«Drôle» sei dieser Mann gewesen, so ganz anders als die grauen Herren, die sonst im Hause Jaeggi ein und aus gingen. So beschreibt Regisseurin Danielle Jaeggi den Protagonisten ihres Films, Reynold Thiel, der für sie immer nur «Noldi» hiess. Sie kannte ihn von klein auf.
Thiel war der beste Freud ihres Vaters François Jaeggi, die beiden waren sich ein Leben lang verbunden. Und sie haben zusammen Dinge erlebt, die besten Stoff für einen Spionagethriller liefern würden. Nur dass es sich hierbei nicht um einen Roman handelt.
Wer war Thiel, diese schillernde Figur? Im September 1963 wird sein Portemonnaie in den Trümmern einer Swissair Caravelle gefunden. Sie hatte nach dem Start in Kloten Feuer gefangen und war in Dürrenäsch abgestürzt. Thiels letzter Flug. Der Geschäftsmann, Modeschöpfer und Pianist aus Neuchâtel war der Öffentlichkeit kaum bekannt.
Umso besser kannten ihn dafür die Polizei und der Nachrichtendienst: Jahrzehntelang hatten sie Thiel minutiös überwacht, sein Dossier lag stets in der bundesrätlichen Schublade – die greifbare Angst der Schweizer Behörden vor allem, was irgendwie links, antifaschistisch und kommunistisch ist.
Paris, Spanien, Frankreich
Überwacht werden Thiel und sein Compagnon François seit den 1930er-Jahren. Sie lernen sich damals in Paris kennen, verkehren mit Künstler:innen und Aktivist:innen aus ganz Europa und engagieren sich im kommunistischen Kampf gegen die soziale Ungerechtigkeit. Jaeggi, damals Medizinstudent, ist fasziniert von diesem internationalen, kämpferischen Umfeld. In einem Brief an seine Eltern schreibt er: «Hier schliessen sich die Linken wenigstens zusammen gegen die Faschistenschweine!»
Mitte der 30er-Jahre verlassen Thiel und Jaeggi Paris Richtung Romandie, wo sie sich weiter politisch vernetzen und engagieren, stets mit der Polizei im Nacken. 1938 schliessen sie sich den Internationalen Brigaden in Spanien an.
Kurz vor der Niederlage der Republik lernen sie zwei Männer kennen, die für den weiteren Verlauf ihrer Leben eine grosse Rolle spielen werden: den US-Diplomaten Noël Field und den kommunistischen Aktivisten Mikhael Feintuch alias Jean Jérôme. Während François bei Kriegsausbruch 1939 wegen einer Tuberkulose in einem Davoser Sanatorium weilt, verpflichtet sich Reynold der Résistance und kämpft unter dem Decknamen Raymond Tirel gegen die deutsche Besatzung.
Die beiden treffen sich erst nach Kriegsende wieder. Europa ist im Wiederaufbau. Die Sowjetunion gehört – sehr zur Freude der beiden Freunde – zu den Siegermächten. Regisseurin Danielle Jaeggi ist damals in der Primarschule und ebenfalls fasziniert von den Idealen ihres Vaters: «Als Kind stellte ich mir den Kommunismus als Wiese mit Obstbäumen vor, wo sich alle bedienen durften», erklärt sie im Film. Ihr damaliges Vorbild war die sowjetische Musterschülerin «Maroussia», deren grösster Traum es ist, als Klassenbeste einmal Stalin zu treffen.
Im westlichen Wohnzimmeridyll
Aus heutiger Sicht ziemlich verblendet. Nicht zuletzt, da Stalins Grosser Terror schon vor dem Krieg unzählige Opfer gefordert hatte. Danielle Jaeggi thematisiert diesen Zwiespalt in ihrem Film, wenn auch etwas zu knapp. Aus den Aufzeichnungen ihres Vaters geht aber hervor, dass er sich der Schattenseiten des kommunistischen Regimes durchaus bewusst war – und seine Konsequenzen daraus zog.
Dabei war die Gegenseite nicht weniger verblendet. Als in den 50er-Jahren der Eiserne Vorhang hochgezogen wird, macht auch die antikommunistische Propagandamaschine mobil. Die Wochenschau-Bilder von Bundesrat Max Petitpierre, wie er Pfeife rauchend mit seiner Vorzeigefamilie im westlichen Wohnzimmeridyll sitzt, sind geradezu absurd. Er war es, der Thiels Akte stets griffbereit in der Schublade hatte. Und hier beginnt erst die eigentliche Geschichte.
Thiel und Jaeggi machen sich das US-Handelsembargo zunutze und werden zu «Hommes d’affaires». Im Auftrag von Jean Jérôme gründen sie unter anderem die Firma Serti S.A. und werden Teil eines kommunistischen Handelsnetzwerks.
Ihre Geschäftsreisen, die «der Verschleierung kommunistischer Aktivitäten» dienen, wie die Polizei damals festhält, führen sie regelmässig nach Rumänien, China, Syrien, Russland. Sie tun alles, um in der Öffentlichkeit als «glaubwürdige Kapitalisten» wahrgenommen zu werden. Lange laufen die Geschäfte gut – bis ihr Compagnon Noël Field auf rätselhafte Weise verschwindet und Thiel unvorsichtig wird…
Schweizer Polizeiarbeit: akribisch und lückenlos
«Mir wurde eine Aufgabe zugeteilt, ich tat mein Bestes, ohne dumme Fragen zu stellen», erklärt Roger Jacquemet, ein ehemaliger Inspektor der politischen Polizei, im Film. «Das ist alles. Ich habe nur meine Arbeit getan.»
Thiel der Rote – Ein sehr diskreter Agent: 1., 3., 12., 16. und 24. Februar, Kinok St.Gallen
kinok.ch
Danielle Jaeggi hat – mithilfe des Journalisten Alain Campiotti – sehenswert aufgearbeitet, wie akribisch und lückenlos diese Arbeit der Schweizer Behörden bis zu Thiels Tod war. Mit jedem aktenkundigen Zitat, mit jeder Minute wächst das Unbehagen. Auch im Wissen, dass die staatliche Überwachung seither noch viel besorgniserregendere Ausmasse angenommen hat.
Jaeggis Film geht, eingebettet in eine Familiengeschichte, nicht nur den Entwicklungen vom Aufkommen des Faschismus bis zum Kalten Krieg nach, er beleuchtet auch ein aufschlussreiches Stück Schweizer Geschichte in diesem globalen Kontext – und zeigt unter anderem, wie biegsam die eidgenössischen Prinzipien sind, wenn es um Wirtschaft und Wohlstand geht.
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