Letztens war ich mal wieder im Discovelo, und der neue Instruktor hiess wie mein Exfreund. Aber das war nicht der Grund, weshalb ich während des Trainings ein bisschen weinen musste. (Der Grund war auch nicht, wie damals im Sommer 2020, der Pride-Soundtrack.) Nein, ich musste ein bisschen weinen, weil ich mich wohlfühlte und all meine Energie in dieses Standvelo strampelte, weil ich mich gottsjämmerlich verausgabte.
Erst seit kurzem lerne ich, wieviel intensive Bewegung beitragen kann zur Verarbeitung von Stress. Ich velölte meinen Stress weg, mit Tränli in den Augen und Schweiss auf den Wangen.
Das können nicht alle: sich wohlfühlen beim Sport. Weil viele Sportangebote so gemacht sind, dass nur wenige willkommen sind. Damit meine ich nicht spezifisch mein geliebtes Discovelo, sondern einen Grossteil aller Fitness-Angebote. Allen wird eingeredet, sie brauchen sie. Aber nur wenige Menschen dürfen sich auch wirklich wohlfühlen dort.
Anna Rosenwasser, 1990, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Wenn ich in ein Fitnessstudio gehe, trifft eine der beiden Beschriftungen an den Garderoben auf mich zu. Weil ich eine Frau bin. Und weil ich dem Bild entspreche, wie eine Frau zu sein hat: unter anderem cis (also nicht trans) und feminin. Wäre ich trans und/oder hätte einen Stil, der als «maskulin» eingeordnet wird, müsste ich fürchten, von den anderen Frauen in der Umkleide beschissen behandelt zu werden. Und als nonbinäre Person gäbe es schlicht keine Garderobe für mich. Wo würde ich mich umziehen? Hinter einem Fitnessgerät?
Hätte ich mich dann irgendwie umgezogen, fängt im Falle von Gruppenklassen – also mit Instruktor:in – das Diät-Bingo an. Zur Auswahl stehen Floskeln wie «Fett schmelzen», «Pfunde purzeln», «sich den Schoggihasen verdienen» oder «die Weihnachtsguetzli abtrainieren». Mach es für den Bikinibody! Mach es für den Bubble Butt! Mach es gegen die Kalorien! Gegen ein gesundes Verhältnis zu deinem Körper. Bestrafe ihn.
Letzteres sagt natürlich niemand explizit, aber letztlich steckt genau das hinter dem Diättalk: gegen den Körper ankämpfen. Und wer jetzt denkt, da müsse man ja nicht hinhören, hat keine Ahnung, wie verbreitet Essstörungen und ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper sind.
Umso schöner ist es, wenn ich in Sportklassen lande, die mit toxischen Fitness-Normen brechen. Einmal fand ich mich in einer Location wieder, wo es eine grosse Garderobe gab: mit offenem Raum und dahinter Einzelkabinen. Ein anderes Mal fand ich mich in einer Yogalektion wieder, wo der Instruktor explizit nach der Zustimmung fragte, bevor er eine Position korrigierte. Ich war auch schon in Sportlektionen, deren Preis die Teilnehmenden frei bestimmen konnten. Und in solchen, in denen gesagt wurde, jede Person solle auf ihre Grenzen achten und Körper seien verschieden.
Ich will nicht, dass diese positiven Erfahrungen Einzelfälle bleiben. Denn: Was ich als falsch wahrnehme, ist nur die Spitze des Eisbergs. Weil ich eine junge, weisse, schlanke cis Frau bin, ohne sichtbare Behinderungen. Nur schon das hindert mich beispielsweise daran, zu den Langhanteln in einem herkömmlichen Fitnessstudio zu gehen.
Mittlerweile gibt es in manchen Fitnessstudios Abteile für Frauen, was cool ist für Frauen. Wenn sowas möglich ist, sollten geschlechterneutrale Toiletten und Garderoben, je mit genug Einzelkabinen, doch auch drinliegen. Und eine Sportwelt, die nicht zwischen richtigem und falschem Körper unterscheidet. Sondern Leute nur aus schönen Gründen zum Heulen bringt.
Dieser Beitrag erschien im Juniheft von Saiten.
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