Die Geschichte fängt bei Hop o my thumb an. Mit dem legendären A-Cappella-Trio war Franziska Schiltknecht zehn Jahre lang unterwegs. Bis sie vom permanenten Auftritts-Druck genug hatte. «Die Improvisation aber: Das war es, was mich erfüllt hat und wo ich weiterforschen wollte.» Singen, ohne eine «Show» bieten zu müssen, die eigene Stimme zu verbinden mit dem Raum, mit dem Körper und mit anderen Menschen: Darum gehe es ihr, sagt sie beim Gespräch in Trogen, ihrem Wohnort.
Unter dem Titel «Stimmenfeuer» hat sie eine stimmtherapeutische Praxis aufgebaut und gibt Seminare. Daneben – und neben dem «Job» als Mutter von drei Kindern – entstanden künstlerische Projekte, früher mit dem Akkordeonisten Goran Kovacevic («Goraniska»), später mit dem Cirque de Loin und ihrem Partner Michael Finger: Ronamor, ein Musiktheater rund um eine Zirkusfamilie, wurde 2017 im Zelt auf Schweizer Tournee gespielt, unter anderem auch auf der St.Galler Kreuzbleiche.
Musikalische Wintersonnenwende
Jetzt ist Franziska Schiltknecht bei ihrem bisher grössten eigenen Projekt angekommen. «Celebrao» wird rund um die Zeit der Wintersonnenwende uraufgeführt und vereinigt vier Musikerinnen und Musiker, Videoprojektionen und Masken zu einem Ganzen, das sich schlicht «Konzert» nennt. Mit dabei sind neben der Sängerin die Kontrabassistin Stefanie Hess, die Cellistin Sara Käser und der Schlagzeuger Thomas Troxler. Am Anfang des Projekts, damals noch mit Schlagzeuger Kay Rauber und Cellist Joachim Müller-Crepon, standen Improvisationen, die Schiltknecht dann zu Kompositionen verdichtet und in der aktuellen Besetzung einstudiert hat. Die insgesamt zwölf Stücke sind seit Ende November auch auf CD erhältlich und bilden das Rückgrat des Programms.
Mit einem flauschigen Klangteppich (Morgendämmerung) fängt es an, Relax heisst das nächste Stück, meditativ geht es teils weiter: Musik fürs Innenohr. Den Kontrast bieten ein wilder Ritt durch Feuer, Schutt und Asche, groovige mehrstimmige Loops, ein schelleschöttender «Alpsegen» oder Expeditionen in die Weltmusik (Hang in India). Es ist Musik zum Eintauchen oder Abdriften, manchmal auch «zum Gähnen», zumindest nach dem kritischen Urteil ihrer Kinder… aber mit der Wirkung, so hofft Franziska Schiltknecht, Ruhe ins aufgeregte, reizüberflutete Alltagsleben zu bringen, das viele Leute umtreibe.
Damit will «Celebrao» an die Tradition anschliessen, in der Musik und Theater in früheren Zeiten eingebettet waren. Publikum und Ausführende sassen sich nicht getrennt gegenüber, sondern waren gemeinsam unterwegs. «In den Anfängen des modernen Menschen waren die spirituelle Sinnsuche und die darstellende Kunst vereinigt. Später trennten sich das Säkulare und das Religiöse», heisst es in einem Einführungstext zum Stück. Entsprechend verbreitet sei die Sehnsucht nach «Rückverbindung» und Lebenssinn in einer verrückten und viel zu schnellen Welt.
«Wir müssen gut zu uns schauen und wieder zu uns kommen», sagt Schiltknecht.
Die Maske versteckt und enthüllt
Den Erzählfaden im Stück hat sie im sumerischen Inanna-Mythos gefunden. Er erzählt den Abstieg der Göttin des Lebens und der Liebe in die Unterwelt, wo ihre dunkle Gegenspielerin Ereschkigal herrscht. Dunkel und Licht, Geburt und Tod, Freude und Schmerz: Das alles sei für sie nicht getrennt, sondern gleichermassen Teil der Realität. Es brauche den Gegenpol zum Schönen und Harmonischen – auch in der Musik.
«Celebrao»: 13. Dezember Rösslisaal Trogen, 14. Dezember Offene Kirche St.Gallen, 15. Dezember Guggenloch Lütisburg, 3. Januar Hof zu Wil, 11. Januar Eisenwerk Frauenfeld.
stimmenfeuer.ch
Die mythischen Figuren bleiben allerdings im Hintergrund, so wie Schiltknecht auch mit dem Begriff des Rituals zurückhaltend umgeht. Wie weit sich das Publikum einbeziehen lassen wolle, darauf ist sie selber gespannt – belehren wolle sie niemanden. Und vor der Gefahr, ihr Innenleben allzu ungeschützt preiszugeben, bewahren sie die Masken, geschaffen von der Berner Maskenbildnerin Miria Germano. Masken machten es möglich, sich gleichzeitig zu verstecken und zu zeigen. Eine weitere Bildebene schaffen Videos der Berlinerin Lucia Gerhardt, gedreht im Guggenloch bei Lütisburg. Dort findet auch eine der ersten Aufführungen statt, nach der Doppelpremiere dieses Wochenende in Trogen und in St.Gallen.
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