Am Mittwoch macht die Frankfurter Buchmesse den Auftakt in den Bücherherbst – als «Special Edition», denn 2020 ist alles etwas anders. Im Frühling erlitt die Buchbranche einen akuten Fieberschub, der Herbst steht noch immer unter Virusvorbehalt. Wie verläuft die Fieberkurve aktuell bei Schweizer Verlagen?
«Uns wurde der Boden unter den Füssen weggezogen. Von einem Tag auf den anderen waren die Buchhandlungen geschlossen, die Presse absorbiert und alle Veranstaltungen aufgeschoben oder aufgehoben», erzählt Daniela Koch vom Rotpunktverlag.
Und André Gstettenhofer von Elster & Salis: «Wir waren in den Startlöchern und bereit, den Marathon unseres Lebens zu laufen. Und dann wurde alles abgesagt.» Das bedeutet: keine Aufmerksamkeit für die Frühlings-Bücher. «Es fühlt sich so an, als hätten unsere Frühjahrstitel von Malu Halasa und Jorge Zepeda Patterson nicht stattgefunden», sagt Gstettenhofer.
Absagen noch und noch
Schmerzhaft war die Absage der Leipziger Buchmesse mit dem grossen Lesefestival im Frühling. Schmerzhaft war auch die Online-Version der Solothurner Literaturtage; «das war tapfer, aber es kann den persönlichen Kontakt nicht ersetzen», sagt Koch.
Abgesagt ist auch die Frauenfelder Buch- und Druckkunst Messe im November. Die Frankfurter Buchmesse vom 14. bis 18 Oktober wird zwar durchgeführt, beschränkt sich aber auf ein Liveprogramm in der Stadt und digitale Angebote. «Die klassische Hallenausstellung ist aufgrund der Reisebeschränkungen nicht durchführbar», teilte die Messeleitung im September mit. Die Quarantänebestimmungen sind für internationale Gäste zu rigoros.
Buchvernissagen, Festivals, Messen und auch der Buchhandel werden überall dort vermisst, wo es ums Stöbern und Empfehlen von Büchern geht. Während des Lockdowns wurde zwar mehr gelesen, aber eher sichere Werte und Klassiker. Neuheiten, die das Publikum erst entdecken musste, hatten es schwer. «Es ging auf Kosten der Neugier», bilanziert Gstettenhofer.
Absagen von Veranstaltungen treffen auch den Sachbuchbereich: Weil das Jubiläumskonzert 400 Jahre Oratorienchor nicht stattfinden konnte, lagert nun ein grosser Teil der aufwendigen Publikation dazu ein Jahr im Keller der Verlagsgenossenschaft St.Gallen VGS.
Ein regelrechtes Fest hätte das Erscheinen der Wiler Stadtgeschichte Stadt auf dem Land: Wil vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart verdient gehabt, stattdessen: Voranmeldung und Platzzahlbeschränkung – Stimmung kommt da kaum auf. Doris Ueberschlag hofft, dass die Bücher ihre Leserinnen noch finden: «Das sind Publikationen, die einen Wert über den Tag hinaus haben.»
Ganz ähnlich klingt es beim Triest Verlag für Architektur, Design und Typografie. «Unsere Bücher sind langlebig, sie verkaufen sich über Jahre», sagt Kerstin Forster. Ob sich das Corona-Tief aufholen lasse, müsse sich aber erst noch zeigen. Ihre (Kurz-)Arbeitszeit während des Lockdowns hat sie vermehrt für Pressearbeit und Internet-Kommunikation verwendet.
Virus statt Flüchtlinge
Eröffnet die vielgelobte Digitalisierung also einen Ausweg? Für die sorgfältig gestalteten Bücher von Triest kommen E-Books nicht in Frage. Selbst für Promotion sei das Internet kein wirklicher Ersatz für einen Anlass mit persönlichen Gesprächen, sagt Kerstin Forster.
Der Salis Verlag hat schon früh auf digitale Publikationen und Online-Kommunikation gesetzt. Aber auch André Gstettenhofer sagt, dass E-Books zwar zugelegt haben, den Verkauf im Laden aber nicht auszugleichen vermögen.
Deutlich mehr online ging hingegen der Rotpunktverlag: Er hat ein Crowdfunding gestartet, um über die Runden zu kommen. Und die Autorinnen und Autoren haben aus Solidarität mit ihrem Verlag ein Corona-Tagebuch geschrieben, hier nachzulesen. «Das hat uns Schwung gegeben», sagt Koch. Mit Bedauern erzählt sie aber vom Buch Namen statt Nummern von Cristina Cattaneo, einer Forensikerin, die Opfer der Flüchtlingstragödien im Mittelmeer identifiziert. Für dieses Thema hatte es in den Medien schlicht kaum mehr Platz.
Andererseits gab es im Rotpunktverlag auch Gewinner. Das waren einmal die Wanderbücher über Regionen in der Schweiz. Und das war auch Fabio Andinas Tage mit Felice. Das Buch über das zurückgezogene Leben im Tessiner Dorf hat den Nerv der Zeit getroffen und ist zu einem überraschenden Bestseller geworden.
Spätfolgen
Daniela Koch ist sich sicher, dass Corona Spätfolgen haben wird: «In normalen Jahren komme ich jeweils mit einem gut gefüllten Notizbuch von der Frankfurter Buchmesse zurück. Die fehlenden Begegnungen werden sich auf die Programme im nächsten Jahr auswirken.» Der Rotpunktverlag hat bereits das Herbstprogramm 20 verkleinert.
Auch Elster & Salis hat eine aufwendigere Übersetzung verschoben, und den neuen Messeauftritt in Frankfurt wird es erst 2021 geben. André Gstettenhofer ist trotzdem vorsichtig optimistisch: «Es gab noch nie so viele Buchvernissagen wie im September 2020.»
