seit zehn Jahren stark unter Druck. Und der Umbau ist noch nicht abgeschlossen.
Von  Reto Voneschen
Bilder: Stadtarchiv St.Gallen

Die Ostschweizer Zeitungslandschaft war vor 30 Jahren wie der richtige (Blätter-)Wald jetzt im Herbst: bunt durchmischt. Trotz der in den 1960er-Jahren beginnenden Pressekonzentration konnten sich an vielen Orten im Kanton St.Gallen bis in die 1990er-Jahre hinein Lokalblätter halten. Das 1839 gegründete «St.Galler Tagblatt» war – und ist bis heute – auflagenmässig die unangefochtene Nummer eins. Durch eine vorsichtige Öffnung in Richtung Forumszeitung konnte es den Vorsprung auf die Nummer zwei, das 1874 gegründete CVP-Blatt «Die Ostschweiz», in den 1980er- und 1990er-Jahren stetig ausbauen. Dritte Stimme im Chor der kantonalen Zeitungen war die vergleichsweise kleine «Ostschweizer Arbeiter-Zeitung» (OAZ), die 1905 als «Volksstimme» und Alternative zu bürgerlichen Parteiblättern gegründet worden war.

Ab den späten 1970er- und in den 1980er-Jahren befanden sich die Tageszeitungen auch technisch im Umbruch: Das Fotosatzsystem verdrängte den traditionellen Bleisatz. Und schon zeichneten sich neue Veränderungen ab: der PC mit einfach zu bedienenden Satz- und Layoutprogrammen, die Digitalfotografie sowie Drucktechniken, die es erlaubten, kostengünstig Farbbilder einzurücken.

Traditioneller Bleisatz Ende der 1970er-Jahre in der Technik der «Ostschweiz» an der Hinteren Poststrasse 2.

In Sachen Pressekonzentration geschah nach einer Fusionswelle in den 1960er-Jahren in St.Gallen und der Ostschweiz im Vergleich zur übrigen Deutschschweiz lange relativ wenig. Als Vorbotin eines eigentlichen Medienerdbebens wurde Ende Mai 1996 die «Ostschweizer Arbeiter-Zeitung» abrupt eingestellt. Der Betrieb hatte seine finanziellen Reserven verbraucht. Ursachen waren die kleine Auflage, sinkende Abozahlen und Werbeeinnahmen sowie eine überalterte Leserschaft.

Wirtschaftskrise löst Medienerdbeben aus

Auf Anfang 1998 dann wurde die St.Galler Zeitungslandschaft umgepflügt. Die Entscheide, die dazu führten, kamen auch für viele der direktbetroffenen Redaktionen überraschend. An das bisherige «Sterben auf Raten», an Sparrunden, an Kurzarbeit und an Unkenrufe zur Zukunft des Arbeitsplatzes hatte man sich gewöhnt. Wie schnell und radikal es dann jedoch plötzlich im «Medienbannwald der Demokratie», wie die Zeitungslandschaft genannt wurde, zur Sache ging, war für viele ein Schock.

Ursache der überraschenden Fusionswelle, die dem «St.Galler Tagblatt» auf Anfang 1998 zu seiner bis heute dominierenden Stellung verhalf, war die schlimmste wirtschaftliche Talfahrt seit dem Zweiten Weltkrieg. Dadurch gingen die Erträge des Inseratepools von «Die Ostschweiz» (Auflage 22’300 Exemplare), «Appenzeller Zeitung» (16’000) und «Wiler Zeitung»/«Flawiler Volksfreund» (10’500) zurück. Der von der Druckerei Flawil AG angestossene Versuch, die drei Blätter technisch und redaktionell näher zusammenrücken zu lassen, scheiterte am Widerstand der anderen beiden.

Zeitungen fallen wie Dominosteine

Als Ausweg suchte man im Fürstenland die Nähe zum bisher schärfsten Konkurrenten, dem «St.Galler Tagblatt». Neu sollten «Wiler Zeitung»/«Flawiler Volksfreund» als dessen Kopfblatt erscheinen. Dieser «Flawiler Putsch» löste eine Kettenreaktion aus: Wie Dominosteine fielen die «Appenzeller Zeitung» und «Die Ostschweiz». Es war absehbar, dass erstere durch den Wegfall des grossen Druckauftrags aus dem Fürstenland ins Schlingern geraten würde. Die Verantwortlichen suchten ebenfalls Schutz beim «Tagblatt». «Die Ostschweiz» wiederum geriet mit dem Auseinanderfallen des Inseratepools in Finanznöte und musste nach 124 Jahren sang- und klanglos aufgeben.

Anfang 1998 wird am Haus Oberer Graben 8 in St.Gallen der Schriftzug der untergegangenen «Ostschweiz» abmontiert.

Dann schwappte die Fusionswelle ins Toggenburg und ins Rheintal über: Der «Rheintaler» in Heerbrugg und der «Toggenburger» in Wattwil hatten von der «Appenzeller Zeitung» Mantelseiten bezogen. Sie mussten sich nach einem neuen Partner umsehen – und landeten zwangsläufig beim «St.Galler Tagblatt». Dieses wurde nicht nur auflagenmässig gestärkt, sondern stand in einigen Regionen, darunter in der Kantonshauptstadt, plötzlich auch ohne direkte Konkurrenz da.

Diese Monopolstellung hatten die «Tagblatt»-Verantwortlichen nach eigenen Aussagen nicht gesucht. Mit dem Bekenntnis zur allen Meinungen offen stehenden Forumszeitung, dem Ausbau der Redaktionen und einer Ombudsstelle, dem «Merker», wollten sie der Kritik daran Rechnung tragen. Trotz dieser Massnahmen verstummte die «Monopolkritik» in den folgenden Jahren nie. Nahrung dafür gab, dass das «Tagblatt» neben «Radio Aktuell» (es wurde 2008 zusammen mit «Radio Ri» zu «FM1») seit 1999 auch das Regionalfernsehen «Tele Ostschweiz» (heute TVO) betreibt, einen Gratis-Anzeiger herausgab und ab Mitte der 2000er-Jahre kräftig ins Internet investierte.

Abo-Verluste mit Neuerwerbungen kompensiert

Auf sich rasch verändernde Marktgegebenheiten reagierte das «Tagblatt» in der ersten zehn Jahre dauernden Phase nach dem grossen Zusammenschluss dreimal mit Umbauten: 1998 musste das Blatt den neuen Realitäten nach der Fusion angepasst werden. 2002 und 2008 wurden das redaktionelle Angebot, die Blattarchitektur und die Grafik grundlegend angepasst. 2008 wurde zudem eine eigene Onlineredaktion und ein gemeinsamer Newsroom mit der Printredaktion geschaffen. 2013 lancierte das «Tagblatt» eine eigene Sonntagszeitung, die «Ostschweiz am Sonntag» (OAS).

Auflagenverluste konnte das neue «St.Galler Tagblatt» im ersten Jahrzehnt seiner Existenz durch Zukäufe ausgleichen. Im Thurgau unterlag die NZZ-Gruppe, der das «Tagblatt» mehrheitlich gehörte, zwar 2005 Tamedia im Kampf um die «Thurgauer Zeitung» (TZ). Eine Marktbereinigung zwischen NZZ und Tamedia ermöglichte aber 2011 die Integration der TZ ins «Tagblatt», womit die seit 1998 auf rund 94’000 Exemplare erodierte Auflage wieder auf 126’000 Exemplare kletterte.

Um 2010 begann sich die Situation für Printmedien gesamtschweizerisch zuzuspitzen. Digitalisierung, Gratismedien und Inserateschwund setzten der konventionellen Tageszeitung stark zu. Sinkende Erträge bei steigenden Kosten drohten zum Existenzproblem zu werden. Die Pressekonzentration, die in der Ostschweiz zuvor lokal und regional gespielt hatte, verschob sich auf die nationale Ebene. Das «St.Galler Tagblatt» war plötzlich nicht mehr der Hauptdarsteller, der andere Blätter übernahm, sondern wurde selber zum Übernahmekandidaten. Dies geht zurück auf 1991: Damals wurde die NZZ durch Übernahme eines Aktienpakets mit 60 Prozent Mehrheitsaktionärin des «Tagblatt».

30 Jahre Lokaljournalismus in St.Gallen – Erinnerungen und Veränderungen mit Reto Voneschen: 16. November, 18 Uhr, Stadthaus der Ortsbürgergemeinde St.Gallen.

Bis 2014 übernahm die NZZ die restlichen Anteile des «St.Galler Tagblatt» und der «Luzerner Zeitung». Sie führte die Blätter in den NZZ-Regionalmedien zusammen. Die Folge war eine neue Blattstruktur ab Sommer jenes Jahres: Das «Tagblatt»-Konzept mit fünf täglichen Zeitungsbünden wurde durch eines mit zwei gemeinsamen Bünden und einem Lokalbund abgelöst. 2016 wurde eine noch engere Kooperation verordnet: «Tagblatt» und «Luzerner Zeitung» bekamen eine einheitliche Leitung. Das führte in St.Gallen zum Abgang von Philipp Landmark als Chefredaktor. Er hatte hier im Frühling 2009 von Gottlieb F. Höpli übernommen. Sein Nachfolger wurde Stefan Schmid.

