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Fahne hoch? Laden runter?

Man sieht sich nicht. Man begegnet sich kaum noch. Aber man hört (noch) die Stimmen. Ein Kommentar zur Lage der Kultur zwischen Durchhalteparolen und Perspektivenlosigkeit.
Von  Peter Surber

Die einen können nicht mehr. Haben genug vom Planen Umplanen Neuplanen Verschieben Umdenken Neudenken Nochmalneuplanen. «Die Mutmacherparolen kann ich langsam nicht mehr hören», sagt einer. Eine andere pendelt «zwischen mutlos und verzweifelt». Lieber ein kompletter Lockdown als die vor sich her geschobene Dauerunsicherheit, findet ein dritter. Für viele Kulturschaffende ist seit bald einem Jahr Licht aus. Man kann sie gut verstehen.

Die andern halten die Fahne hoch, feilen weiter an Projekten, entwickeln Auswege und digitale Varianten, wollen sich vom Virus nicht den Mumm nehmen lassen, glauben an die Chance, welche die Pandemie auftut: Kultur neu zu denken. Künstlerische Arbeit war seit jeher riskant, sagt einer. Kunstschaffende sind flexibel, wir haben uns schon immer mit jedem Projekt neu erfunden, findet jemand. Gerade jetzt braucht es uns erst recht, meint eine dritte. Man kann auch sie gut verstehen.

Aktion von Frank und Patrik Riklin an der Performance «Anwesenheit 2021» in der Grabenhalle St.Gallen.

Im Lockdown zwei ist die Lage der Kultur noch einmal härter geworden. Eindrücklich, einerseits, was «trotz allem» noch passiert. Die Streams der Alten Musik (mehr dazu im Februarheft von Saiten), zwar nicht live, aber für ein breiteres Publikum als im Konzertsaal. Die Solothurner Filmtage Ende Januar, online und damit ebenfalls zugänglicher. Die Ostschweizer «Kulturkosmonauten», die eine «Beamstation» eröffnen, einen neuen Planeten erobern und «The People Formerly Known as The Audience» kurzerhand zum Mitdenken einladen. Das Kollektiv, das in Biel einen Kunst-Blumenladen eröffnet. All die Bands, die statt auf die Bühne ins Studio gehen. Und so trotz Abwesenheit «Anwesenheit 2021» behaupten – so war die Performance im Januar in der St.Galler Grabenhalle betitelt, die 45 Profis alle Sparten coronakonform zusammenbrachte und jetzt zu einem Kurzfilm verarbeitet wird.

Die Pandemie als Demokratisierungschance der Kultur: Das könnte eine Zukunftsspur sein. Und andrerseits: die Pandemie als grosser Blocker. Das ist die Gegenwart für zahllose Akteure im Kulturbetrieb. Sie bräuchten, über Ausfalls- und Härtefallgelder hinaus, eine Perspektive.

«Wie gehts euch eigentlich?» Zoom-Forum der IG Kultur Ost: Freitag, 29. Januar, 19 Uhr

ig-kultur-ost.ch

«Wenn ich jetzt für Mai plane, werde ich ausgelacht», sagt eine Theaterfrau. Panik, Existenzangst und noch kein Licht am Ende des Tunnels: Das darf nicht zum Tabuthema dieser zweiten (und vielleicht bald dritten) Welle werden. Unter anderem deshalb organisiert die IG Kultur Ost diese Woche einen Erfahrungsaustausch für Kulturschaffende aller Sparten, Titel: «Wie gehts euch eigentlich?».

Die psychischen Folgen der Krise, nicht nur im Kulturbereich, müssen die Öffentlichkeit interessieren. Aber Öffentlichkeit ist das, was dem Virus gerade zum Opfer zu fallen droht. Jemand fragt: «Und wo bleibt der Aufschrei des Publikums?»

Dieser Beitrag erscheint im Februarheft von Saiten. Peter Surber war an der Organisation von «Anwesenheit 2021» mitbeteiligt.

 

 

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