Im Juli 2017, die letzten Besucher hatten ihre Zelte gerade erst von der Frauenfelder Allmend geräumt, war klar: Der weltweit grösste Live-Veranstalter Live Nation hat sich die Mehrheit an der First Event AG gesichtert, die das grösste Hip-Hop-Festival Europas ausrichtet. Insider überraschte die Nachricht von der Frauenfeld-Übernahme kaum. Aber am oberen Sitterknie hat man sich schadenfreudig noch etwas ins Fäustchen gelacht und sich auch ein bisschen über den Chef des St.Galler Openairs und dessen Bekenntnis zur Unabhängigkeit gefreut. Das Tobel bleibt unser.
Auf die Frage, ob dem Openair St.Gallen (OASG) auch eine Übernahme drohe, sagte Christof Huber damals, man könne ja gar nicht übernommen werden, weil die Wepromote Entertainment Group Switzerland kein börsenkotiertes Unternehmen sei.
Ende Januar diesen Jahres wurde die Öffentlichkeit eines besseren belehrt. Man kann eben doch. Der deutsche Konzern CTS Eventim, die Weltnummerzwei hinter Live Nation, hat sich nebst dem OASG auch Gadget, die grösste Konzertagentur des Landes, und abc Productions, den Marktführer im Schweizer Konzertbusiness, unter den Nagel gerissen. Dazu noch weitere kleinere Festivals und Agenturen.
Eine Seite beklagt nun den totalen Ausverkauf der schweizerischen Musiklandschaft und die mit der Monopolisierung einhergehende Vereinheitlichung der Bookings in der Schweiz. Noch mehr Einheitsbrei und weiter in die Höhe schiessende Ticketpreise werden befürchtet. Und die andere Seite spricht von logischen Schlüssen, Marktmechanismen und Chancen, die sich zwangsläufig auch ergeben, wenn man «Teil von etwas Grösserem» wird.
Huber: «Das ist kein Verkauf»
Diese Formulierung wählte Christof Huber, neu eben Eventim-Angestellter, am Dienstagabend an der Erfreulichen Uni im Palace mehrfach. Auf die Frage von Moderator und WOZ-Musikjournalist David Hunziker, ob es Mut brauchte, das Openair zu verkaufen, reagierte Huber korrigierend: «Die Aussage ‹Das Openair wurde verkauft› ist falsch. Wir sind Teil von etwas Grösserem geworden. Wir werden als Firma und Freunde zusammenwachsen. Dabei geht es nicht nur um Festivals, es geht auch um andere Events, um professionelles Management. Diese Chance zu packen, brauchte schon Mut.»
Es sei halt viel passiert auf dem Musikmarkt, erklärte Huber auf Hunzikers Frage, wieso der Widerstand gegen die Grossen, seinerzeit ein Hauptgrund für den Zusammenschluss einiger Veranstalter zu Wepromote, jetzt gebrochen sei. «Vor vier Jahren hätte ich einem Zusammenschluss mit Eventim nie zugestimmt», sagte Huber, doch heute sehe es anders aus.
Früher habe man noch Künstler entdecken und aufbauen können mit einem guten Portfolio. Mittlerweile springen die Künstlerinnen und Künstler aber gleich wieder ab, sobald es «spannend» werde. Sobald sich Geld verdienen lässt, kommen die global player ins Spiel. «Mir wurde gesagt, dass ich Glück hatte, dass Live Nation keine interessanten europäischen Festivals für Depeche Mode gefunden hatte. Depeche Mode spielen sonst exklusiv für Live Nation, sie wären nie ins Sittertobel gekommen.»
Keine grosse Acts ohne Grosskonzerne?
Kathy Flück, Gründerin der Agentur get loud und Bookerin des Dachstocks in Bern, backt zwar kleinere Brötchen, kennt aber ähnliche Situationen. Eine Band, die grösser wurde, liess Konzerte plötzlich nicht mehr vom Dachstock veranstalten. Sobald es sich lohnt, sind die grossen Agenturen in den Startlöchern. Die Aufbauarbeit und die damit verbundenen finanziellen Risiken würden damit den Kleinen übertragen.
«Überall Coca Cola, Nike, Starbucks, H&M, Zara», zählte Flück auf, «die Festivals verändern sich wie die Innenstädte.» Dann wandte sie sich, trotz gewissem Verständnis für ökonomische Zwänge, an den OASG-Chef: «Gopf, Huber, du hast das Openair St.Gallen. Das ist wirklich eine Institution. Wenn wir in der Schweiz alle gemeinsam standhielten, kämen dann tatsächlich keine grossen Acts mehr?»