Schon im Sommer 2017 wurde die Zeitung erneut umgebaut: Neu bestand sie aus nur noch zwei Bünden, einem Mantelbund mit Inland, Ausland, Wirtschaft und Focus sowie einem Regionalbund mit Ostschweiz, dem jeweiligen Lokalressort und dem Sport. Der Mantel und das Ressort Ostschweiz wurden dabei ausgebaut, die Lokalteile einer Schrumpfkur unterzogen. Ab November 2017 erschien die «Ostschweiz am Sonntag» nur noch in digitaler Form. Das Korrektorat wurde aus Kostengründen nach Banja Luka ausgelagert. Ende 2017 kündigten die NZZ-Regionalmedien und die AZ-Medien aus Aarau zudem das Zusammenlegen ihrer Regionalblätter in einem Joint-Venture an: Die CH-Media-Gruppe entstand.

Ein gemeinsamer Mantelteil aus Aarau

In St.Gallen zügelte die Zentralredaktion 2018 in ein neues Grossraumbüro. Als erste Lokalredaktion folgte jene für die Stadt St.Gallen, später jene der «Appenzeller Zeitung» und aus Rorschach. 2019 wurden das «St.Galler Tagblatt» und die «Luzerner Zeitung» (LZ) erneut umgebaut. Die «Ostschweiz am Sonntag» und die «Zentralschweiz am Sonntag» wurden aufgegeben. Zusammen mit der «Aargauer Zeitung» (und weiteren Partnerblättern) erscheinen «Tagblatt» und LZ seit Anfang Juli 2019 von Montag bis Freitag als Zwei-Bund-, am Samstag als «Schweiz am Wochenende» als Drei-Bund-Zeitung. Der Mantelteil wird für alle Partner von einer Zentralredaktion in Aarau produziert, was einen Stellenabbau auch in St.Gallen und Luzern zur Folge hatte.

Am 8. November hat die CH-Media-Gruppe einen weiteren massiven Einschnitt verkündet: Schweizweit sollen im ersten Quartal 2024 rund 150 Vollzeitstellen abgebaut werden, davon etwa 90 durch Kündigungen. Grund dafür sei der «erhebliche Umsatzrückgang in den Kernmärkten Entertainment und Publishing». CEO Michael Wanner sieht sich darum gezwungen, die Kosten «substanziell zu senken und insbesondere die Personalkosten zu reduzieren».

Kein Geheimnis ist, dass CH-Media verschiedene Sparrunden fuhr und fährt, um die Kosten im Griff und das Unternehmen so profitabel wie möglich zu behalten. Das dürfte auf weiteren Personal- und Leistungsabbau in einzelnen Bereichen hinauslaufen. Ob hier eine ausgebaute, vom Stimmvolk allerdings 2022 im ersten Anlauf abgelehnte Medienhilfe des Bundes die Folgen für die Ostschweizer Lokalteile abfedern könnte, ist offen und wird stark von der Ausgestaltung einer solchen Hilfe abhängen.

Ein Patentrezept, wie die lokale Mediensituation angesichts der absehbaren Entwicklung beim «St.Galler Tagblatt» wieder reichhaltiger werden könnte, ist nicht in Sicht. In der Stadt St.Gallen sind zwar lokale Printprodukte wie das Kulturmagazin Saiten, die Gratiszeitung «St.Galler Nachrichten» oder das Magazin «Saint-Gall» vorhanden, können aber nur schon quantitativ die seit 2010 stark geschrumpfte Lokalberichterstattung der dominierenden Tageszeitung nicht wirklich wettmachen. Das Gleiche gilt im Internet für Portale wie «Ostschweiz.ch» oder «StGallen24.ch».

Es ist zwar denkbar, dass sich angesichts der Lücke, die sich lokaljournalistisch gerade in der weiteren Region um St.Gallen aufgetan hat, über kurz oder lang eine Konkurrenz und Ergänzung zum «St.Galler Tagblatt» etablieren kann. Dies dürfte allerdings aufgrund der damit verbundenen Kosten eher im Online- als im Printbereich der Fall sein. Ein Kandidat für so ein Projekt könnte die Galledia-Gruppe sein, die bereits den «Rheintaler», die «Rheintalische Volkszeitung» und den «Werdenberger & Obertoggenburger» herausgibt. Galledia bewirbt sich derzeit denn auch um die Konzession für ein Ostschweizer Regionalfernsehen, die seit 1999 TVO aus dem Haus Tagblatt-Medien/CH-Media hält.

Reto Voneschen, 1957, arbeitete einst für «Die Ostschweiz» und anschliessend fast 25 Jahre auf der Stadtredaktion des «St.Galler Tagblatt». Heute ist er freischaffender Journalist in St.Gallen. Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.

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