Wummernde Bässe lassen die Bauchdecke vibrieren, monochromes, leuchtendes Ultraviolett zieht den Blick auf die Leinwand, undefinierbare Geräusche maximieren die Hör-Anstrengung. Ein Videobild in kreisrundem Format ist an die Wand projiziert.
T-Hybrid-V-II, Video, 1971
Die Szenen nach einer logischen Abfolge einzuordnen fällt schwer. Mehrere Personen lassen eine Schnur durch ihre Finger gleiten. Sie fädeln sie in ein Loch ein und ziehen sie mithilfe ihrer Münder wieder heraus. Das Betrachten der vermeintlich sinnlosen Tätigkeiten löst ein hauchzartes Gefühl aus, während die unverständlichen Stimmen und Geräusche, die aus den Lautsprechern klingen, einen Kontrast dazu bilden und mehr verstörende und ungeordnete Emotionen hervorrufen.
Die Videosequenzen werden permanent gestört: abwechselnd durch Schwarzbild oder Gegenstände, die das Bild partiell verdecken. Uns Betrachtern wird so die Sicht auf die Szenerie erschwert oder komplett entzogen. Der Versuch, die Geräuschkulisse einzuordnen, der visuelle Reiz der ultraviolett gefärbten Aufnahmen, das unübliche Bildformat und der dunkle, schlauchartige Raum, in welchem sich die Installation befindet: All das lässt die Alltagswirklichkeit schwinden.
Keith Sonnier: «Catching the Light: Sending and Receiving» Bis 20. Oktober 2019, Kunstmuseum St.Gallen
kunstmuseumsg.ch
Keith Sonnier greift mit T-Hybrid-V-II, einer der insgesamt dreizehn ausgestellten Videoarbeiten, die verschiedenen Ebenen des Mediums Fernsehen auf. Jedes Element, Ton, Bild oder die Raumbeschaffenheit, fügt sich in Interaktion mit den anderen zu einem neuen Ganzen zusammen, schafft eine neue Ausgangslage, die durch die Andersheit einen verschobenen Blick erlaubt.
T-Hybrid-VI-I, Video, 1971
Es wird schnell klar, welchen Einfluss Medien ausüben. Das Thema, welches Keith Sonnier (geboren 1941 in Mamou, Louisiana) schon in den 1970er Jahren erforscht hat, ist bis heute hochaktuell: Wie wirken Medien auf die Rezipientinnen und Rezipienten? Er erschafft durch seine Videoinstallation ein illusorisches Beispiel, das, wenn die Betrachterin und der Betrachter zur Partizipation bereit sind, Erkenntnis über die bewusste oder unbewusste Wahrnehmung der Medien hervorbringt.
Revolutionäre Elektrokabel
Sonnier, der an der legendären, von Harald Szeemann kuratierten Ausstellung «Live in your Head: When Attitudes Become Form» 1969 in der Kunsthalle Bern zu sehen war, gilt als Wegbereiter der sogenannten «New Sculpture». Sein künstlerisches Schaffen trug wesentlich zu einer neuen Vorstellung von plastischer Gestaltung bei.
Der Künstler untersuchte verschiedene Lichtquellen im Zusammenspiel mit Materialien wie Plastikfolie, Elektrokabel, Latex und Glas. Die Sichtbarkeit der Elektrokabel und deren Einbezug in die künstlerische Arbeit war in den 1960er Jahren völlig neuartig – gegenüber traditionellen Kunst-Materialien wie Bronze, Eisen oder Marmor.
Keith Sonnier: Neon Wrapping Lightbulbs, 1967.
Neon Wrapping Lightbulbs, eine Arbeit, die unverkenntlich Sonniers Handschrift trägt, setzt sich zusammen aus Neonröhren, Kopfspiegelglühlampen, Elektrokabeln und Transformatoren. Die baugleichen Glühlampen erhalten durch das bedachte Arrangement der Elektrokabel und durch das orangerote Neonlicht eine völlig andere Ausstrahlung. Schattenwürfe zeichnen Muster an die Wand und der Raum wird durch das gespiegelte Licht in den Glasscheiben erweitert. Aus der Nähe betrachtet, werden die verschieden starken Farbverläufe sichtbar.
Grell, aber nie laut
Mit New York, Hook Up, einer Arbeit von 1970, wird auf Partizipation gesetzt. Durch Bewegung im Raum oder das Reinsprechen in eines der Mikrofone verändert sich der Rückkoppelungseffekt, der durch die Verstärker, die Mikrofone und Lautsprecher entsteht; je nach individueller Aktion wird er eingedämmt oder modifiziert.
Führung mit Museumsdirektor Roland Wäspe: 17. April 18.30 Uhr
Die wichtigen Fragen, die der Künstler mit seinen Arbeiten erforscht, kommen zart und doch eindringlich an die Oberfläche: trotz greller Neonröhren wird Keith Sonnier nie laut. Leise und gedämpft sendet seine Kunst Signale und hinterlässt nachhaltig Eindruck.
SEL, 1979, und MOMUS, 1978 in der St.Galler Ausstellung.
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Neues Buch
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