Huber gab zu, dass es bei der Fusion mit Eventim auch um ökonomische Zwänge ging, auch wenn er es nicht direkt aussprach. «Die Gagen international sind far away», sagte Huber. «Wenn wir den Schritt nicht gemacht hätten, hätten wir beim OASG einen radikalen Schnitt machen müssen. Das wollten wir aber nicht, wir wollten weitermachen wie bisher, mit denselben Leuten in Management, die das Openair bisher mitgestaltet haben, mit lokaler Verankerung und Verwurzelung. Das war auch der Deal mit Eventim. Wir haben hart verhandelt. Und wir machen das Festival immer noch mit derselben Passion!»
Auch Derrick Thomson von der Mainland Music AG, die 2018 von Live Nation übernommen wurde, findet, dass sich vorderhand nicht viel ändern wird. Die Arbeit der Veranstalter bleibe im Kern dieselbe. Nur Administratives sei vieles dazugekommen im Grosskonzern, Buchhaltung sei eine neue Erfahrung für ihn, sagte er ehemalige KMUler. Die Acts verlangten heute ständige Updates über den Stand des Vorverkaufs, die Geschäftsleitung will Monatsabschlüsse und forecasts sehen. Ansonsten sei vieles beim Alten.
Wohin es geht mit der Schweizer Musiklandschaft, kann auch er nicht sagen. Sicher sei, dass im Produktionsbereich einige Umbrüche in Richtung Grosskonzerne anstehen. Im Ticketing sei das bereits erfolgt. Mittlerweile stünden aber auch Investmentfirmen parat, die nicht wüssten, wohin mit ihrem Geld. Es sei durchaus denkbar, dass Festivals künftig einen solchen Weg gehen würden. «Konzentrationen ermöglichen immer auch Neues. Es werden sich neue Nischen auftun, wo sich die Independent-Szene wieder einnisten kann.»
Diesen Optimismus teilten nicht alle Anwesenden im Saal und auch nicht Fabian Mösch, der am Podium das Palace vertrat. Im Gegensatz zu grossen Anbietern kann er den Acts keinen Masterplan und Portfolios für eine Tournee anbieten. Er veranstaltet einzig und allein im Palace. «Solidarität und Loyalität sind wichtig. Je grösser die Grossen werden, desto stärker müssen die Kleinen zusammenhalten.»
«Gitarren ziehen einfach nicht»
Am Abend hat sich gezeigt, woran die Kulturdebatten hierzulande vorallem kranken. André Béchir, der grand old man der Schweizer Konzertveranstalter und Chef von abc, brachte es Ende Januar bei der Verkündigung des grossen Eventim-Deals auf den Punkt: «Ich bin Schweizer, sie sind Deutsche – aber die Interessen sind die gleichen: Wir wollen alle Geld verdienen.»
Auch im Palace wurde vornehmlich über Geld geredet, über Portfolios, über Wachstums- und Ticketpreis-Schmerzgrenzen, über Chancen und Risiken von Märkten, über Gewinner und Verlierer. Nur über Musik wurde nicht diskutiert.
Oder fast nicht: Ein Votant aus dem Saal änderte dies, zumindest ansatzweise, zum Schluss der Gesprächsrunde. Ironischerweise mit der Frage, die er an alle vier anwesenden Veranstalter richtete, wie man als Musiker aus dem Indie- und Rockbereich etwas mitmischen könnte in den neuen Märkten. Die Antworten pendelten zwischen Galgenhumor und wohlmeinendem Zweckoptimismus.
Thomson: «Mach‘ Deutsch-Rap! Nein ehrlich, schau dir die Hitlists an. Gitarren ziehen im Moment einfach nicht. Auch wenn wir alle hier am Tisch, da bin ich mir sicher, gerne mehr aus diesem Bereich veranstalten würden.»
Mösch: «Mach, was du cool findest und steh‘ voll dahinter. Dann kommts gut.»
Huber: «Es braucht auf jeden Fall Schnoddrigkeit und Selbstvertrauen. Egal, wenn die Leute die Instrumente nur halb beherrschen. In England machen sie das besser. Gerade im Rockbereich, also bei wenig Airplay, ist die Bühnenperformance absolut entscheidend. Vielleicht nicht Mundart. Indie gibts auch schon viel. Vielleicht etwas härter. Aber nicht wie Gotthard. Gut sollte es schon sein.»
Was bleibt nach vier Tagen Schlamm und Musik? Ein Abfallberg im Sittertobel, die grinsende Fratze der Wegwerfgesellschaft.
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