Auch «Zürich liest» soll stattfinden (21. bis 25. Oktober). Etwas verhaltener klingt Kerstin Forster. Wöchentlich ändernde Vorgaben und kantonale Sonderbestimmungen: «Wie soll ich da eine Veranstaltung planen?»
Eine Spätfolge der anderen Art zeichnet sich aber auch ab: Alle Verlegerinnen und Verleger sagen, sie hätten die veranstaltungsfreie Phase genutzt für Investitionen in die Zukunft. Es blieb mehr Zeit für sorgfältige Planung und eingehendes Lektorat. Der neue Bücher-Jahrgang könnte also quantitativ vielleicht klein, qualitativ dafür aber hervorragend werden.
Lese-Empfehlungen:
Daniela Koch, Rotpunktverlag empfiehlt: Simon Deckerts vergnügliches Debüt Siebenmeilenstiefel und Stefan Kellers Spuren der Arbeit – eine kleine Weltgeschichte, konsequent von den Menschen her erzählt.
André Gstettenhofer, Elster & Salis: das alles hier, jetzt von Anna Stern. Und ausserdem: Das blutige Auge des Platzspitzhirschs von André Seidenberg. Der Autor war Arzt in Zürich und erinnert sich an 40 Jahre Drogenszene und Drogenpolitik.
Doris Ueberschlag, VGS: Larry Peters – Looking at art. Der Band zum 80. Geburtstag von Larry Peters zeigt ihn als Künstler und Kunstbetrachter, aber auch seinen subtilen Umgang mit Wort und Sprache.
Kerstin Forster, Triest: (K)ein Idyll – Das Einfamilienhaus. Eine Wohnform in der Sackgasse von Stefan Hartmann. Eine Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen und geschichtlichen Hintergründen des Einfamilienhauses sowie Lösungsansätzen für die Zukunft.
Simon Deckert legt mit «Siebenmeilenstiefel» ein märchenhaftes Debüt vor: Es ist ein Entwicklungsroman. Hier meldet sich eine eigenwillige literarische Stimme zu Wort.
Der Schweizer Buchpreis 2020 geht an Anna Stern. Die Jury zeichnet die Rorschacher Autorin für «das alles hier, jetzt» aus: einen emotionalen und formal gewagten «Roman». Hier die Buchbesprechung.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.
Musik im Rorschacherberg
In Konstanz gastiert derzeit die Gruppe As Karuana – ein politischer Frauenchor aus dem Amazonas. Sie zeigt mit ihrer Musik, ihrem Tanz, ihrer Kunst und ihrem Wissen politische Résistance und kämpft für die Rückeroberung ihrer indigenen Kultur.
Malerin, lesbisch und glühende NS-Anhängerin. Stephanie Hollenstein (1886-1944) war vieles. Ein Widerspruch? Der neue Dokumentarfilm von Birgitta Weizenegger befasst sich mit dem Leben der vorarlbergischen Künstlerin.
Gastkommentar von Jacques Michel Conrad
Zum 20. Mal bringt das Kulturfestival internationale Entdeckungen und lokale Lieblingsbands in einen der schönsten Konzertorte St.Gallens. Zum Jubiläum blickt Organisator Lukas Hofstetter zurück – und behauptet sich zugleich in einem Musikgeschäft, das für kleinere Festivals immer schwieriger geworden ist.
Vor 40 Jahren gründete Felix Lehner in Beinwil am See die Kunstgiesserei, die 1994 nach St.Gallen zog. Und vor 20 Jahren entstand ergänzend dazu die Stiftung Sitterwerk, die unter anderem eine weltweit einzigartige Kunstbibliothek führt. Wir tauchen ein in diesen wundersamen Mikrokosmos im Sittertal. Ausserdem in der Juli/August-Doppelnummer: die unverzichtbaren Sommertipps, die Flaschenpost von Anna Stern aus Finnland und das Interview zum 100-Jahr-Jubiläum unserer Hausdruckerei Niedermann.
Florian Fuchs arbeitet an einer antik anmutenden, 2,5 Meter hohen Marmorstatue. Warum interessiert sich ein junger Bildhauer für diese klassische Herangehensweise? Ein Werkstattbesuch in Flawil.
Es war das Jahrzehnt der Kultur: In den 80ern kam die Stadt St.Gallen zu einer Kunsthalle, einem Programmkino, der Frauenbibliothek, der Grabenhalle, genossenschaftlichen Beizen und anderem. Wie das gelang und wer die Fäden zog, zeichnen Ralph Hug und Corinne Schatz im Buch Der grosse Aufbruch nach.
Das Filmdrama Fuori erzählt ein kurzes Kapitel der aussergewöhnlichen Lebensgeschichte italienischen Schriftstellerin, Schauspielerin und Widerstandskämpferin Goliarda Sapienza.
Mit verschreckten Securitys in einer bunten Inszenierung von Angelika Zacek präsentiert das Vorarlberger Landestheater in Bregenz Shakespeares Ein Sommernachtstraum.
Die St.Galler Festspiel-Oper spielt dieses Jahr im Haus statt auf dem Klosterplatz – ein Glücksfall für Verdis Aida, die menschlich und musikalisch in die Tiefe geht. Modestas Pitrenas dirigiert ein letztes Mal, Ben Baur inszeniert bildstark.
Im Werk 2 in Arbon dreht sich derzeit alles um Mythen. «Sehnsucht Mythos. Wie Geschichten unsere Welt gestalten» ist eine ästhetische Ausstellung, die mit ihrem sehr breiten Mythosbegriff arbeitet und vielfältige Geschichten unter einem Dach vereint.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung