Auf den ersten Blick sieht das Programm aus, als gäbe es die Pandemie nicht. Wie von den letzten Jahren gewohnt, stehen beim Zyklus Alte Musik St.Gallen (AMSG) zwischen Anfang Februar und Anfang März fünf Sonntagskonzerte plus ein Extrakonzert auf dem Programm. Alle widmen sich der historisch informierten Aufführungspraxis; «Alte Musik» umfasst dabei die Epochen vom ausgehenden Mittelalter bis zur Wiener Klassik – denn auch deren Musik klingt anders, wenn sie auf Nachbauten zeittypischer Instrumente gespielt wird oder in schlankerer Besetzung, als wir es heute meist gewohnt sind.
Geplant und konzipiert hat Michael Wersin, mit der Organistin Verena Förster künstlerischer Leiter der AMSG, das Programm schon vor zwei Jahren. Bislang war das nötig: So weit im Voraus waren international gefragte Solisten und Ensembles ausgebucht. Wer später anklopfte, hatte in der Regel Pech.
Hochklassig und niederschwellig
Das ist seit Anfang 2020 anders. Selbst namhafte Musikerinnen und Musiker verzweifeln derzeit angesichts ihrer leeren Agenda. Wersin weiss, wie ihre Augen leuchten, wenn sie per Mail erfahren, dass die Konzerte in St.Gallen stattfinden, notfalls auch nur als Livestreams ohne Publikum. «Ich bin durchaus kein Livestreamfanatiker, doch wir haben momentan nur diese Möglichkeit. So können wir die zugesagten Gagen zahlen und die aufwendige Konzeptarbeit an den Programmen war nicht umsonst.» Fast alle Konzerte, Einführungen und Workshops werden auf amsg.ch als Gratis-Livestream zu erleben sein.
Ein niederschwelliger Zugang zu Konzerten und Vermittlungsangeboten auf Top-Niveau war vorher schon wichtiger Bestandteil des Gesamtkonzepts. Für die zwei Konzerte in grösserer Besetzung (am 7. Februar mit dem Pianisten Arthur Schoonderwoerd und dem Ensemble Cristofori sowie am 21. Februar mit doppelchörigen Motetten von Lasso und Palestrina) kann die Reihe von der Kirche St.Mangen nach St.Laurenzen ausweichen.
Ensemble Cristofori unter Arthur Schonderwooerd. (Bild: pd)
Michael Wersin kann sich so viel Flexibilität glücklicherweise leisten: Die finanzielle Lage der AMSG ist komfortabel. Sie wird durch die Dietschweiler-Stiftung unterstützt und fand auch bislang bei freiem Eintritt statt. Es fallen nun also lediglich vor Ort erhobene Kollekten weg – immerhin ein vierstelliger Betrag. Die Zusatzkosten für die Livestreams lassen sich an anderer Stelle einsparen, etwa bei den Apéros. Diese waren in den vergangenen zwei Jahren neben den Einführungen und öffentlichen Workshops ein Plus der Reihe: ein sehr geschätztes Angebot zur Begegnung und zum zwanglosen Austausch zwischen Künstlern und Publikum.
Händel, Mozart und eine Alpenüberquerung
Auftaktkonzert mit dem Ensemble Cristofori: 7. Februar 17 Uhr.
Alle Februarkonzerte und der Workshop vom 6. Februar werden gestreamt.
Termine und Anmeldung: amsg.ch
Nun werden sich die eingeladenen Musiker zumindest in den Online-Einführungen und Workshops an ihre Zuhörerinnen und Zuhörer wenden oder (wie die Sopranistin Miriam Feuersinger und der Geiger Cosimo Stawiarski im Gesprächskonzert über «Stimme und Saiten im Dialog – Händels Neun deutsche Arien» am 13. Februar) Michael Wersin Rede und Antwort stehen. René Oswald stellt mittels Vortrag, Workshop und Konzert historische Klarinetten vor (28. Februar). Lorenzo Ghielmi plante, sein Programm über Bach und dessen norddeutsche Vorbilder mit einem Orgelkurs zu verbinden – dieser Anlass ist auf 2022 verschoben.
Auch der Mozart-Workshop mit dem Hammerklavier-Spezialisten Arthur Schoonderwoerd (6. Februar) wird gestreamt: Das lohnt umso mehr, als Schoonderwoerd mit dem jungen St.Galler Pianisten Luca Di Salvo arbeiten und am Beispiel des Klavierkonzerts A-Dur KV 414 musikgeschichtliche Hintergründe erläutern wird – dieses steht dann beim Eröffnungskonzert auf dem Programm.
