Eine Person im Batik-Einteiler erhebt sich gähnend von einem Stuhl, streckt sich, steht auf und schlüpft in die schwarzen Birkenstocks. Das Augenreiben erübrigt sich, die Person trägt Schwimmbrille. Müden Schrittes schlurft sie ins Badezimmer – da liegt eine weisse ächzende Figur in der Badewanne. Die Wanne ist gefüllt mit Flaschen, die Flaschen sind leergetrunken.
Der Batikmensch braust das weisse Monster kurzerhand mit dem Duschkopf ab, was für lautstarkes Gezeter sorgt. Aus der Toilettenschüssel lugt plötzlich noch ein zerknülltes Wesen raus. Die Badezimmertür wird aufgerissen und ein rotes Mandli schimpft wütend in den Raum. Doch da sind noch mehr Anwesende: ein kleines, sehr anhängliches Etwas, das kuscheln will, ein giftgrünes, rauchendes Wesen und eine blaue Figur, die traurig ihre Brüste zupft und bitterlich weint.
Die 23-jährige Luisa Zürcher, Künstlerin und Filmschaffende aus St. Gallen, erzählt in ihrem Animationsfilm Sisch wies isch von Luisel, die mit ihren Launen in einer WG wohnt. Der gemeinsame Alltag gestaltet sich konfliktreich und die Figuren geraten mal mehr, mal weniger aneinander. Im Gefühlschaos von Wut, Traurigkeit, Liebe, Faulheit und Eifersucht versucht sich die Hauptfigur zu sortieren.
Der Film vermittelt gefühlvoll Situationen, wie sie jede:r kennt, den Kampf und den Wirrwarr mit den eigenen Dämonen und Launen. Sisch wies isch eröffnet die diesjährige Ausgabe der Kurzfilmnacht.
Ein Fädelmeitli mit grossen Träumen
Mit Saitenstich, dem Film der 22-jährigen Raphaela Wagner, folgt ein nicht unbekannter Film. Die Filmschaffende aus Wartau hat es mit dem 12-minütigen Drama an die diesjährigen Solothurner Filmtage geschafft.
Die Geschichte um ein «Fädelmeitli» spielt im Jahre 1902. Die Textilstadt St. Gallen befindet sich in der Hochblüte der Stickereiindustrie. Als Arbeiterkind hat Emma, die Hauptdarstellerin, die Aufgabe, Fäden für die Handstickmaschine einzufädeln. Doch sie träumt vom Geigenspiel und stiehlt sogar reissfestes Garn von einem Händler, um die Saiten auf ihrer Geige für einen kurzbevorstehenden Auftritt zu ersetzen.
Gedreht wurde in der St. Galler Altstadt oder im Lindensaal in Heiden, Wagner entführt in eine Welt von damals. Doch die Botschaft vermittelt die Bedeutung von Visionen, Mut und Träumen, Themen die über kein Verfallsdatum verfügen.
Der geflügelte Schnabeldoktor in der Post-Pandemie
Das Programm «Made in St. Gallen» fährt fort mit Carrion von David Odermatt, Jorrit Stadelmann und Raoul Hayoz. Der vierminütige Katastrophenfilm zeigt einen Pestdoktor, wie er durch ein von einer Pandemie verwüstetes und verwahrlostest Dorf streift. Subtile Erinnerungsfetzen einer intakten Dorfgemeinschaft wechseln sich ab mit Bildern des Verderbens: fröhliches Stimmengewirr im Wirtshaus, Ratten, die über die leeren Tische huschen, Klage- und Heulgeräusche beim Streifzug durch den Friedhof.
Die bildstarke, düstere 3D-Animation endet damit, dass der Schnabeldoktor beim Dorfbrunnen einen noch lebenden Mann antrifft, Hand in Hand mit seiner verstorbenen Frau. Nachdem der Pestdoktor eine auf seinem Weg mitgenommene Bibel auf den Schoss des Überlebenden gelegt hat, tritt der Doktor in die Helligkeit und spannt seine schwarzen, überdimensionalen Flügel, die sich durch seine Schultern drücken und hinauswachsen, in den Himmel.
Atmosphärische Klänge im Aquarium
Die St. Galler-Fraktion komplettiert sich mit Cornwall von Lasse Linder (*1994 in St. Gallen) . Der atmosphärische Sound des Indie-Pop-Duos Mischgewebe begleitet Ivan, einen Reinigungsmitarbeiter, durch seine Arbeit im Aquarium. Das Narrativ spannt sich von unbekümmerten Szenen, in denen Ivan entspannt durch die Gänge schlendert, zu dem Moment, wo er schluchzend in sich gekauert weint.
Der in Blautönen gehaltene Kurzfilm zeigt in langsamer Kameraführung mystisch anmutende Bilderwelten an einem doch ungewöhnlichen Schauplatz. Lasse Linders filmische Arbeit wurde schon mehrfach seitens renommierter Filmwettbewerbe anerkannt, beispielsweise das 2019 realisierte Melodrama Nachts sind alle Katzen grau, das mit dem IWC-Kurzfilmpreis am Toronto International Film Festival ausgezeichnet wurde.
Kurzfilmnacht St. Gallen, 29. und 30. April
19:00 MADE IN ST. GALLEN 20.10 SWISS SHORTS 21.30 UMFALLEN, AUFSTEHEN, WEITERFAHREN 22.50 SISTERHOOD 00.00 SPLATTER LIGHT
kinok.ch
Das Programm der ganzen Kurzfilmnach zeigt im Kinok St. Gallen im Anschluss an «Made in St. Gallen» die Rubrik «Swiss Shorts», Arbeiten von schweizerischen Filmschaffenden. Darauf folgen themenspezifische Blöcke. «Umfallen, Aufstehen, Weiterfahren» bringt Filme zum Skateboarding, bei «Sisterhood» stehen Frauenverbindungen im Fokus, und zum Schluss können die Zuschauer:innen ins «Splatter Light», in schaurig-düstere Geschichten eintauchen.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.