Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Jung, wild und unprofessionell»

Im August hat Sven Sennhauser die queere Bar «St.Gallen Libre» eröffnet. Ein Gespräch über das geleckte Gastgewerbe, die Notwendigkeit von Safe Spaces und Ärsche in letzter Minute.
Von  Corinne Riedener , 
Sven Sennhauser im Keller des Libre, wo sich seine Freund:innen verewigt haben. (Bild: co)

Saiten: Du hast erst im Sommer deine Lehre als Koch abgeschlossen und wenige Wochen später schon eine Bar eröffnet. Warum?

Sven Sennhauser: Ich träumte seit Jahren davon, eine eigene Bar zu haben. Schon als Kind in Rehetobel habe ich beim Frühlingsfest immer mit einem Ikea-Gestell Barkeeper gespielt. Vor zwei Jahren nahm der Gedanke dann konkretere Formen an. Dass mein Traum jetzt wahr geworden ist, ist aber dem Zufall zu verdanken: Eigentlich war ich auf der Suche nach einer Wohnung in St.Gallen, aber stattdessen fand ich diese Bar. Ich dachte mir, anfragen kostet ja nichts, es wird ohnehin nicht klappen, niemand vermietet einem 19-Jährigen eine Bar. Tja… falsch gedacht. Ich bekam den Zuschlag – und das mitten in der Lehrabschlussprüfung.

Du magst deine Bar etwas «verrucht». Findest du das Gastgewerbe allgemein zu geschleckt?

Ja, schon ein bisschen. Ich finde es komisch, wenn man sich in einen Anzug quetschen muss, um in ein gutes Restaurant zu gehen. Wieso? Wer schreibt das vor? Warum kann man nicht so essen gehen, wie man ist? Warum muss man sich für den Ausgang «schön machen»? Mir leuchtet das nicht ein, auch wenn der «Kleiderkodex» heute bei Weitem nicht mehr so streng ist wie früher. Für meine Bar muss man sich nicht extra stylen – ausser natürlich man will. Alle sind so willkommen, wie sie sind.

Das Libre soll ein Safe Space für die LGBTQIA-Community sein. Fehlen in St.Gallen die queeren Räume?

Tendenziell ja. Es gibt zwar Orte in der Stadt, wo die Community schon lange verkehrt, aber nicht unbedingt die jüngere Generation. Abgesehen vom Paparazzo am Blumenberg, das sich ja auch als queer-friendly bezeichnet…

…was man ja von jeder Beiz erwarten dürfte.

Voll. Trotzdem braucht es Safe Spaces. Gerade auch für junge queere Menschen, die manchmal noch unsicher sind. Auch zu mir sind schon einige gekommen, die anfangs ganz scheu in die Bar schlichen und dann schnell merkten, hey, da kann man ja wirklich sein, wie man ist. Solche Räume braucht es mehr in St.Gallen. Es braucht mehr Sichtbarkeit, wir müssen Farbe zeigen. Darum auch die grosse Pride-Flagge in meinem Schaufenster.

Sven Sennhauser, 2003, ist in Rehetobel aufgewachsen und gelernter Koch. Seit August 2022 führt er das St.Gallen Libre an der Metzgergasse 26, wo er auch Kinky-Partys, ein Pub-Quiz und Karaoke-Abende veranstaltet. Die Bar ist von Mittwoch bis Sonntag ab 17 Uhr geöffnet.

instagram.com/st.gallen_libre

Was müsste sich ändern, damit «queer-friendly» selbstverständlich wird in St.Gallen?

Das Denken. Wer konservativ aufwächst, gibt das tendenziell weiter, und davon müssen wir uns als Gesellschaft befreien. Immer noch werden schwule, lesbische oder trans Menschen auf offener Strasse angegriffen. Erst kürzlich wurden zwei Freunde von mir am Hauptahnhof St.Gallen verprügelt, weil sie Händchen gehalten hatten. Gewalt gegen queere Menschen ist eine traurige Realität, darum habe ich mich auch vor der Eröffnung bei der Stadtpolizei nach einem «Sicherheitskonzept» erkundigt. Was mache ich, wenn meine Gäste gewalttätig angegangen werden? Die Antwort der Stadtpolizei war bezeichnend, auch für das fehlende Bewusstsein im Rest unserer Gesellschaft: «Sowas passiert bei uns in St.Gallen nicht.» Homophobie bzw. Gewalt gegen queere Menschen wird einfach negiert, das ist fatal.

Von deiner LAP bis zur Eröffnung der Bar sind nur etwa vier Wochen vergangen. Und in dieser Zeit warst du auch noch Koch in einem Basler Klima-Camp. Tönt nach Stress.

Ja, das war ungefähr die strengste Zeit meines Lebens. Jetzt lache ich, aber es war definitiv ein Lupf. In wenigen Wochen musste ich das Geschäftliche regeln, neues Inventar bestellen und das alte verkaufen, bauliche Mängel beheben, Wände streichen, alles einrichten, dekorieren und so weiter – Vollgas bis zum letzten Moment. Zum Glück hatte ich Hilfe von Familie und Freunden.

Apropos: Einige davon haben dir ihre Ärsche gegeben bzw. einen Teil davon. Im Untergeschoss hängen acht grosse Spiegel mit Füdli-Abdrücken. Wie ist es dazu gekommen?

Das war eine lustige Aktion! Arschabdrücke waren mal ein TikTok-Trend, ich fand das super und schrieb die Idee auf meine «Bucket List». Als ich im Bekanntenkreis herumfragte, sagten einige sofort zu. Allerdings wurden die Spiegel erst einen Tag vor der Eröffnung geliefert, es musste darum alles sehr schnell gehen. Und es konnten ja nicht alle gleichzeitig den Abdruck machen. Meine Mutter machte den Anfang, während sie die Farbe abwusch, kam die zweite Person und so weiter. Fertig waren wir erst etwa eine Stunde vor der Eröffnung.

Kinky Night – Dark Techno and Gothic Sound by Djane Tintilla:
25. November, ab 22 Uhr

Zutritt ab 18 Jahren

Diese war am 19. August. Wie ist deine Bilanz bisher?

Die Rückmeldungen sind ausnahmslos super. Das Publikum ist sehr gemischt, von 17 bis scheintot, von homo bis hetero war schon alles da, was ich wunderbar finde. Mit den Nachbarn haben wir ein schönes Verhältnis, vor allem mit dem Krug und dem Baratella, wo ich auch jederzeit Tipps und Hilfe holen kann. Auch wirtschaftlich bin ich auf einem guten Weg. Ich kann mir zwar noch keinen richtigen Lohn auszahlen, schreibe aber schwarze Zahlen. Ich hoffe sehr, dass es so weiterläuft. Einen strikten Businessplan habe ich aber nicht. Ich mache einfach. Mein Motto ist «jung, wild und unprofessionell» – wobei letzteres nicht mehr wirklich stimmt, wie mir die Leute immer öfters sagen.

Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
Humanhuman 2026 calexandrakochdevos lowres 2