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Das Flattern der Trikolore

Auf dem Klosterplatz weht die Trikolore. Aber es ist dann doch nur Oper – immerhin eine mit starken politischen Bildern: die diesjährige St.Galler Festspielproduktion «Andrea Chénier» von Umberto Giordano. In musikgeschichtliche und seelische Tiefen führt das Konzertprogramm des Festivals.
Von  Peter Surber
Der Bogen steht schief, die Aristokratie feiert noch: Szene aus dem ersten Akt von «Andrea Chénier». (Bilder: Xiomara Bender)

Eine Frauenstimme, allein, fast ohne Rhythmus, wie aus dem Nichts – so fängt es an, das «neue Lied der Liebe» auf den Text von Petrarcas 100. Sonett: «io canterei d’amor si novamente». Nach einigen Takten stimmt die Laute ein, später die Gambe, schliesslich Alt und Bass. Verinnerlichter kann man sich ein Liebesbekenntnis und einen Konzertauftakt kaum vorstellen.

So verdichtet nach innen bleibt das ganze Programm des zweiten Konzertabends der St.Galler Festspiele. Unter dem Titel «Sfregio – Narben der Seele» musiziert das belgische Ensemble Ratas del viejo Mundo. Vier Singstimmen, zwei Gamben und im Zentrum, unauffällig die Fäden ziehend, der Lautenist und Ensemblegründer Floris De Rycker: mit minimaler Besetzung und in maximalem Einklang führen die musikalischen «Ratten» durch die Höhen und Tiefen des Seelenlebens.

Von «amore» ist es nur ein Lidschlag zu «morire» – Liebe und Todessehnsucht gehören in den hier präsentierten Renaissance-Madrigalen fast untrennbar zusammen. In entsprechend hochempfindliche Sphären lockt das junge Ensemble das Publikum in St.Laurenzen. Und versetzt es in eine introvertierte Trance, deren Spannung sich erst mit einer scherzhaften flämischen Zugabe löst.

Weitere Konzerte: 2., 4., 6. Juli
Tanz in der Kathedrale: 3., 6. Juli

stgaller-festspiele.ch

Das Konzert-Begleitprogramm zur Festspieloper, noch ein letztes Mal vom scheidenden Konzertdirektor Florian Scheiber verantwortet, geht in den nächsten Tagen mit Gamben- und Lautenmusik und einem Auftritt des Serpent-Virtuosen und Komponisten Michel Godard weiter. Und im Dom ist die Tanzproduktion Erscheinen zu sehen.

In den Tagen des «terreur»

Eine Frauenstimme, sehr allein: Diese Stimme hört man auch in der diesjährigen Hauptproduktion der St.Galler Festspiele wieder, jetzt spektakulär auf der grossen Bühne vor den Türmen der Kathedrale. Eine Frau, verzweifelt, ihrer Familie und ihrer Liebe beraubt, «um mich das Nichts». Es ist Maddalena di Coigny, die Geliebte des im Revolutionsjahr 1794 in Paris guillotinierten Dichters Andrea Chénier, Opfer der Wirren einer Revolution, die sich gegen ihre eigenen Anhänger kehrt und nur noch den «terreur», die Gewaltherrschaft kennt.

Maddalena (Ewa Vesin).

Das Todesurteil: Gérard und Spitzel (Alexey Bogdanchikov, Riccardo Botta).

Umberto Giordano hat seine 1896 uraufgeführte und bis heute meistgespielte Oper Andrea Chénier in die dramatischen Stunden und Tage gelegt, in denen die französische Revolution vom idealistischen zum terroristischen Projekt umkippt. So sieht es der Jakobiner Gérard, der Gegenspieler von Chénier um die Liebe von Maddalena, in seiner Bekenntnisarie im dritten Akt selber ein. Sein Kuss habe einst der ganzen Welt, dem Glauben an ihre Verbesserbarkeit gegolten – jetzt sei daraus blanker Hass geworden. «Ich zittere, töte und weine dabei» heisst es in einer Zeile des starken Librettos.

Die griechische Regisseurin Rodula Gaitanou lässt den Worten unzweideutige Taten folgen: Gérard vergewaltigt Maddalena auf seinem Täter-Schreibtisch. Es ist Krieg, Opfer sind die Frauen, aber auch die Männer – in einer anderen beklemmenden Szene gibt die alte Madelon, die schon Sohn und Enkel an den Krieg verloren hat, ihren Urenkel in die Hände der Soldaten: «Nehmt ihn. Er kann kämpfen und sterben.» Einen Akt früher haben die Kinder noch Himmel und Hölle gespielt auf der Festspielbühne.

