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Kunst im Wundergarten

Das Honnerlag’sche Doppelpalais in Trogen hat einen prächtigen Garten - der einst noch viel grösser war. In ihm zieht diesen Sommer die Kunst ein, begleitet von Lesungen und Musik.
Von  Peter Surber
Das Doppelpalais unterhalb des Dorfzentrums von Trogen. (Bilder: pd)

Die riesenhafte Stechpalme ist allein schon ein Wunderwerk. Wer unter ihr Dach tritt, erlebt sein nächstes Wunder: Von den Ästen baumeln taschen- und knotenförmige Objekte, in denen das Sonnenlicht spielt. Ihr Glanz kommt vom japanischen Urushi-Lack.

Licht und Raum seien für sie entscheidend, sagt Salome Lippuner. Die Urushi-Künstlerin wohnt selber im Honnerlag’schen Doppelpalais in Trogen, sie hat die Ausstellung «Surprise / sur prise» zusammen mit dem Basler Galeristen Franz Mäder initiiert, sie pflegt den Garten – und dieser ist denn auch das eigentliche Wunder.

Salome Lippuners Urushi-Objekte in der Stechpalme.

Zwischen 1784 und 1838 ist er angelegt worden von Vater und Sohn Johann Conrad Honnerlag aus der Trogener Zellweger-Textil-Dynastie. Er erstreckte sich vom Doppelpalais über Hunderte von Metern bis zum heutigen Friedhof und rechtwinklig hoch Richtung Dorf. Eine Promenade verband das Eingangsportal mit Pavillons, Tempelchen, Sitzplätzen und Stelen mit Sinnsprüchen. Die Promenade ist noch zu erahnen, auch die ausladende steinerne Rundbank gibt es noch, der Garten blüht in allen Farben.

Wolke, Glastropfen, Kugelblume…

Jetzt promeniert man an zeitgenössischer Kunst vorbei. Im ersten «Lusthäuschen» begrüssen einen die Stammbäume, bemalte Transparentpapier-Bahnen von Susanne Lyner. An der Aussenwand, am Kiesweg und im Baum daneben hat Christian Schoch seine Objekte aus Polyurethan platziert, unter anderem die im Wind baumelnde hellblaue Wolke, die ihre Form einem Schrumpfschlauch verdankt.

Wie bei den UV-empfindlichen Urushi-Lacken, den fragilen Eitempera-Arbeiten von Regula Huegli in einem der beiden Eingänge des Palais oder bei Schochs Objekten begleitet einen auf dem Gang durch den Garten immer wieder die Auseinandersetzung und Experimentierlust mit Materialien und deren Wandelbarkeit.

Die Ausstellung macht auch in dieser Hinsicht ihrem Namen «Surprise» alle Ehre: Sie zeigt künstlerische Techniken, die nicht nur viel handwerkliche Erfahrung benötigen, sondern immer auch ein Stück Risiko mit sich tragen, wie Galerist Franz Mäder sagt.

Susanne Lyners Stammbäume im Pavillon.

Adriana Stadlers Kugelblume.

Adalbert Fässlers Würfelhäuser auf dem Garagendach.

Das Wetter spielt auch den Werken von Adriana Stadler mit: den Glastropfen, die schon Frost und Regen überstanden haben, und der Kugelblume, einem riesigen Dodekaeder aus Aluminium, der zwischen den Baumriesen durchschimmert.

Der Innerrhoder Adalbert Fässler hat auf dem Garagendach knallorange Holzkonstruktionen angebracht, Würfelhäuser genannt, mit denen er auf die appenzellische Streusiedlung anspielt.

Sennentuntschi im Lusthäuschen

Ludwig Stockers hochragende Holzskulpturen und die verspielten Plexiglas-Figuren der 90-jährigen Elisabeth Stalder locken den Promeneur schliesslich zur hintersten Ecke des Gartens. Dort, in einem weiteren «Lusthäuschen», wird es unheimlich. Eine Maske hockt im Fensterrahmen, drinnen zwielichtige Puppen und erotische Zeichnungen, und durch ein Loch im Boden fällt der Blick auf eine Puppe im Kellerverlies. Sennentuntschi ist eine Arbeit des in Berlin lebenden Albert Merz.

Das Sennentuntschi von Albert Merz.

Im Doppeleingang des Doppelpalais sind weitere Arbeiten der Genannten zu sehen, ausserdem Werke der Trogner Malerinnen Sonja Hugentobler und Theres Hächler. Sie sind clusterartig gehängt, platziert mit dem in 30 Galeriejahren geschulten Auge des Ausstellungsprofis.

Surprise / sur prise: 24. Juli bis 15. August, Honnerlag’sches Doppelpalais und Garten, Trogen, jeweils Samstag und Sonntag 12 bis 17 Uhr

urushi.ch

Zurückhaltend, präzis, ortsspezifisch wollte er die ganze Ausstellung haben, sagt Franz Mäder, oder: «unspektakulär spektakulär». Zur Ausstellung finden Führungen, Lesungen und Konzerte statt. Sonntags um 13 Uhr gibt es jeweils eine Lyriklesung, an den Samstagen vom 24. und 31. Juli eine Führung durch die Gartenanlage.

Zudem erscheint ein 80-seitiger Katalog, der unter anderem die Geschichte des Honnerlag’schen Wundergartens aufarbeitet.

Der hier aktualisierte Beitrag erschien im Sommerheft von Saiten.

 

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