Paradox: Die Impfungen scheinen erfolgreich, wenn auch mit unterschiedlichem Tempo. Die Teststrategien werden verschärft. Und trotzdem passiert in der Schweiz wie in den umliegenden Ländern überall dasselbe: Die Ansteckungszahlen steigen wieder. Die hoch ansteckende britische Mutation hat das Regime übernommen. In der Bretagne ist gerade eine neue Mutation entdeckt worden, die PCR-Test-resistent zu sein scheint.
Das Virus, macht es den Anschein, spielt Katz und Maus mit uns.
Öffnen, trotzdem? Lockern, so weit wie möglich? Oder die Schraube wieder anziehen?
Die Regierungen probieren es mal so, mal so. In Deutschland dominiert die restriktive Linie – das wortführende Robert-Koch-Institut hat die dritte Welle bereits ausgerufen. In Frankreich droht ein neuerlicher Lockdown, den Präsident Macron unbedingt verhindern wollte. Österreich macht Lockerungsübungen in Vorarlberg. Italien verdunkelt erneut seine Städte. Skandinavien zieht die Schraube an, Portugal und Spanien laden ausländische Touristen an ihre Strände. Die Schweiz geht einen Mittelweg.
Ein verwirrendes Bild. Trotz aller Kenntnisse, die in dem Jahr angesammelt wurden, zur Ansteckungsraffinesse des Virus, zu den Behandlungsmöglichkeiten, Aerosolen, Lüftungstechniken, Impfstoffen, trotz einer nicht mehr überschaubaren Zahl von Studien und Statements von Expertinnen und Experten fehlt weiterhin international ein verlässliches Szenario, wie die Pandemie bewältigt werden kann.
Die Stunde der Rechthaber
Die Wissenschaften kommen dem Virus nicht bei, das ist eines der – bitteren – Fazits nach einem Jahr Corona. Woran das liegt: Corona ist nicht bloss ein Krankheitserreger, sondern mit ihm, hinter ihm, durch ihn türmen sich Berge von sozialen, psychologischen, ökonomischen, globalen und lokalen Folgen und Reaktionen auf. Wir alle sind betroffen, und wir sind in allem, was wir tun und lassen, betroffen. Das gab es so bisher nicht – entsprechend komplex und unerprobt ist es, Lösungen zu finden.
Umso absurder, wenn Hinz und Kunz mit jedem Tag lauter behaupten, genau zu wissen, was richtig ist. Hinz will unbedingt lockern, Kunz will unbedingt die Schraube anziehen. Mit Corona blühen sie auf, die Besserwisserinnen und Rechthaber aller Couleur. Das ist ein zweites Fazit dieses Coronajahrs: Je weniger gesichertes Wissen, desto unverfrorener und lautstarker ertönen die Meinungen.
Und ein drittes: Noch vor einem Jahr, beim ersten Lockdown, schlug die Stunde der Exekutive. Rundherum nahmen die Regierungen das Ruder in die Hand, die Zustimmung in der Bevölkerung war gross, die Solidarität untereinander ebenfalls. Heute, ein Jahr später, stehen die Regierungen unter Generalverdacht, in der Krise versagt oder die falschen Mittel angewendet zu haben.
In Wien demonstrieren Tausende gegen die Coronamassnahmen der Regierung, in Deutschland wird die Merkelpartei in den Wahlen abgestraft, in der Schweiz mucken die Kantone und die Branchen auf. Es schlägt die Stunde des Volkszorns.
Solidarität ist zwar politisch aus der Not praktiziert worden: mit Unterstützungsmassnahmen, mit Härtefallregelungen, Überbrückungskrediten oder grosszügigeren Kurzarbeitsmodellen, alles löblich und nötig. Aber gleichzeitig tut sich der Graben zwischen den Berufen «an der Front», vor allem in der Pflege, und den Corona-Privilegierten im Backoffice immer weiter auf. Und das Gerangel um Impfdosen und -termine zeigt: Da ist plötzlich wieder jeder und jede sich selbst am nächsten.
Solidarität macht krisenresistent
Dabei sollte es, aus der Erfahrung dieses Pandemiejahrs, genau darum gehen: das eigene Ego für einmal aus der vordersten Reihe zurückzubeordern. Das heisst zum Beispiel, für Massnahmen einzustehen, die nicht zuerst einmal mir zugute kommen, sondern denen, die am stärksten gefährdet sind, die am wenigsten Ausweichmöglichkeiten haben, die materiell oder psychisch am meisten unter der Krise leiden.
Oder es könnte heissen: sich auf lange Sicht einzusetzen für kooperative, solidarische, gerechtere, ökologische und damit krisenresistentere gesellschaftliche Verhältnisse.
Trivial, aber wahr: Die Krise kann nur bewältigt werden, wenn wir zusammenhalten und uns gegenseitig zugestehen, nicht genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Das ist ein Piks in den Arm der machbarkeitsgläubigen Individualistinnen und Alleswisser, die wir alle über die Jahre des krisenfreien Wohlstandsglücks geworden sind. Ein Piks, der mehr weh tut als eine Covid-Impfung – aber der die Resistenz gegen künftige Pandemien erhöhen könnte.
Musik
Patrick Kessler erhält den Ausserrhoder Kulturpreis 2026. Der Kontrabassist, Klangkünstler und Kurator aus Gais reist mit alten Lautsprechern nach Wien und Hanoi, tritt mit Insekten in einen musikalischen Dialog und findet seine wichtigsten Lektionen nicht unbedingt an Hochschulen.
Die Mobilitätsallianz Ostschweiz will Pendler:innen zum Umstieg vom Auto auf Bus, Bahn und Velo bewegen. Bei den zehn beteiligten Grossunternehmen lässt bereits jede fünfte Person das Auto am Morgen stehen. Nun sollen 500 weitere Firmen folgen.
Augustin Rebetez macht keine halben Sachen. Seine Kunst ist ausufernd und dicht zugleich. Er entwickelt anspielungsreiche Bildwelten – aktuell in der Kunsthalle Arbon.
Der Kanton Appenzell Innerrhoden plante am Landsgemeindeplatz in Appenzell ein neues Gebäude für die Gerichte, die Bibliothek und die kantonale Verwaltung. Die eidgenössischen Kommissionen für Natur- und Heimatschutz und jene für Denkmalpflege brachten das Projekt jedoch zu Fall.
Offener Brief an die Bundespolitik
Das Figurentheater St.Gallen wird 70. Was sich verändert hat, warum Puppen Kinder wie Erwachsene faszinieren und wie man auch Jugendliche erreichen kann: ein Gespräch zum Jubiläum.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.