Madelon (Malgorzata Walewska)

Auf dem idyllischen St.Galler Klosterhof, vor lauter festspielheiteren Menschen, spielt sich eine Geschichte ab, die nicht bloss als Vorwand für Herzschmerz aller Art von anno dazumal dient, sondern in ihrer anklägerischen Schärfe bestehen bleibt. Die Kämpfe, die sich arme Leute und Aristokratie auf der nur von Käfigen möblierten Bühne (Ausstattung: takis) liefern, sind inhaltsvoll statt bloss pittoresk. Und was sich die Frau und die zwei Männer im Liebesdreieck um die Ohren singen, ist so privat wie politisch.

Sie tun es energiegeladen und herzergreifend: Sopranistin Ewa Vesin, Tenor Jorge Puerte als Chénier und Bariton Alexey Bogdanchikov als Gérard. In den weiteren Rollen: Mack Wolz, Malgorzata Walewska, Äneas Humm, Kristjan Johannesson, Riccardo Botta, David Maze, Andrzej Hutnik und Niccolo Paudler.

Tödliche Logik

Gewiss obsiegen auch in dieser St.Galler Inszenierung am Ende die schmachtenden, in immer neuen Orchesterwogen anrollenden, noch und noch einmal sich steigernden Liebeskantilenen des unter dem Schaffott vereinten Paars. Gewiss könnte man sich das gegen Ende überbordende Lob der Dichtkunst und der «unermesslichen» Liebe als Gegenentwurf zum blutigen Leben auch gebrochener vorstellen.

Finale unter der Guillotine: Ewa Vesin, Jorge Puerto.

Doch zwischen dieser romantisch überhöhten Apotheose und dem ironiesatten Anfang mit seiner Kritik am aristokratisch angekränkelten Livestyle bleiben die stärksten Eindrücke der diesjährigen Festspieloper jene, die mit «Verismo» ernst machen: die Klassengegensätze, die Verführbarkeit des Volks durch Populisten wie Gérard, die tödliche Logik des Terrors, die Machtlosigkeit der Frauen.

Andrea Chénier: weitere Vorstellungen 30. Juni, 1., 5., 7. Juli, Klosterplatz St.Gallen

stgaller-festspiele.ch

St.Gallens Andrea Chénier schlägt in Bann – dies auch, weil sich das Sinfonieorchester und die Theaterchöre unter Chefdirigent Modestas Pitrenas engagiert und klangsinnlich für Giordanos farbige Partitur einsetzen. Und weil der St.Galler Himmel zumindest bis heute wolkenlos über den Festspielen stand.

Am Ende glühen die Türme der Kathedrale in Blau-Weiss-Rot. Ein Bezug zur Lokalgeschichte bleibt aber aus – dabei läge er nahe wie selten. Genau 225 Jahre ist es her, dass das Direktorium der Helvetik von den Klostertürmen die Trikolore wehen und den Statuen der Ortsheiligen Gallus und Otmar die Köpfe abschlagen liess, ein paar Monate später war das Kloster aufgehoben und das Ancien Régime auch in St.Gallen endgültig Geschichte.

Davon bekommen die Protagonist:innen und das Publikum der Revolutionsoper allerdings nichts mit. So bleibt der Klosterplatz am Ende doch nur Kulisse, dekorativ wie eh und je seit der Festivalgründung durch Direktor Werner Signer, der sich mit diesen 18. St.Galler Festspielen verabschiedet.

Die nächste Ausgabe 2024 findet unter einem anderen Himmel statt, jenem der Flumserberge: Dem Klosterbezirk ist bekanntlich vom Kanton eine Zwangspause verordnet worden, er steht nur noch alle zwei Jahre als Spielort zur Verfügung.

 

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Hans Fässler,  

Es geht mit Riesenschritten voran. Ich wollte im Sommer 2000 als Re-enactment einer Szene aus der Franzosenbesetzung von St.Gallen (1798) für mein Kabarettprogramm «Louverture stirbt 1803», also für eine kulturelle Produktion, kurz die Trikolore an den Türmen der Kathedrale aufhängen und fotografieren. Bischof Fürer erlaubte das «aus grundsätzlichen Überlegungen» nicht, und Kanton und Administrationsrat unterstützten ihn in seiner Haltung. Und jetzt, 23 Jahre später, weht die Trikolore doch noch hier, anlässlich einer kulturellen Produktion. Das ist doch schön!

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