Er würde sich einfach in ihren Garten setzen. Er war um das Haus gestrichen, das von einem Garten umzäunt war – eine etwas überstürzte Eingebung, es gab weder Stühle noch Blumen, nur Gestrüpp, das für sich hinwucherte.
Er fand eine Lichtung, die sich, seltsam aufgeräumt, ihm anbot. Es wäre nicht unangebracht, diesen Ort zu nutzen, den Geräuschen zu lauschen, abzuwarten. Natürlich würden sich die Leute wundern, wer dieser Mann mit Hut war, der wie eine Statue dasass, Kopf tief in der breiten Krempe versunken.
Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.
Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.
Bevor er sich ins Gras fallen lassen konnte, bemerkte er den Chinesen, der langsam am Zaun entlangging und ihm mit kleinen Schlägen Töne entlockte. Er ging auf ihn zu, und ohne den Schritt zu beschleunigen, erreichte er seine Höhe. Nach kurzem Schweigen wechselten sie einige Worte.
Der Chinese erschien ihm wie aus einem Wandbild geschnitten – eine dieser Zeichnungen, die er als Kind bewunderte, winzige Landschaften in heller Tusche hingeworfen, eine grosse Stille in den fahlen Figuren. Alles an ihnen roch nach Natur und Unendlichkeit.
Wenn er das Bild berührte, wurde ihm schwindlig, es glitt ihm unters Aug und verdeckte die bleichen Körper und gekrümmten Nacken, das zu einem Knoten und hoch über der Stirn zusammengebundene Haar, die langen Bärte, die wie Wellen dahinflossen – Pinselstriche, immerzu in Beschäftigungen alltäglicher Dinge, einer schob einen Handkarren, einer sass auf einer Mauer und blickte in die Wolken, Pinselstriche, die allmählich das Blatt füllten. Diese Figuren waren durchdrungen von einem sardonischen Leuchten, einem Augenflimmern, das keine Enttäuschung verbergen konnte.
Als sie weitergingen, bemerkte er den leichten Akzent, den er unschwer als Dialekt aus der Provinz Yunnan erkannte. Ansonsten klang es nach makellosem Mandarin. Ihr Mandarin ist bemerkenswert, sagte er. Es schien ihm zu schmeicheln. Aber wie Sie das R aussprechen, ist fremdartig, wenn ich mir diese Bemerkung gestatten darf.
Ich weiss, ich weiss, die Wiege der Dialekte, entgegnete der Chinese. Der Kaiser ist unsichtbar, vielleicht tot tausend Jahre, aber manche behaupten, ihn gesehen zu haben. Dabei blickte er ihm mit einem so stechenden Blick in die Augen, dass er sie senkte. Dann wanderten ihre Blicke, wie durch Magnete angezogen, wieder zueinander.
Wohin gehen Sie? fragte er.
Er ging langsam, wie jene Schildkröte damals, als er ein Kind war. Er hatte sie aus dem Gebüsch herausgehoben und hielt das weiche Tier in der Hand, dieses zarte Ding, das sich ängstigte. Er liess es im Zickzack watscheln, dirigierte es mit dem Stock, und stupste es sachte an der weichen Stelle des Panzers. Er fütterte es mit hellen Blättern oder wurde ungeduldig ob seines unsäglichen Ausdrucks. Komm her, rief er ihm zu.
Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad
Charles Uzor, 1961, Komponist, lebt in St. Gallen; jüngste Kompositionen: Mothertongue, Seferis/mimicri, 8’46’’. George Floyd in memoriam
«Das Kind zurücklassen? Wie kann man so dumm und herzlos sein», schreibt der Schweizer Autor Lukas Bärfuss über seine Mutter, die keine Mutter für ihn sein konnte. In seinem neuen Buch schaut er in die Vergangenheit und hat Verständnis, nicht für die Mutter, aber doch für diese Frau, die nie Glück und immer zu wenig Geld hatte.
Gaal, Görtler und Witzig schiessen St. Gallen zum langersehnten Cupsieg!
Die Medikamentenversuche von Münsterlingen als Teil eines Vampir-Musicals? Auf die Idee muss man erst einmal kommen. Die Bühne Mammern wagt den Versuch. Ab 29. Mai im Zirkuszelt.
Die diesjährige Kulturlandsgemeinde findet entlang der Bahnlinie zwischen Gossau und Wasserauen statt. Es ist ein interdisziplinäres Experimentzwischen Kunst, Gesellschaft und Aktivismus. Ausserdem stellt die Kulturlandsgemeinde künstlerisch und organisatorisch die Weichen für die Zukunft.
Am Samstag findet in St.Gallen erstmals das Punkfestival El Cartel statt. Es soll dazu beitragen, die Szene zu stärken. Dabei fehlt es gerade in St.Gallen an Nachwuchs.
Seit 40 Jahren macht die Bibliothek Wyborada in St.Gallen sichtbar, was lange fehlte: Literatur von und über Frauen. Heute sind Autorinnen und feministische Themen zwar stärker präsent in der Öffentlichkeit, doch die Relevanz der Bibliothek ist nach wie vor gross.
Mit einer Interpellation greifen SVP und EDU im St.Galler Kantonsrat den ausserschulischen Aufklärungsunterricht an. Und mit Unterstützung des «Lehrernetzwerks Schweiz» wollen Eltern aus Bütschwil eine Mitarbeiterin der Fachstelle für Aids- und Sexualfragen vor Gericht bringen. Dahinter steckt eine orchestrierte Aktion.
«Dieci», die italienische Zahl für zehn, ist das Motto des diesjährigen Heiden-Festivals. Es verweist dabei nicht nur auf das Jubiläum, sondern auch auf eine kulturpolitische Haltung.
Das St.Galler Theater Trouvaille entdeckt den Musiker und Juristen Mani Matter neu. «’S isch einisch eine gsy»– 90 Jahre Mani Matter verbindet zahlreiche Lieder und literarische Texte des Berners zu einem abendfüllenden Programm. Saiten hat mit dem Theaterleiter Matthias Flückiger gesprochen.
Naturmuseum Thurgau
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.