Saiten: Du hast erst im Sommer deine Lehre als Koch abgeschlossen und wenige Wochen später schon eine Bar eröffnet. Warum?
Sven Sennhauser: Ich träumte seit Jahren davon, eine eigene Bar zu haben. Schon als Kind in Rehetobel habe ich beim Frühlingsfest immer mit einem Ikea-Gestell Barkeeper gespielt. Vor zwei Jahren nahm der Gedanke dann konkretere Formen an. Dass mein Traum jetzt wahr geworden ist, ist aber dem Zufall zu verdanken: Eigentlich war ich auf der Suche nach einer Wohnung in St.Gallen, aber stattdessen fand ich diese Bar. Ich dachte mir, anfragen kostet ja nichts, es wird ohnehin nicht klappen, niemand vermietet einem 19-Jährigen eine Bar. Tja… falsch gedacht. Ich bekam den Zuschlag – und das mitten in der Lehrabschlussprüfung.
Du magst deine Bar etwas «verrucht». Findest du das Gastgewerbe allgemein zu geschleckt?
Ja, schon ein bisschen. Ich finde es komisch, wenn man sich in einen Anzug quetschen muss, um in ein gutes Restaurant zu gehen. Wieso? Wer schreibt das vor? Warum kann man nicht so essen gehen, wie man ist? Warum muss man sich für den Ausgang «schön machen»? Mir leuchtet das nicht ein, auch wenn der «Kleiderkodex» heute bei Weitem nicht mehr so streng ist wie früher. Für meine Bar muss man sich nicht extra stylen – ausser natürlich man will. Alle sind so willkommen, wie sie sind.
Das Libre soll ein Safe Space für die LGBTQIA-Community sein. Fehlen in St.Gallen die queeren Räume?
Tendenziell ja. Es gibt zwar Orte in der Stadt, wo die Community schon lange verkehrt, aber nicht unbedingt die jüngere Generation. Abgesehen vom Paparazzo am Blumenberg, das sich ja auch als queer-friendly bezeichnet…
…was man ja von jeder Beiz erwarten dürfte.
Voll. Trotzdem braucht es Safe Spaces. Gerade auch für junge queere Menschen, die manchmal noch unsicher sind. Auch zu mir sind schon einige gekommen, die anfangs ganz scheu in die Bar schlichen und dann schnell merkten, hey, da kann man ja wirklich sein, wie man ist. Solche Räume braucht es mehr in St.Gallen. Es braucht mehr Sichtbarkeit, wir müssen Farbe zeigen. Darum auch die grosse Pride-Flagge in meinem Schaufenster.
Sven Sennhauser, 2003, ist in Rehetobel aufgewachsen und gelernter Koch. Seit August 2022 führt er das St.Gallen Libre an der Metzgergasse 26, wo er auch Kinky-Partys, ein Pub-Quiz und Karaoke-Abende veranstaltet. Die Bar ist von Mittwoch bis Sonntag ab 17 Uhr geöffnet.
instagram.com/st.gallen_libre
Was müsste sich ändern, damit «queer-friendly» selbstverständlich wird in St.Gallen?
Das Denken. Wer konservativ aufwächst, gibt das tendenziell weiter, und davon müssen wir uns als Gesellschaft befreien. Immer noch werden schwule, lesbische oder trans Menschen auf offener Strasse angegriffen. Erst kürzlich wurden zwei Freunde von mir am Hauptahnhof St.Gallen verprügelt, weil sie Händchen gehalten hatten. Gewalt gegen queere Menschen ist eine traurige Realität, darum habe ich mich auch vor der Eröffnung bei der Stadtpolizei nach einem «Sicherheitskonzept» erkundigt. Was mache ich, wenn meine Gäste gewalttätig angegangen werden? Die Antwort der Stadtpolizei war bezeichnend, auch für das fehlende Bewusstsein im Rest unserer Gesellschaft: «Sowas passiert bei uns in St.Gallen nicht.» Homophobie bzw. Gewalt gegen queere Menschen wird einfach negiert, das ist fatal.
Von deiner LAP bis zur Eröffnung der Bar sind nur etwa vier Wochen vergangen. Und in dieser Zeit warst du auch noch Koch in einem Basler Klima-Camp. Tönt nach Stress.
Ja, das war ungefähr die strengste Zeit meines Lebens. Jetzt lache ich, aber es war definitiv ein Lupf. In wenigen Wochen musste ich das Geschäftliche regeln, neues Inventar bestellen und das alte verkaufen, bauliche Mängel beheben, Wände streichen, alles einrichten, dekorieren und so weiter – Vollgas bis zum letzten Moment. Zum Glück hatte ich Hilfe von Familie und Freunden.
Apropos: Einige davon haben dir ihre Ärsche gegeben bzw. einen Teil davon. Im Untergeschoss hängen acht grosse Spiegel mit Füdli-Abdrücken. Wie ist es dazu gekommen?
Das war eine lustige Aktion! Arschabdrücke waren mal ein TikTok-Trend, ich fand das super und schrieb die Idee auf meine «Bucket List». Als ich im Bekanntenkreis herumfragte, sagten einige sofort zu. Allerdings wurden die Spiegel erst einen Tag vor der Eröffnung geliefert, es musste darum alles sehr schnell gehen. Und es konnten ja nicht alle gleichzeitig den Abdruck machen. Meine Mutter machte den Anfang, während sie die Farbe abwusch, kam die zweite Person und so weiter. Fertig waren wir erst etwa eine Stunde vor der Eröffnung.
Kinky Night – Dark Techno and Gothic Sound by Djane Tintilla: 25. November, ab 22 Uhr
Zutritt ab 18 Jahren
Diese war am 19. August. Wie ist deine Bilanz bisher?
Die Rückmeldungen sind ausnahmslos super. Das Publikum ist sehr gemischt, von 17 bis scheintot, von homo bis hetero war schon alles da, was ich wunderbar finde. Mit den Nachbarn haben wir ein schönes Verhältnis, vor allem mit dem Krug und dem Baratella, wo ich auch jederzeit Tipps und Hilfe holen kann. Auch wirtschaftlich bin ich auf einem guten Weg. Ich kann mir zwar noch keinen richtigen Lohn auszahlen, schreibe aber schwarze Zahlen. Ich hoffe sehr, dass es so weiterläuft. Einen strikten Businessplan habe ich aber nicht. Ich mache einfach. Mein Motto ist «jung, wild und unprofessionell» – wobei letzteres nicht mehr wirklich stimmt, wie mir die Leute immer öfters sagen.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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