Man kann auch in der Schockstarre noch Dinge bewegen. Am 1. März, kurz vor Sessions-Feierabend, war das Klanghaus klinisch tot. Doch irgendjemand vergass den Patienten in der Intensivstation. Dort liegt er deshalb noch immer, und im Toggenburg war schon in den Tagen nach dem Aus im Kantonsrat klar, dass man den Entscheid – ein formeller, nicht aus der Wägung von Mehrheiten entstandener – so nicht hinnehmen wollte.
Nun ist Initiative gefordert, Interessenbündelung und -artikulierung, «förschi» soll es wieder gehen. Exakt drei Monate später bekennen die diversen Interessensvertreter Farbe: die IG Klanghaus Toggenburg, der Förderverein Klangwelt Toggenburg, die Stiftung KlangWelt Toggenburg, die Vermarktungsorganisation Toggenburg Tourismus und die Regionalentwicklungsorganisation toggenburg.ch.
Alles zurück auf Start
Am Dienstagabend riefen sie vereint zum «da capo» ins Wattwiler Kongresszentrum «Thurpark». Alles zurück auf Start, ein politischer Relaunch des ganzen Projekts mit einer Prämisse: An Baukörper und Standort soll nicht gerüttelt werden. Das Klanghaus soll am Wildhauser Schwendisee gebaut werden (das vorgesehene Grundstück gehört bereits dem Kanton) und es soll, darf oder muss 24,3 Mio Franken kosten.
Es geht also bei «da capo» darum, wie man das Klanghaus neu umschreiben kann, damit es eine reale Chance für eine Neuauflage bekommt. Klar, dass dabei die Bau- und Unterhaltskosten zur Sprache kommen. «Es kostet ganz einfach zu viel», sagt SVP-Kantonsrat Mirco Gerig stellvertretend für seine Partei, die in der Märzsession fast geschlossen gegen das Projekt stimmte. Gerig und sein Parteikollege Ivan Louis stellen sich damit auch gegen alle anderen Kantonsräte aus dem Kreis Toggenburg. Beide scheint das Gewissen zu drücken, denn beide erscheinen am Dienstag zum «da capo».
Task Force gebildet
«Off the record» war schon bald nach dem KR-Entscheid eine Task Force aus Vertretern oben genannter Organisationen gebildet. Ihr rechtlicher Spielraum für ein Rückkommen auf den Entscheid ist jedoch klein, denn ein Wiederholen der Schlussabstimmung oder ein nochmaliges Aufgleisen der gleichen Vorlage ist nicht möglich, eine Volksabstimmung nach einem negativem KR-Entscheid ist im Gesetz nicht vorgesehen, und die Durchführung einer Volksinitiative würde viel zu lange dauern.
Das Volk, die Bevölkerung des Toggenburgs, sieht sich vom seinem Parlament ausgeschlossen. Es kann dennoch etwas tun, nämlich seiner Meinung mit einer Stellungnahme Ausdruck verleihen. «Wenn nur jeder zweite Einwohner des Toggenburgs diese Petition unterschreibt, haben wir 20000 Stimmen», sagt einer der Moderatoren am Dienstagabend. Eine Wunschvorstellung vielleicht, doch würden schon 10’000 Stimmen die Vehemenz aufbauen, die Rat und Regierung nicht missachten könnten.
Nicht schlecht: 150 Stimmen in 20 Minuten
«Geben Sie dem Klanghaus Toggenburg eine faire Chance und legen Sie es dem Stimmvolk zum Entscheid vor.» Kurz und bündig ist der Text der Petition, die bei der Lancierung gleichenabends innerhalb von 20 Minuten bereits 150 Stimmen generieren kann, nämlich die fast aller Anwesenden.
Ohne Vorschläge für ein verbessertes Projekt möchte die Task Force jedoch nicht beim Parlament vorsprechen. In rund zwei Stunden intensiven Nachdenkens werden also Ideen auf Flip Charts notiert. Viel ist von den Kosten und deren möglicher Reduzierung die Rede, von finanzieller Beteiligung aller Toggenburger Gemeinden, von den Tourismusbetrieben oder der Bergbahnen.
Flash Mobs und Klangenburg
Man schlägt vor, Teile des Hauses mit einer Volks-Spendenaktion zu finanzieren, mitttels Crowdfunding, Klang-Flash Mobs und allerlei anderer schräger Unternehmungen zu promoten. Man solle nochmals und umfänglicher informieren, Print-, audiovisuelle und soziale Medien einspannen, mit einem Klangbus quer durch die Schweiz fahren, Botschafter ernennen, Flyer drucken, einen Klanghaus-Song komponieren, eine Klang-Staffette bilden – und man soll unbedingt auch an der Olma auftreten. Klingend logischerweise. Und es könnte ja auch von der Expo27 finanziert werden.
Abschliessend werden Metaphern bemüht: «Das Toggenburg muss wie eine Eins hinter dem Klanghaus stehen», das Klanghaus soll sogar «zum Fliegen gebracht» werden. Und warum sollte man das Toggenburg und das Klanghaus nicht gleich in einem einzigartigen Begriff zusammenfassen: «Klangenburg».
Weitere Informationen: klangwelt.ch, klanghaustoggenburg.ch
Die Aufgabe der Task Force unter der Leitung des KlangWelt-Präsidenten und neugewählten Kantonsrats Matthias Müller ist es nun, die besten Ideen aus dem Volks-Brainstorming herauszupflücken und umzusetzen. Die Unterschriftensammlung soll in den nächsten Tagen auch in die Zentren getragen werden. Bereits kann auch online zugestimmt werden.
Eines wird im Saal des Wattwiler Thurparks klar: Das Klanghaus muss kommen. So wie es ein Teilnehmer am Dienstagabend energisch formuliert: «Wir wollen dieses Klanghaus. Und zwar genauso, wie es im Projekt vorliegt.» Bleibt die Frage: Warum muss das Toggenburg für sein Klanghaus kämpfen, wo doch Rapperswil-Jona, Werdenberg und St.Gallen ihre Leuchttürme praktisch geschenkt bekamen?
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