«Es geht um Existenzsicherung»

Der Kanton Zürich hilft Kulturschaffenden in der Coronakrise mit einem Grundeinkommen. Kulturchefin Madeleine Herzog erklärt, warum.
Von  Peter Surber
Madeleine Herzog, 1961, leitet seit 2014 die Fachstelle Kultur des Kantons Zürich. Zuvor war sie neun Jahre lang Leiterin der Kulturförderung der Stadt St.Gallen. (Bilder: Ursula Häne)

Saiten: Der Kanton Zürich führt ein befristetes Grundeinkommen für Kulturschaffende ein. Wie kam es dazu?

Madeleine Herzog: Ich würde weniger von Grundeinkommen sprechen. Uns geht es um die Existenzsicherung von Kulturschaffenden. Letzten Sommer hat sich gezeigt, dass Ausfallentschädigungen fragwürdig sind, wenn Künstlerinnen und Künstler kaum noch für Veranstaltungen gebucht werden oder Aufträge bekommen. Das BAK beschloss in Absprache mit der Delegation der Konferenz der kantonalen Kulturbeauftragten (KBK) dann, dass man auch mutmasslich entgangene Einnahmen geltend machen kann. Wir haben daraus ein erstes Modell entwickelt: Kulturschaffende können anhand ihrer Steuererklärung ihre selbständige künstlerische Tätigkeit der letzten Jahre belegen und höchstens 4800 Franken geltend machen. Nach Abzug von 20 Prozent sind das 3840 Franken. Der politische Entscheid von Regierungsrätin Jacqueline Fehr war es jetzt, eine pauschale Lösung zu etablieren. Dies aus zwei Gründen: Die kulturelle Vielfalt soll gesichert werden und der bürokratische Aufwand soll begrenzt werden. Die Einnahmen müssen deshalb nicht mehr plausibilisiert werden.

Plausibilisiert heisst…?

…dass der Betrag nicht mehr im Detail für die vergangenen Jahre nachgewiesen werden muss. Entschädigungen aus anderen Quellen, aus der EO oder via Suisseculture Sociale, werden vom Gesamtbetrag abgezogen. Und natürlich müssen Einnahmen, die es trotz Corona gab, ebenfalls angegeben werden.

Man vertraut auf die Ehrlichkeit der Künstlerinnen und Künstler?

Sie müssen die Einnahmen deklarieren und machen sich strafbar, wenn sie unrichtige Angaben machen. Es wird auch Stichproben geben.

4800 Franken sind viel Geld für Kulturschaffende – oder ist das in Zürich der Normalfall?

Es ist auch in Zürich nicht der Normalfall. Was wir in dieser ganzen Pandemiezeit festgestellt haben: Für die Künstlerinnen und Künstler, die im nicht-kommerziellen Bereich unterwegs sind, ist das ein eher hoher Betrag. Im kommerziellen Bereich, beispielweise bei DJs oder Comedy-Künstlern, sieht es ganz anders aus. Grossverdiener werden bei diesem Modell nicht berücksichtigt. Sie können aber, wenn sie damit besser fahren, weiterhin konkrete Veranstaltungsausfälle abrechnen.

Wie kommt man auf die 4800 Franken?

Wir haben uns einerseits an den Mindestlöhnen der Gewerkschaften orientiert, andrerseits an den Richtgagen der Berufsverbände.

Weiss Zürich, wie viele Kulturschaffende es im Kanton gibt, die Anspruch auf das Grundeinkommen anmelden könnten?

Wir hatten im letzten Jahr tausend Gesuche, teils allerdings Mehrfach-Eingaben. Sicher fällt vom Gesamtbetrag wieder einiges weg. Wer hohe EO-Gelder bezieht, wird von uns weniger erhalten. Aber es ist schwierig abzuschätzen, was auf uns zukommt.

Sie müssen wohl trotzdem eine Vorstellung haben, wieviel das Grundeinkommen den Staat kostet.

In der ersten Welle haben wir die Erfahrung gemacht: Was bei den Ausfallentschädigungen am meisten eingeschenkt hat, sind die kommerziellen Kulturunternehmen. Die selbständigen Kulturschaffenden machten dagegen nur rund zehn Prozent der Kosten aus. Es ist durchaus politisch erwünscht, dass diese verstärkt von der Regelung profitieren. Man weiss im Übrigen nicht, ob die im letzten Jahr gesprochenen Kredite reichen. Wenn nicht, muss man wieder Druck machen für zusätzliche Gelder.

Gibt es politische Reaktionen auf den Vorstoss, der ja doch eine mittlere Sensation ist?

Bis jetzt gibt es einzelne Reaktionen auf der Fachebene. Wobei ich betonen muss: Was wir einführen, ist eine Existenzsicherung, um die kulturelle Vielfalt auch in dieser Krise und darüber hinaus zu gewährleisten. Diese Existenzsicherung ist nicht bedingungslos: Anspruch hat nur, wer hauptberuflich und selbständig erwerbend künstlerisch tätig ist. An diesen beiden Pflöcken, die das BAK eingeschlagen hat, rütteln wir nicht. Dennoch: Es ist ein starker Positionsbezug von Jacqueline Fehr.

Und was sagen die Kulturschaffenden?

Es gab einzelne Rückmeldungen: «Super, dass ihr das macht», aber die Mailbox unserer Fachstelle ist bisher nicht übergequollen.

Die Kultur mit einem Grundeinkommen zu privilegieren: Ist das nicht problematisch gegenüber anderen Branchen, die ebenso von Corona gebeutelt sind, wie etwa die Gastronomie?

Es ist eine Grundsatzfrage, die mit den Ausfallentschädigungen im Raum steht: ob man solche Zusatzmassnahmen für Kulturschaffende will. Allerdings sind Kulturschaffende nach wie vor in besonderem Mass betroffen von der Krise. Und die Grundlagen schuf der Bund. Was wir machen, bewegt sich innerhalb dieser Vorgaben.

Ist das Grundeinkommen ein zukunftsträchtiges Modell – über April hinaus?

In einer normalen Situation wäre eine solche Unterstützung höchstens im Rahmen einer selektiven Förderung denkbar. Ähnlich geschieht dies ja bereits mit der Vergabe von Werkjahren und Werkbeiträgen. Das war vom Beginn der Krise weg eine Entscheidung: Jetzt geht es nicht um selektive Förderung und auch nicht um Qualitätsansprüche, sondern um das Durchtragen eines kulturellen Kosmos. Im richtigen Leben wird das wieder anders werden. Auf Dauer würde der Mittelbedarf ins Astronomische wachsen.

Wann hört das falsche Leben auf und fängt das richtige wieder an?

Das jetzige Modell ist bis Ende April befristet. Die Hoffnung ist, dass sich die Lage bis zum Sommer etwas normalisiert und die regulären Ausfallentschädigungen wieder ausreichen. Das Covid-Gesetz des Bundes gilt bis Ende 2021. Solange werden uns die Entschädigungen beschäftigen. Das jetzige, vereinfachte Verfahren ist ausdrücklich ein Krisenmodell.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf