Kategorie
Autor:innen
Jahr

Ein Piks, der wehtut

Ein Jahr Corona. Und weiterhin kein Plan, wie das Virus gestoppt werden könnte. Für eine Gesellschaft, die an die Wissenschaft und an die Allmacht des Individuums glaubt, ist das eine bisher nie dagewesene Kränkung. Sie könnte heilsam sein.
Von  Peter Surber

Paradox: Die Impfungen scheinen erfolgreich, wenn auch mit unterschiedlichem Tempo. Die Teststrategien werden verschärft. Und trotzdem passiert in der Schweiz wie in den umliegenden Ländern überall dasselbe: Die Ansteckungszahlen steigen wieder. Die hoch ansteckende britische Mutation hat das Regime übernommen. In der Bretagne ist gerade eine neue Mutation entdeckt worden, die PCR-Test-resistent zu sein scheint.

Das Virus, macht es den Anschein, spielt Katz und Maus mit uns.

Öffnen, trotzdem? Lockern, so weit wie möglich? Oder die Schraube wieder anziehen?

Die Regierungen probieren es mal so, mal so. In Deutschland dominiert die restriktive Linie – das wortführende Robert-Koch-Institut hat die dritte Welle bereits ausgerufen. In Frankreich droht ein neuerlicher Lockdown, den Präsident Macron unbedingt verhindern wollte. Österreich macht Lockerungsübungen in Vorarlberg. Italien verdunkelt erneut seine Städte. Skandinavien zieht die Schraube an, Portugal und Spanien laden ausländische Touristen an ihre Strände. Die Schweiz geht einen Mittelweg.

Ein verwirrendes Bild. Trotz aller Kenntnisse, die in dem Jahr angesammelt wurden, zur Ansteckungsraffinesse des Virus, zu den Behandlungsmöglichkeiten, Aerosolen, Lüftungstechniken, Impfstoffen, trotz einer nicht mehr überschaubaren Zahl von Studien und Statements von Expertinnen und Experten fehlt weiterhin international ein verlässliches Szenario, wie die Pandemie bewältigt werden kann.

Die Stunde der Rechthaber

Die Wissenschaften kommen dem Virus nicht bei, das ist eines der – bitteren – Fazits nach einem Jahr Corona. Woran das liegt: Corona ist nicht bloss ein Krankheitserreger, sondern mit ihm, hinter ihm, durch ihn türmen sich Berge von sozialen, psychologischen, ökonomischen, globalen und lokalen Folgen und Reaktionen auf. Wir alle sind betroffen, und wir sind in allem, was wir tun und lassen, betroffen. Das gab es so bisher nicht – entsprechend komplex und unerprobt ist es, Lösungen zu finden.

Umso absurder, wenn Hinz und Kunz mit jedem Tag lauter behaupten, genau zu wissen, was richtig ist. Hinz will unbedingt lockern, Kunz will unbedingt die Schraube anziehen. Mit Corona blühen sie auf, die Besserwisserinnen und Rechthaber aller Couleur. Das ist ein zweites Fazit dieses Coronajahrs: Je weniger gesichertes Wissen, desto unverfrorener und lautstarker ertönen die Meinungen.

Und ein drittes: Noch vor einem Jahr, beim ersten Lockdown, schlug die Stunde der Exekutive. Rundherum nahmen die Regierungen das Ruder in die Hand, die Zustimmung in der Bevölkerung war gross, die Solidarität untereinander ebenfalls. Heute, ein Jahr später, stehen die Regierungen unter Generalverdacht, in der Krise versagt oder die falschen Mittel angewendet zu haben.

In Wien demonstrieren Tausende gegen die Coronamassnahmen der Regierung, in Deutschland wird die Merkelpartei in den Wahlen abgestraft, in der Schweiz mucken die Kantone und die Branchen auf. Es schlägt die Stunde des Volkszorns.

Solidarität ist zwar politisch aus der Not praktiziert worden: mit Unterstützungsmassnahmen, mit Härtefallregelungen, Überbrückungskrediten oder grosszügigeren Kurzarbeitsmodellen, alles löblich und nötig. Aber gleichzeitig tut sich der Graben zwischen den Berufen «an der Front», vor allem in der Pflege, und den Corona-Privilegierten im Backoffice immer weiter auf. Und das Gerangel um Impfdosen und -termine zeigt: Da ist plötzlich wieder jeder und jede sich selbst am nächsten.

Solidarität macht krisenresistent

Dabei sollte es, aus der Erfahrung dieses Pandemiejahrs, genau darum gehen: das eigene Ego für einmal aus der vordersten Reihe zurückzubeordern. Das heisst zum Beispiel, für Massnahmen einzustehen, die nicht zuerst einmal mir zugute kommen, sondern denen, die am stärksten gefährdet sind, die am wenigsten Ausweichmöglichkeiten haben, die materiell oder psychisch am meisten unter der Krise leiden.

Oder es könnte heissen: sich auf lange Sicht einzusetzen für kooperative, solidarische, gerechtere, ökologische und damit krisenresistentere gesellschaftliche Verhältnisse.

Trivial, aber wahr: Die Krise kann nur bewältigt werden, wenn wir zusammenhalten und uns gegenseitig zugestehen, nicht genau zu wissen, was richtig und was falsch ist. Das ist ein Piks in den Arm der machbarkeitsgläubigen Individualistinnen und Alleswisser, die wir alle über die Jahre des krisenfreien Wohlstandsglücks geworden sind. Ein Piks, der mehr weh tut als eine Covid-Impfung – aber der die Resistenz gegen künftige Pandemien erhöhen könnte.

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2