Eisig und einsam ist es an diesem Sonntagabend an der Linsebühlstrasse. Der kalte Wind pfeift leise um die Ohren, der glattgefrorene Boden lässt die wenigen Gestalten die vorbeihuschen, wie Pinguine anmuten.
Doch die Stille trügt, da tut sich was in Nummer 25. Im leeren Geigenbauatelier läuft eine Filmprojektion – sie zeigt einen älteren Herrn, der auf einem Stuhl sitzt und liest. Er trinkt Kaffee, sammelt Haselnüsse vom Boden auf und lacht herzlich. Die Bilder verschwimmen, der Mann befindet sich in einem Garten. Dann kraxelt er einen felsigen Bergweg hinauf. Bewegtbilder von fliessendem Wasser schieben sich dazwischen, einzelne Szenen zeigen sich mit abgeschnittener, unvollständiger Sicht.
Traumartig, nicht fassbar und schlaufenförmig reihen sich Bildsequenzen aneinander. Die Komposition von blaustichigen Farben und einer nicht klar ersichtlichen Ordnung der Reihenfolge wecken Assoziationen von Erinnerungsfragmenten.
Verso (2008) ist ein Teil der Kurzfilm-Trilogie von Hannes Schüpbach. Nach Spin (2001), der an der zweiten Ausgabe von «Stadtprojektionen» vertreten war und eine filmische Annäherung an seine Mutter beinhaltet, ist in Verso der Vater des Filmemachers im Fokus. Ab dem 21. Februar schliesst sich die Trilogie mit Contour (2011), wo beide Elternteile zu sehen sind.
Ein Ort, ein Jahr
Schüpbachs Film Verso wird als erstes Werk im neuen Format «Einfache Projektionen», der leicht abgeänderten Form von «Stadtprojektionen», gezeigt. Anna Vetsch und Nina Keel haben sich für dieses Jahr eine Light-Variante überlegt. Alle Projektionen sollen an einem Ort stattfinden, dafür ein Jahr lang. Die Begleitveranstaltungen fallen weg, die künstlerischen Projektionen bleiben öffentlich – frei zugänglich und für alle interessierten nächtlichen Passant*innen sichtbar.
Einfache Projektion #1: Filme von Hannes Schüpbach Linsebühlstrasse 25, St. Gallen, ab Eindunkeln bis Mitternacht Verso (13:08 min, 2008): bis 20. Februar Contour (16:19 min, 2011): 21. bis 27. Februar
stadtprojektionen.ch/de/aktuell/
Eine Modifikation schwebte den beiden Kunsthistorikerinnen schon länger vor. «Wir liebäugeln schon seit geraumer Zeit mit Projektformaten, die weniger aufwendig sind als das Original. Zudem wollten wir ein Format mit längerer Projektionsdauer erproben. Was bedeutet es, wenn sich Projektionen in den Alltag einweben?», so Anna Vetsch und Nina Keel. Mögliche Phänomene oder Auswirkungen würden sich eher nach zwei Wochen, als vier Tagen zeigen, wie in den bisherigen «Stadtprojektionen».
Relation zum Linsebühl-Bau
Das Ladenlokal, welches als Projektionsraum fungiert, befindet sich im Linsebühl-Bau. Zwischen Lämmlisbrunnen- und Linsebühlstrasse stehend, war der Säntis-Komplex, wie er auch genannt wird, in den 1930er-Jahren der grösste Bau in St. Gallen. Alle Werke sollen in verschiedensten Weisen einen Bezug zum Gebäude aufweisen. Hannes Schüpbachs Filme etwa erinnern an die Bewohner*innen, wenn abends die Lichter in den Wohnungen angehen und Einblicke ins Privatleben preisgeben. «Durch Covid-19 findet ein Grossteil unseres Lebens im Privaten statt. Die beiden Filme von Schüpbach bringen es zurück in den öffentlichen Raum», erklären Anna Vetsch und Nina Keel.
So sind auch Architekturprojektionen oder Arbeiten, die das Linsebühl als ehemaliges Rotlichtviertel thematisieren, angedacht. Die fünfte Ausgabe soll sechs bis acht Künstler*innen zeigen, für den Sommer sind Jiajia Zhang und Jiří Makovec mit einer gemeinsamen Arbeit geplant.
Discolichter für mehr Leichtigkeit
Ein paar Schritte weiter stadteinwärts vom Linsebühl, in der Zeughausgasse 8 zeigt sich weitere Kunst im temporär ungenutzten Raum der Galerie vor der Klostermauer. In der Dunkelheit offenbart der Blick durchs Fenster in den Galerieraum eine Discokugel an der Decke, die rotierend tausend kleine Lichtpunkte an die Wände und den Boden wirft.
«Blicklichter» (von aussen jederzeit einsehbar, am besten bei Dunkelheit), von Rahel Flückiger, Denise Hofer, Brigitte Müller, bis Ende April 2021, Galerie vor der Klostermauer, Zeughausgasse 8, St. Gallen
klostermauer.ch
kabinenwechsel.ch
Mit «Blicklichter» wollen die Crewmitglieder des Kollektivs Kabinenwechsel das unbeschwerte Gefühl des Tanzens in Erinnerung rufen. Rahel Flückiger, Denise Hofer und Brigitte Müller wünschen den Passant*innen ein Gefühl der Leichtigkeit, einen Moment des Innehaltens zu vermitteln und damit zur Kreation eigener Lichtblicke zu motivieren. Die Inszenierung entwickelt sich in Etappen weiter und kann bis Ende April besichtigt werden.
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