«Das hat gutgetan: Wiedermal laut zu sein»

Dieses Wochenende findet das Ghost-Festival statt – ein Festival, das nicht stattfindet. Auch die St.Galler Band Dachs ist Teil des riesigen Lineups. Basil Kehl erklärt, warum die Aktion wichtig ist, warum Streaming problematisch ist und worauf er sich nach der Pandemie am meisten freut.
Von  Corinne Riedener
Alleine Wassily und zusammen mit Lukas Senn Dachs: Basil Kehl. (Bild: Ladina Bischof)

Saiten: Wie geht es Wassily und Dachs in Coronazeiten?

Basil Kehl: Letzte Woche war ich als Wassily mit der Band Mischgewebe in einer Residence im Palace. Das hat gutgetan: Wiedermal laut zu sein, wiedermal andere Musiker treffen, wiedermal ein Bier trinken. Auch wir von Dachs treffen uns nach wie vor regelmässig und proben. Uns geht es wohl nicht schlechter als anderen Musikern. Wir freuen uns zwar, an neuer Musik zu arbeiten, aber auf der anderen Seite fühlen wir uns schon auch etwas gelähmt. Man weiss halt nicht, wie es weitergeht und welche Auswirkungen die Pandemie längerfristig hat.

Habt ihrs, wie andere, auch mit Streaming versucht?

Nein, wir waren da ziemlich passiv, vor allem in der ersten Lockdown-Phase. Kommt hinzu, dass ein Stream das Konzerterlebnis niemals ersetzen kann. Konzerte sind ein Zusammenspiel von Publikum und Künstlern. Das fehlt beim Streaming, stattdessen ploppen die Likes in Form von Zahlen am Bildschirmrand auf. So fühlt man das Publikum nicht. Es ist ein einseitiges Senden. Eine weitere problematische Seite des Streamens: Was wird denn vermittelt, wenn Konzerte plötzlich gar nichts mehr kosten? Das Ganze ist ja auch oft mit einem technischen Zusatzaufwand verbunden…

Kritische Stimmen behaupten, dass Theater, Museen und andere Kultursparten sich in der Pandemie neu erfinden und so gut es geht präsent sind, während die Musikszene mit Abwesenheit glänzt. Zum Beispiel dieses Wochenende mit einem Festival, das nicht stattfindet. Was entgegnest du?

Das stimmt so nicht ganz. Es wird so viel Musik wie noch nie konsumiert seit Corona. Ständig wird neue Musik released, was auch mit grossen Aufwänden verbunden ist. Es gibt ausserdem etliche Versuche, das Konzerterlebnis auf andere Art zu ersetzen. Aber das ist nunmal nicht einfach, weil es in der Musik ganz fest um «Viele Leute» geht.

Ghost Festival 2021:
27. und 28. Februar

Die Einnahmen aus den Ticketverkäufen und den «Support-now-Buttons» fliessen zu 100 Prozent an die knapp 1300 Musikschaffenden (inkl. Techniker*innen etc.). Der Betrag wird zu gleichen Teilen pro Kopf verteilt. Einige auf dem Lineup aufgeführten Artist*innen/Bands verzichten zu Gunsten der restlichen Artist*innen/Bands auf ihre «Gage».

Tickets: hier

Ein Problem ist das fehlende Livemoment. Ein anderes vielleicht, dass es vor allem die subventionierten Betriebe sind, die es sich leisten können, sich neu zu erfinden?

Das stimmt wohl ein Stück weit. Am Ende geht es immer um Geld, das da ist oder nicht da ist. Ich weiss aber von vielen Bands und Künstlern, die trotzdem einfach mal machen. Sie nehmen nonstop Musik auf, machen sich ready für den Moment, wenns irgendwann wieder losgeht. Das ist schon viel, finde ich.

Schaffen auf Pump also?

So könnte man sagen. Solange das Geld fehlt, machen halt alle alles selber; man leistet sich kein teures Mixing, sondern mischt selber, man macht kurlige Videos, die günstig, aber trotzdem cool sind und so weiter.

Das Geld von Tickets, Merchandise und Unterstützungsbeiträgen aus dem Ghost-Festival wird zu gleichen Teilen pro Kopf verteilt. Was machen all die Bands, die nicht dabei sind?

Wir von Dachs haben auch erst im letzten Moment davon erfahren. Sicher haben viele Bands und Künstler die Deadline verpasst. Die Veranstalter haben aber, soviel ich weiss, alles versucht, dass möglichst viele dabei sind. Aber irgendwann muss es kommuniziert und durchgeführt werden. Bei solchen Aktionen ist es immer schwierig, alle zu erreichen. Man könnte sich zum Beispiel auch fragen, warum niemand aus der Volksmusikszene mitmacht. Die müssen ja auch von ihrer Musik leben. Trotzdem finde ich das Festival eine schöne und gelungene Aktion. Geld wird wohl nicht allzu viel zusammenkommen, aber es kann ein öffentliches Bewusstsein für uns Menschen schaffen, die von der Musik leben.

Das Lineup. Klick zum Vergrössern.

 

Die Crowd kann ja auch nicht ewig founden. Wäre es nicht die Aufgabe der Politik, die Folgen dieser Pandemie für die Musikszene abzufedern? Greifen die staatlichen Hilfen?

Bei mir persönlich, ja. Ich bekomme Geld von der SVA St.Gallen für die Monate mit faktischem Berufsverbot. Aber es ist überall unterschiedlich. Bei anderen sieht es weniger gut aus, weil die Höhe der Entschädigungen auf dem letzten Steuerbescheid basiert. Das ist nur bedingt fair. Wenn jemand 2019 viele Anschaffungen getätigt und nur wenig eingenommen hat, rächt sich das jetzt. Zum Glück gibt es noch andere Anlaufstellen wie das Amt für Kultur der jeweiligen Kantone und die Nothilfe für Kulturschaffende von Suisseculture Sociale. Schön zu sehen ist auch, wie fest man sich in der Branche gegenseitig unterstützt und aufklärt. Es gibt zum Beispiel Videos, die erklären, wie man zu diesen Entschädigungen kommt. Das hat vielleicht auch etwas ausgelöst bei den Musikrinnen und Musikern. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Mitglied werden bei Berufsverbänden wie etwa sonart. Das ist auch das Schöne am Ghost-Festival: dass eine ganze Berufsgruppe zusammen auf dem Lineup steht und als Kollektiv an die Öffentlichkeit geht.

Zum Schluss: Worauf freust du dich am meisten nach der Pandemie?

Auf Konzerte vor grösserem Publikum. Und auch darauf, selber Teil des Publikums zu sein. Ohne Sorgen und Ängste. Ich vermisse die Verbindung zum Publikum. Und ich freue mich, wenn man wieder über die Musik an sich berichten kann und nicht mehr über die Befindlichkeit der Musikerinnen und Musiker. Wenn ich derzeit irgendwo bin, höre ich oft: «Ah, du bisch jo Musiker. Isch sicher nöd liecht, gäll…» Immerhin: Es zeigt das wachsende Bewusstsein, dass das auch ein Beruf ist bzw. sein kann.

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Heftvorschau 05/26
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