Sanfte Tigerin

Susanna Kulli hat ihre 33 Jahre als Galeristin in St.Gallen und in Zürich dokumentiert: Zeitungsberichte, Essays, Künstlergespräche und die Hirschhorn-Debatte von 2004/05 erinnern an ihr Wirken und die Umbrüche im Kunstbetrieb. Am Samstag ist Buchvernissage.
Von  Peter Surber
Der Blick ins Buch.

St.Gallen habe «einen weiteren Ort des Sinnierens und der Auseinandersetzung mit zeitgenössischen Ausdrucksformen» erhalten: So stand es am 18. April 1983 in der «Ostschweiz». Der «neue Ort» war die Galerie von Susanna Kulli an der Rosenbergstrasse. Am 28. April 2017 berichtet die NZZ vom Finale der Galerie Kulli in Zürich unter dem Titel «Abschied der sanften Tigerin». Die beiden Texte sind der erste und der (bislang) letzte Zeitungsbericht über Susanna Kullis Galerietätigkeit in St.Gallen und Zürich – dokumentiert im eben erschienenen «Materialbuch» über die Galerie.

Das Material ist umwerfend: Hunderte von faksimilierten Berichten aus Zeitungen und Zeitschriften lassen nicht nur die Ausstellungstätigkeit der Galerie Revue passieren, sondern spiegeln auch die Veränderungen in der Zeitungsgestaltung und der Tonalität der Kunstkritik.

Willkürlich herausgegriffen:

Im März 1988 schreibt Beda Hanimann in der «Ostschweiz» auf der Lokalseite über den Umzug der Galerie von der Rosenbergstrasse ins städtische Lagerhaus an der Vadianstrasse: Kulli könne sich jetzt rühmen, die einzige Galerie weitherum mit Gleisanschluss zu sein.

Im gleichen Jahr lobt Claudia Kühner in der «Annabelle» Kullis Leistung, sich in St.Gallen durchgesetzt zu haben – «ein wahrlich nicht grad einladendes Pflaster für zeitgenössische Kunst». Dabei ist das auch in St.Gallen die grosse Zeit der Galerien, mit Kulli, mit Wilma Lock, mit Erker und anderen.

Im Juni 1993 publiziert die «Bilanz» ihr erstes Rating der 50 wichtigsten Künstler. Auf Platz 1: Fischli/Weiss. Auf den Plätzen 2, 6, 8, 12 und 31 findet man Künstlerinnen und Künstler, die Susanna Kulli vertritt: John M. Armleder, Helmut Federle, Adrian Schiess, Olivier Mosset und Annelies Strba. Die Galeristin, die all dies minutiös archiviert hat, hat die Namen mit gelbem Leuchtstift angemalt.

Die erste Ausstellung 1983: Susanna Kulli und Giuseppe Spagnulo.

1996 schwärmt Johannes M. Hedinger in Saiten über die Hirschhorn-Ausstellung bei Kulli: «Hingehen und erleben!».

2004 berichtet Marcel Elsener im «Tagblatt» über die Neueröffnung an der Dienerstrasse in Zürich, dem vierten Domizil nach Rosenbergstrasse, Vadianstrasse und Davidstrasse: «Ihren Weggang aus St.Gallen, der auch schon als ‹Trotzreaktion› bezeichnet wurde, möchte sie nicht kommentieren.» In der «Handelszeitung» äussert sich die Galeristin selber im Interview dann doch dazu: 1983 seien das Umfeld und die kulturelle Stimmung in St.Gallen anders gewesen: «Es herrschte Um- und Aufbruchstimmung.» 2003 dagegen fiel das massive Nein der Stimmbürger zum Kunstmuseums-Ergänzungsbau: «Daraufhin überlegte ich mir den Standort für meine Galerie neu.»

«33 Jahre Galerie Susanna Kulli»
Buchvernissage:
2. Dezember, ab 16.30 Uhr, Kunstbibliothek Sitterwerk St.Gallen
susannakulli.ch

Galeriegeschichte als Stadtgeschichte als Mediengeschichte: Das Buch ist aber noch mehr. Neben der Chronik widmet sich ein ausführliches Kapitel der Debatte um Thomas Hirschhorns Ausstellung «Swiss Swiss Democracy» 2004/05 im Centre culturel in Paris, die damals zur Subventionskürzung für die Stiftung Pro Helvetia führte. Ausserdem bringt der 500 Seiten dicke Band, für den Hirschhorn den Einband gestaltet hat, Essays und alle Künstlergespräche, eines der Markenzeichen der Galerie.

Ausführlicheres dazu wird im Januarheft von Saiten zu lesen sein. Jetzt am Samstag ist Buchvernissage im Sitterwerk.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait