Siehe da! Beim Besuch der nahen Brockenstube wartet eine Ikone im Gestell auf einen Käufer.
Ich erstehe sie zum halben Preis, es ist gerade Aktionstag. Zuallererst beschäftigt mich die Frage: Worin besteht wohl die vielbeschworene Wundertätigkeit des Bildes? Unerhört wäre es, wenn ich mir als Inhaber der Ikone, wie beim Güggeliwunschknochenziehen oder dem Sternschnuppenschauen oder im Märchen von Aladin und der Wunderlampe, wünschen könnte, was ich wollte.
Aber das Wunder geschieht nicht. Der Traum ist aus, wie das Lied von Ton Steine Scherben so treffend heisst. Realistischerweise halte ich mich deshalb daran, dass Kultur im Allgemeinen resilienzfördernd wirkt. Das ist auch nicht ohne!
Illustration: Joël Roth und Zéa Schaad
Resilienz unterstützt die psychische Widerstandskraft, individuell und gesellschaftlich. Resilienz wirkt wie eine flauschige Pufferzone. Wenn eine Krise sich anschleicht, verwandelt Resilienz sie in ein Glücksgefühl und zieht sogar noch Gewinn daraus.
Wer jetzt denkt, dass der Kitsch die Regie übernimmt, liegt falsch. Gegensätze behaupten in jedem Fall ihre Berechtigung: das Flauschige und das Nervige. Allmachtsfantasien halten sich mit der Erkenntnis eigener Bedeutungslosigkeit die Waage. So funktioniert Resilienz.
Unter widrigen Umständen erschöpft sich der Vorrat an Resilienz. Neuer Content für eine schwächelnde Widerstandskraft findet sich jedoch um die Ecke. In der Bahnhofsunterführung stosse ich zwischen Werbeplakaten auf einen kunstgeschichtlichen Diskurs des 19.Jahrhunderts. Im Würgegriff der Schlangen Athenes stöhnt Laokoon mit schmerzverzerrtem Gesicht auf. Sein Verbrechen: Er sah den Untergang Trojas voraus. Heute muss er als Werbeträger einer Ausstellung in der Tuffsteinburg neben dem Zürcher Hauptbahnhof herhalten.
«Shanghaien», die Ausstellung von Reto Müller und Francisco Sierra, die diesen Herbst im neuen Nextex-Space namens «Auto» zu sehen war, beschäftigte sich entspannt mit dem Thema, wie die Kunst immer wieder die Arschkarte zieht. Junge Männer wurden früher in den Kneipen der Hafenstädte abgefüllt. Am Morgen, wenn sie aus dem Rausch erwachten, waren sie als Matrosen auf irgendwelchen Kähnen nach Shanghai zwangsrekrutiert.
Die Kunst hat es drauf: Sie erzählt Geschichten am Lagerfeuer des Lockdown oder erfindet Transformationen für ausser Kraft gesetzte Gewohnheiten. Kick that Habit heisst ein unvergessener Film von Peter Liechti dazu. Ich prophezeie hier, dass die Kunst in der aktuellen Krise dank ihrer magischen Eigenschaften wie üblich den Hintern der Gesellschaft retten wird.
Wolfgang Steiger, 1953, ist Bildhauer und Journalist in Schwellbrunn.
Saiten hat sich zum Jahresschluss ein Heft zur Immunstärkung vorgenommen. Wir wollten Anregungen und Überlegungen aller Art zur politischen, gesellschaftlichen und individuellen Kräftigung des Immunsystems sammeln.
Zusammengekommen sind 24 Beiträge aus allen möglichen Richtungen, ein Adventskalender der resistenten Art: Kurzgeschichten, Selbsterfahrungen, Appelle, Wutausbrüche, Tiefgang und Smalltalk, Rezepte und Rezeptverweigerungen. 24 Stimmen, 24 Seiten, eine geballte Dosis Immunium® Akut, garantiert mit Risiken und Nebenwirkungen.
Der Spagat zwischen europäischen Nächten und biederem Superleague Alltag ist oft schwer. So auch heute. Eine Leistungssteigerung und die richtigen Wechsel in der zweiten Halbzeit reichen aber für die ersten drei Punkte der Saison.
In leichten Pastelltönen und dunklen Ölfarben setzt sich der deutsche Künstler Marcel Hüppauff mit dem Profiradsport auseinander. Dabei treten in seiner Schau im Chambre Directe-Schubiger in St.Gallen nicht nur Menschen, sondern auch Katzen in die Pedale.
Mit Hildegard Fässler (1951–2026) verstarb kurz vor ihrem 75. Geburtstag eine der profiliertesten Ostschweizer Politikerinnen an den Folgen einer schweren Erkrankung. Nachruf einer langjährigen Weggefährtin.
Versteckt im Sittertal produziert die Kunstgiesserei Werke renommierter Künstler:innen. Dabei gilt es oft, Neues auszuprobieren und Lösungen zu finden – mit Zucker, Wachs und natürlich Metall. Saiten erhält einen Einblick in das verrückte Schaffen am Rande St.Gallens.
Der FC St.Gallen gewinnt gegen den haushohen Favoriten aus Lissabon mit 2:1. Die grösste Sensation, die dieses Stadion je gesehen hat. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.