Das erste Heft von Saiten erschien im April 1994. Also vor knapp 30 Jahren. Damals war ich zehn, und es war völlig normal, dass die Eltern beim Zmorge die Zeitung lesen, am Mittag Radio hören und abends um halb acht die Tagesschau einschalten. In dieser halben Stunde hat sich die Gesellschaft darauf geeinigt, was «wahr» war. Heute ist das anders. Zeitungen liest man, wenn überhaupt, vor allem online. Radio hört man, wenn überhaupt, als Podcast. Und Tagesschau guckt man, wenn überhaupt, dann, wenn man gerade Zeit hat. Und was «wahr» ist, weiss eh niemand mehr so genau. Wir spüren das gerade wieder sehr deutlich, blicken wir in die krisengeschüttelte Welt. Oder auf die Propaganda im Wahlkampf. Mehr zu Letzterem ab Seite 25.
Ein Grund, warum ich Journalistin geworden bin, ist, dass mein Job darin besteht, Fragen zu stellen. Ich schreibe über Dinge, weil ich sie nicht verstehe, in der Hoffnung, dass ich sie danach besser verstehe. Und wenn die Welt immer grösser und komplizierter wird, will ich wenigstens halbwegs verstehen, was unmittelbar um mich herum passiert, sei es nun in der Politik, in der Gesellschaft oder in der Kultur. Darum mache und schätze ich den Lokaljournalismus.
Als Saiten 1994 gegründet wurde, existierten allein auf dem Platz St.Gallen noch drei Tageszeitungen. Übriggeblieben ist nur noch das «St.Galler Tagblatt», das, trotz aller Kritik am Monopol, unverzichtbar ist für die Ostschweiz. Mehr dazu ab Seite 20. Wir kleinen Blätter können in dieser Liga nicht mitspielen, aber wir können dennoch Akzente setzen, Debatten anregen, hinschauen, wo andere wegschauen und so unseren Beitrag zur Medien- und Meinungsvielfalt leisten. In den letzten Jahren ist Saiten das immer wieder gelungen. Und im Gegensatz zu vielen anderen Medien mussten wir keine Sparpakete schnüren; die Abozahlen und Inserateeinnahmen waren mehr als stabil.
Seit Corona können wir das nicht mehr behaupten. Dafür gibt es diverse Gründe, mehr dazu ab Seite 8. Wir haben ein leichtes strukturelles Defizit und darum Massnahmen ergriffen, eine davon ist das ungewohnte Heftcover. Wir brauchen wieder mehr Abonnent:innen, Gönner:innen und Unterstützer:innen, um uns nachhaltig zu stabilisieren. Falls ihr also euch selbst, eure Lieben oder auch eure Feind:innen mit elf reichhaltigen Heften pro Jahr beschenken möchtet, hier gehts lang: saiten.ch/abo.
Saiten ist zwar gratis und soll es auch bleiben, doch Saiten ist nicht kostenlos. Was das konkret heisst, seht ihr überall in diesem Heft: Wir haben für jeden Beitrag den Aufwand, sprich Zeit und Honorar, ausgewiesen.
Ausserdem im Novemberheft: Das grosse Porträt über Pfarrer Georg Schmucki, den kritischen Theologen und Initiator des Fachgremiums gegen sexuelle Übergriffe im Bistum St.Gallen; der Kulturschwerpunkt zur Klangwelt Toggenburg und seinem Klanghaus, das sich mitten im Bau befindet; der Film über die Absolvent:innen der HSG; das 15-Jahr-Jubiläum von Pantalla Latina; die «Tour de Nouvelle Suisse»; die neue Platte von Catalyst und das feministische Pop-Debüt von Jeffi Lou.
Corinne Riedener
In eigener Sache: Gratis, aber nicht kostenlosRedeplatz mit Myrsini ArvanitisReaktionen/viel geklicktBildfangStimmrecht von SangmoNebenbei gay von Anna Rosenwasser
Perspektiven
Layouten in den 1980er-Jahren (Bild: Stadtarchiv St.Gallen)
In den vergangenen 30 Jahren hat sich die Ostschweizer Zeitungslandschaft radikal gewandelt. Ein «Zeitungsdomino» legte 1997/98 die Grundstruktur für die heutige Medienlandschaft. Das seither dominierende «St.Galler Tagblatt» steht seit zehn Jahren stark unter Druck. Und der Umbau ist noch nicht abgeschlossen.
von Reto Voneschen
Kommunikationswissenschaftler Linards Udris blickt zurück auf den Wahlkampf und die Rolle der Medien. Warum hochgerüstete PR-Apparate nicht unbedingt zum Vorteil sind, was es im Wahljahr mit der Polarisierung auf sich hat und warum man den Einfluss der Medien nicht überschätzen sollte.
von Corinne Riedener
Georg Schmucki, fotografiert von Sara Spirig.
Pfarrer Georg Schmucki hat sich übers Bistum St.Gallen hinaus als kritischer Theologe und politisch wie sozial engagierter Mensch einen Namen gemacht. Als Initiant des diözesanen Fachgremiums gegen sexuelle Übergriffe haben ihn die jüngsten Berichte über Missbräuche in der katholischen Kirche aufgewühlt. Ein Porträt.
von Roman Hertler
Flaschenpost aus Seoul, Tokio, Shanghai: Die Tage in Asien23. von Ryan Bains
Kultur
Die ganze Klangwelt im Klanghaus
Die Klanghaus-Baustelle. (Bild: Ralph Brühwiler)
Ein weltweit einzigartiges Klanghaus und ein musikalischer Spagat zwischen Tradition und Experiment: Die Klangwelt Toggenburg setzt auf Innovation und Bildung, um künftig ein breiteres Publikum anzusprechen.
von Philipp Bürkler
Kunst: Hier gibt es nichts zu sehen – Gaffa im Zeughaus Teufen. von Corinne Riedener
Kino: Pantalla Latina – Eine Jubiläumsausgabe mit Blick zurück. von Geri Krebs
Kino: The Driven Ones – Piet Baumgartners Film über HSG-Absolvent:innen. von Geri Krebs
Musik: Trojanischer Pop – das Debüt von Jeffi Lou. von Corinne Riedener
Musik: Aus zwei mach zwei plus eins – Das neue Album von Catalyst. von David Gadze
Gutes Bauen Ostschweiz: Wohninsel am Industriekanal. von Ulrike Hark
Parcours: Knöppel, Tango, Rorschach Unplugged, Tÿpo
Plattentipps: Analog im November
Abgesang
Kellers Geschichten
Pfahlbauer jr.
Comic von Julia Kubik
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.
Die Schweizer Rocklegenden Krokodil haben kürzlich ihr neues Album Beyond The Eye veröffentlicht. Ur-Krokodil Düde Dürst schwärmt von der Energie der 2019 wiederbelebten Band – und hat noch lange nicht genug. Am Freitag spielen sie in der Grabenhalle.
24/7 Traumacore
Kunst in Oberuzwil
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.