Saiten: Seit fast zwei Jahren dürfen Geschäfte in der Innenstadt länger öffnen, doch ausser den Grossverteilern im Neumarkt nutzt kaum ein Geschäft diese Möglichkeit. Warum?
Ralph Bleuer
Ralph Bleuer: Die Einführung des neuen Reglements kam wohl zu einem schlechten Zeitpunkt. Nach dem ersten Lockdown waren die Geschäfte insgesamt noch sehr vorsichtig unterwegs. Jene, die heute länger offen haben als früher, tun es aus Überzeugung. Die, die es nicht machen, haben ihre Gründe. Wenn das Initiativkomitee sagt, das Angebot wird eh nicht genutzt, dann braucht es auch keine Initiative.
Als Pro-City-Präsident haben Sie die erweiterten Ladenöffnungszeiten wieder aufs Tapet gebracht. Als Geschäftsführer der Papeterie Markwalder verzichten sie am Standort St.Gallen aber darauf.
Es ist doch schon schön, ganz im liberalen Sinn zumindest die Möglichkeit dazu zu haben. Wir hatten versuchsweise am Samstag bis 18 Uhr und am Donnerstag bis 20 Uhr offen, sind aber wieder davon abgekommen. Das liegt in der unternehmerischen Entscheidungsfreiheit.
Wird der Druck auf die kleinen Geschäfte nicht erhöht, wenn nur die Grossen sich längere Öffnungszeiten leisten können?
Nein, das glaube ich nicht.
Dreimal hat das Stimmvolk längere Öffnungszeiten abgelehnt. Ist das von Ihnen initiierte und vom Stadtrat eigenmächtig eingeführte Reglement nicht Zwängerei?
Überhaupt nicht. Die Gesellschaft hat sich seit 2010 verändert und damit auch ihr Einkaufsverhalten. Viele sind froh, wenn sie nach 19 Uhr noch einen Znacht einkaufen können.
Das aktuelle Reglement ist nur möglich dank des «Tourismusperimeters». Entsprechen die längeren Öffnungszeiten tatsächlich einem touristischen Bedürfnis?
Das lässt sich nicht klar abgrenzen. Oder wollen Sie die Touristen vom Hotel bis in die Läden verfolgen? Aber natürlich profitiert auch die Bevölkerung von längeren Öffnungszeiten.
Das Personal ist nicht eben erfreut über die erweiterten Ladenöffnungszeiten.
Das Ladenpersonal arbeitet ja heute schon häufig in flexiblen Teilzeitmodellen. Bei uns arbeitet zum Beispiel eine Landwirtin, die sagt, sie sei «gottenfroh», dass sie an Randzeiten arbeiten könne. Wenn die Initianten nun behaupten, das Personal würde ausgebeutet, ist das an den Haaren herbeigezogen. Wir sprechen unter dem Strich von vier zusätzlichen Stunden pro Woche, fünf an den Abenden minus eine Stunde am Donnerstag. Die Personen, die am Abend eine Stunde länger bleiben, kommen dafür am Morgen eine Stunde später. Mir muss niemand erzählen, das gehe nur, wenn man das Personal missbraucht.
Das behauptet auch niemand.
Nicht direkt, aber es wird suggeriert.
Nicht nur Parteien und Verbände kritisieren die heutige Regelung, sondern auch Teile des Personals selber – zum Beispiel das von Saiten befragte im Neumarkt.
Alle Geschäfte müssen das Arbeitsrecht einhalten. Ich frage mich schon, was die Initianten eigentlich genau bekämpfen wollen. Mit der Streichung des Sonntags ist man ihnen ja im wichtigsten Punkt entgegengekommen. Zwängerei lasse ich uns nicht anhängen, die ist auf der anderen Seite.
Inwiefern?
Kurz nach Beschluss des Gegenvorschlags im Parlament war klar, dass die Initiative trotzdem nicht zurückgezogen wird – das Initiativkomitee hat den Gegenvorschlag vermutlich nicht einmal richtig diskutiert. Hier gehts doch nur noch ums Prinzip. Wenn es ihnen wirklich um die Einhaltung des Arbeitsrechts ginge, gäbe es noch ganz andere Bereiche, wo man hinschauen müsste – ohne hier konkret werden zu wollen.
Gibt es bei Pro City Gespräche mit den Unternehmen, wie es nach der Abstimmung weitergehen könnte?
Wir sind laufend im Austausch mit unseren Mitgliedern, aber Einfluss auf deren unternehmerischen Entscheide haben wir natürlich nicht. Es wird immer uneinheitliche Öffnungszeiten geben. Diese müssen im Ermessen der Unternehmen liegen, die schliesslich auch das Geschäftsrisiko tragen. Warum etwas verbieten, das eigentlich niemandem schadet? Mein Motto dazu: Lieber die Möglichkeit haben und nicht brauchen, als sie brauchen und nicht haben.
Am 15. Mai stimmt die St.Galler Stimmbevölkerung über die Initiative «Kein Sonntagsverkauf in der Stadt St.Gallen». Mehr dazu hier.
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