Heute hat uns das Glück geküsst. Gute fünf Wochen nach der Ankunft in Varna. Wir haben ein Stück Freiheit errungen. Eisiger Wind fegt durch die Strassen. Der Morgen dazu noch garstig verregnet. Die Morgenrunde kurz. Nur zwecks Erleichterung. Keine weiteren Erkundungen erwünscht. Wir rollen uns wieder ein drinnen. Kaffee. Reis mit Ricotta und Karotten für die Jungs. Sie lieben den Schlotz.
Dann bricht die Sonne plötzlich durch. Raus mit uns! Ein Schauspiel. Meinen Kurzhaarhunden wehts die Haare auf, als der Wind uns in den Rücken trifft. Plastiktüten tanzen auf den Strassen. Homer kriegt windbedingt Spielanfälle, wird, da an der Leine, zu einem Dressurpferdchen, so hüpfen seine Pfoten. Die dreckigen Pfützen haben Strömung vor Wind. Äste säumen die Gehsteige, demonstrieren eindrücklich, wie viele Alleen diese Stadt birgt. Meine Finger quittieren innert kürzester Frist den Dienst, können den Clicker kaum mehr, und definitiv nicht punktgenau betätigen. Uns fegts schier weg.
Mit Pluto am Meer
Das Wetter ist so laut, dass Plutos Anfangsaufregungsbellen sauber untergeht. Die Fahnen peitschen vor einem nahen Hotel. Die weissen und schwer grauen Wolken stürmen über unsere Köpfe. Erst glaube ich, so grossartig das Spektakel ist, das ist eine Schuhnummer zu gross für uns, Homer hibbelig, Pluto hochtourig. Und definitiv saukalt. Aber nein. Wir fliegen einfach mit im wilden Glück. Uns schiebts und ziehts runter. Und solange es gut ist, gehen wir weiter. Eine Stunde tanzen wir meerwärts. Und dann sind wir da. Schaffen, was ich nicht für möglich hielt: mit Pluto ans Meer zu kommen.
Die Spaziergänge mit ihm – ich habe unsere Rituale angepasst und mache nun ungefähr jeden zweiten Tag die grosse Runde je einzeln – beinhalten, je nach Tagesform, zehnmal dieselbe Strasse lang zu gehen. Zuerst laut bellend vor Aufregung und Unsicherheit. Beim zehnten Mal schafft er es, sie relativ ruhig zu gehen. Zu gucken. Zu schnuffeln, wenn der Baum da ist, und nicht drei Meter davor loszupreschen. Peitscht das Stummelschwänzchen nicht mehr, sondern hat vielleicht nur noch doppelte Sekundenschnelle. Und an goldenen Tagen ist die Rute manchmal sogar einen Moment ruhig. Bis zum nächsten Duft, der nächsten Gestalt. Katzen und Hunde lassen uns nach wie vor auf Feld eins zurückkehren. Immerhin dauert die akute Aufregung immer öfter nicht mehr endlose, kräftezehrende Minuten, sondern lässt sich mit Distanz und Klarheit einigermassen absehbar wieder legen. Aber zu Fuss zum Meer mit Pluto… nicht zu denken. Mit Homer habe ich schon einige wunderschöne Runden hier an den Strand gemacht, aber nicht mit Pluto. Und schon gar nicht mit beiden.
Besuch von Vera
Dann habe ich ein Geschenk erhalten. Lauretta hatte eine Idee. Und Vera hat sie umgesetzt. Vera, wunderbarer Buddy meiner bisherigen Reise, hat in unseren wöchentlichen Skype- oder Telephontreffen so vieles begleitet. Jetzt klingelts. Und sie steht vor meiner Tür! Mitten in Varna. Hat auf der Rückreise von Moskau einfach den Flieger nach Varna bestiegen und nicht den direkten heim. Mich hats umgehauen.
Freundin umarmen. Nach so langer Zeit.
Noch zwei Tage nach ihrer Abreise heule ich los, so berührt mich die liebevolle Idee von Lauretta und Veras Besuch. Nina, die dritte im Wundergespann zur Realisierung für meine Überraschung, hatte mir meine Adresse unter reizendem Vorwand entlockt. Für eine Sendung – wie Nina es nannte – konnte ich nicht meine Adresse angeben, ich bin ja nirgends angeschrieben, sondern die der hilfsbereiten Deanna vom Buchantiquariat, die erneut bereit war, etwas für mich entgegenzunehmen. Aber Nina beharrte darauf, sie möchte meine Adresse mit Missionstatement, dem goldenen, wesentreffenden Statement, das uns lenkt, die wir an unseren Projekten arbeiten, ins, wie ich annahm, Paket sprechen können, und ich, berührt von dieser liebevollen Idee, schickte ihr meine Adresse. So kam als Sendung: Vera. Und machte mich mal eben zur reichsten Person. Freundinnen.
Vera wünschte, ans Meer picknicken zu gehen. Und wir waren zu zweit für die Hunde, das würde gehen! Zur Not zurück mit Taxi. Vera mit Homer, ich mit ziemlich irrem Pluto, marschieren wir los. Und pflügen den Weg. Den, den wir heute, von Glück geleitet, runtergingen.
Heute bis zum Ende bereit, umzukehren, wenns zu viel wäre. Aber wir mussten es nicht.
Der Sand ist stellenweise noch nass vom Morgenregen. Wenige Leute. Wenige Hunde. Leinen los. Die zwei spinnen. Als wärs ein Rennen um Leben und Tod rasen sie sich die Seelen aus den schillernden Leibern. Die Sonne ist grell. Augen und Ohren und Mäuler voller Sand, der Wind peitscht ihn in Sandböen nordwärts. Ich erlebe mit riesiger Freude, dass Pluto, mein grosser, impulsiver Abenteurer, mein Rufen nicht ignoriert. Uns nicht verlieren will, trotz Freiheit und Aufregung und unendlicher, spannender Tummelwiese. Er versteht, dass ich ihn erinnere, uns mit zu bedenken in seinem Rausch. Er fliegt. Zu uns. Immer wieder. Wird ein schwarzer Punkt und ich glaube, buchstäblich in den Wind zu rufen. Aber nein!
Alles ist Premiere
Das Schwarze Meer ist tiefgrün dunkelblau braun mit Gischtwolken. Frachter weit draussen. Unser Schiff fährt nicht im Dezember. Die Dezemberschiffe wurden gecancelt. Heute finde ich es grossartig, sonst wären wir vielleicht jetzt nicht hier. Plutos Blut liegt in Deutschland im Labor zwecks Impfvalidierung. Ein weiteres Abenteuer. Das ist hier nichts Übliches, worum jemand ersucht, und Bulgarien hat kein EU-anerkanntes Labor. Irgendwie ist alles Premiere auf dieser Reise.
Ich habe eine Woche voller Wackligkeit und Selbstattacken hinter mir. Nicht wissen, wo die Reise endet, schien mir viel. Nun weiss ich auch nicht, wann sie weitergeht. Das kaut in Wellen heftig an mir und ich dreh im Leerlauf. Immer wieder kommt dieses: Ich muss doch Dinge regeln, ich muss doch wissen…
Vor vier Tagen, so glaubte ich mal, würden wir zurückreisen. Heute, mit windroten Wangen wieder daheim, bin ich tief friedlich damit, hier zu sein. Sind wir nicht goldbeschenkt? Was wir einmal konnten, werden wir auch wieder können. Wir können ans Meer! Zu Fuss!
Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Anfang Jahr ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.
Neue Eigenproduktion
Tunneleröffnung
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
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Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».