Weiter ist (am 14. Februar) das Ensemble PER-SONAT mit spätmittelalterlicher Musik der Zisterzienserinnen zu hören, und zum Konzert mit doppelchörigen Motetten der zwei grossen Renaissancemeister Lasso und Palestrina (21. Februar) begegnen sich zwei Vokalquartette, das eine nördlich, das andere südlich der Alpen beheimatet. Damit will man, so Michael Wersin, an eine Zeit erinnern, in der die besten Musiker Europas rege unterwegs waren und einen fruchtbaren Austausch pflegten – oft unter schwierigen Umständen. Aktuell kann man diese gut nachempfinden: Die Reisebedingungen können sich täglich ändern, Grenzen von heute auf morgen geschlossen und Coronatests nötig sein.
Die heiligen drei Könige in der Olmahalle
Die Bachstiftung St.Gallen hatte sich deshalb 2020 schon vor dem Sommer für ein Sabbatical entschieden. Vereinzelt gab es Livestreams mit Rudolf Lutz an der Orgel und Beiträge auf der Internet-Plattform «Bachipedia» für die weltweit wachsende Bach-Community, doch keine Kantatenaufführungen – weder als Livestreams noch in den Monaten der Lockerungen vor limitiertem Publikum. Geplant war, auf Anfang 2021 den gewohnten Konzertturnus wieder aufzunehmen. «Ein weiteres Jahr, ohne den Stiftungszweck zu erfüllen, also die Gesamtaufführung aller Kantaten, das wollten wir nicht», sagt Xoan Castiñeira, Geschäftsführer der Bachstiftung. «Die Stiftung würde sonst ihre Legitimität verlieren.»
Um auf der sicheren Seite zu sein, hat man die Olma-Halle 2.0 zum neuen, vorläufigen Veranstaltungsort erkoren. Hier sollten die Kantaten möglichst bald nach der vertrauten und geschätzten Trogener «Formule» stattfinden, wie Rudolf Lutz es ausdrückt: also mit Einführungsworkshop, Apéro und anschliessendem Konzert; zunächst für immerhin 50 Personen. Platz hätten, bei strengem Sicherheitskonzept, so viele Besucherinnen und Besucher wie in der Evangelischen Kirche Trogen unter Normalbedingungen, mit weniger Abstand später bis zu 500 Personen.
Dafür nimmt die Bachstiftung wesentlich höhere Mietkosten in Kauf und wird die Ticketpreise in den Kategorien A und B um 20 Prozent erhöhen; Zehn-Franken-Tickets gibt es nach wie vor. «Wir wollen niemanden ausschliessen», betont Geschäftsführer Xoan Castiñeira.
bachstiftung.ch
Doch vorerst geht das Improvisieren weiter. Mindestens bis Ende Februar werden die Aufführungen Geisterkonzerte ohne Publikum sein; aus dem Chor wird eine mit reichlich Abstand vor einem Panoramaprospekt des Trogner Landsgemeindeplatzes aufgestellte «Truppe von Einzelsängern». Akustisch muss sich das Ensemble auf Distanz neu finden, die Technik für die Aufnahmen und Liveübertragungen dem grossen Raum anpassen. Die Premiere ist geglückt: Am 15. Januar wurde die Dreikönigskantate Sie werden aus Saba alle kommen aus der Olma gestreamt.
Screenshots des Konzerts vom 15. Januar in der Olmahalle 2.0 Sie werden aus Saba alle kommen BWV 65.
«Bach ist die beste Medizin»
Eine dauerhafte Alternative wird die Messehalle mit ihrer Studio-Atmosphäre dennoch nicht sein, jedenfalls nicht für diejenigen, die Trogen als Bach-Pilgerort und die dortige Kirche als stimmigen Resonanzraum der Kantaten und Reflexionen lieben. Abstecher an andere Orte, auf den Chäserrugg etwa oder in den Gossauer Fürstenlandsaal, machte die Bach-«Gemeinde» zwar in der Vergangenheit willig mit, hinterher hiess es jedoch meistens: «In Trogen ist es schöner.»
Die Anmeldezahlen für die Olma-Halle waren sofort hoch – man hätte auslosen und die übrigen mehr als hundert festen Abonnenten vertrösten müssen. In den freien Verkauf wird wohl noch länger kein Ticket kommen: Da ist ein Livestream besser als nichts.
«Verhalten optimistisch» ist Rudolf Lutz zu Beginn des neuen Jahres, trotz der überraschend heftigen zweiten Corona-Welle. Er hat seinen Taktstock wieder ausgepackt und vertieft sich lieber in die Partituren, statt zu klagen. Er hofft, dass die Musikerinnen und Musiker gesund bleiben, hat auch für Spezialisten Einspringer «auf Standby» und hält sich ansonsten an Bach: «Der ist die beste Medizin für mich.»
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