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Blutige Antike, gewalttätige Gegenwart

Konzert und Theater St.Gallen kündigen eine Spielzeit 24/25 unter dem Motto «Wunsch und Wirklichkeit» an. Real wird unter anderem ein Musikprojekt So klingt St.Gallen oder ein Antike-Schwerpunkt samt Milo Raus Medea’s Children als Gastspiel.
Von  Peter Surber , 
Zwischen Wunsch und Wirklichkeit (von rechts): Frank Fannar Pedersen, Modestas Pitrenas, Jan Henric Bogen, Barbara-David Brüesch, Anja Horst und Verwaltungsleiter Lukas Bieri.

Kunst und Kultur reflektierten die Gegenwart und öffneten Perspektiven für die Zukunft – umso kurzsichtiger wäre es, an der Kultur und damit auch am Theater sparen zu wollen, sagt Susanne Vinzenz-Stauffacher, die neue Verwaltungsratspräsidentin der Genossenschaft, einleitend an der Medienorientierung vom 24. Mai zur Spielzeit 2024/25 von Konzert und Theater St.Gallen.

Gewalt und Menschlichkeit

Die Gegenwart also vorweg: Das Sprechtheater reagiert auf sie mit insgesamt sechs Erstaufführungen neben drei Klassikern. Die aktuelle Spielzeit habe gezeigt, dass politische Themen beim Publikum ankämen, sagt Schauspielchefin Barbara-David Brüesch.

Sie startet mit einem «Herzensprojekt» voll tagesaktueller Brisanz: einem russisch-ukrainischen Doppelabend. Teil eins bildet der Roman Sofia Petrowna von Lydia Tschukowskaja, in den 1930er-Jahren geschrieben vor dem Hintergrund des Stalin-Terrors, Jahrzehnte später entdeckt und nach abenteuerlichen Verhandlungen mit dem Moskauer Verlag um die Rechte jetzt erstmals auf der Bühne zu sehen. Ihn ergänzt die beklemmende Republik der Taubheit des im US-Exil lebenden Ukrainers Ilya Kaminsky.

Lydia Tschukowskaja, Autorin des Romans Sofia Petrowna. (Bild: pd)

Das Projekt sei «der künstlerische Versuch, die von Gewalt gezeichnete Gegenwart zu verstehen, und Ausdruck des Mitgefühls mit ihren Opfern», sagt die Regisseurin.

Weitere Stoffe befragen Geschichte für die Gegenwart: der Eulenspiegel-Roman Tyll von Daniel Kehlmann, die Nibelungen-Adaption Die Hildensaga von Ferdinand Schmalz, Kleists Käthchen von Heilbronn oder Milo Raus jüngste, einmal mehr hochgelobte Produktion Medea’s Children, die ein Jahr nach der gerade anlaufenden Tournee als Gastspiel im Frühling 2025 in die Heimatstadt des Regisseurs kommt.

Inklusiv und kooperativ

Den komödiantischen Gegenpart im Schauspiel setzen ein Goldoni-Abend, The Rocky Horror Show (mit Michael von der Heide) oder das Familienstück Die drei Räuber. St.Gallen produziert zudem mit dem Theater Marie und anderen Aargauer Partnern zwei herren von real madrid von Leo Meier, ein Stück über das Coming-out von Profifussballern, und kooperiert mit dem inklusiven Zürcher Theater Hora in Büchners Leonce und Lena.

Inklusion und Gendergerechtigkeit war in der laufenden Spielzeit schon angesagt, mit Erfolg: In der Tonhalle beeindruckte ein Abend für hör- und sehbehinderte Besucher:innen, St.Gallens Shakespeare-Sturm mit dem Komik-Theater hat es ans Schweizer Theatertreffen geschafft, und für die Opern-Uraufführung Lili Elbe um eine Transgender-Pionierin gab es einen «Oper! Award».

Noch keinen Preis, aber volle Ränge verzeichnet die neu zur eigenen Sparte aufgewertete Tanzkompanie. Ihr Leiter Frank Fannar Pedersen führt nach Fordlandia im kommenden Jahr die Zusammenarbeit mit Co-Choreograph Javier Rodriguez Cobos weiter, zum Auftakt mit einem Stück namens Limbo und als Finale mit einer weiteren Antike-Adaption, Oresteia.

Ebenfalls im Doppel stellen sich die Choreographen Ohad Naharin und Alan Lucien Øyen (mit Moved) sowie Hofesh Shechter und Yoann Bourgeois (mit dem anagrammatischen Stück Won’t lovers revolt noW) in St.Gallen vor.

Relativitätstheorie im Musical

Im Musiktheater ragen «blutige Stoffe», wie Direktor Jan Henric Bogen sagt, hervor: Elektra von Richard Strauss und Verdis Macbeth. Mit einem weiteren Klassiker, Puccinis Tosca, kehren die Festspiele zu ihrem 20-Jahr-Jubiläum 2025 auf den Klosterplatz zurück. Daneben stehen leichtere Stoffe: Prokofjews Die Liebe zu den drei Orangen und Humperdincks Hänsel und Gretel. Als Musical-Uraufführung und St.Galler Auftragswerk hat das Theater bereits früher Frank Wildhorns Einstein – A Matter of Time angekündigt, Premiere ist am 1. März.

Ohne klingende Namen geht es auf den Musikbühnen nicht. Für vier Abende und ein Rollendebüt in Johann Strauss’ Fledermaus beehrt Startenor Rolando Villazon im Oktober St.Gallen. Im Meisterzyklus der Tonhalle freut sich Chefdirigent Modestas Pitrenas unter anderen auf «Wunsch-Gäste» wie Pianistin Martha Argerich, das Klavierduo Lucas und Arthur Jussen und die unverwüstlichen King’s Singers. Grosse Sinfonik ist mit den Fünften von Mahler und Beethoven, Bruckners achter oder Schostakowitschs zehnter Sinfonie programmiert.

Wie St.Gallen klingt

Alltagsgeräusche aus dem ganzen Kanton, gesammelt vom Publikum und zur Komposition verdichtet von Fabian Künzli, sind im Mai 2025 unter dem Titel So klingt St.Gallen in der Tonhalle zu hören. Die Uraufführung ist Teil einer Initiative von zehn Schweizer Berufsorchestern und soll ein junges Publikum erreichen.

Zahlreiche weitere Vermittlungsprojekte bis hin zu Krabbelkonzerten sind unter dem Label «mit» Teil des Programms von KTSG mit dem Ziel, die Schwelle zum Theater und zum Konzertsaal so niedrig wie möglich zu halten, wie Leiterin Anja Horst sagt.

Dazu gehört, dass das Theater- oder Konzertticket freie Fahrt auf dem gesamten Ostwind-ÖV-Netz beinhaltet – so auch diesen Sommer hoch auf die Flumserberge, wo vom 21. Juni bis 6. Juli die Festspiel-Oper The Fairy Queen von Henry Purcell gespielt wird.

 

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