Kategorie
Autor:innen
Jahr

Go all the way #21

«Meine Tiere hatten ein Heer von Schutzengeln an der Seite.» Ruth Wili berichtet in ihrem Tagebuch aus Varna vom dramatischen Sturmwetter am Schwarzen Meer. Ohne Foto, aus guten Gründen.
Von  Gastbeitrag

Es waren diese Kältetage, die auch Varna erfassten, wenn auch nicht mit -20 Grad, sondern «bloss» -9. Mit dem Wind zeigte der Wetterbericht an: gefühlte (doch) -19. Wir raus, wie regelmässig, runter Richtung Hafen.

Die Brandung peitscht gegen die Mole, die zum Leuchtturm führt. Da Pluto den Strand von Spielwiese zu Jagdrevier umgemeldet hat, und Homer dieser Energie folgt, lassen wir den bis auf  Schleppleinenmomente etwas in Vergessenheit geraten.

Wir kommen auf die Hafenseite des Stegs, sehen die Gischt der Wellen über die Molenmauer peitschen, die sich auf etwa zwei Dritteln der Mole schützend erhebt, den Hafen abschirmt und die Strasse auf der Innenseite. Ich schätze, die Mauer ragt an die acht bis zehn Meter über das Meer. Einzelne Wellen brechen schlichtweg drüber, klatschen auf Autos. Übergiessen agavenartige Gewächse jenseits der Strasse mit Salz-Eis. Wie in Gelee konserviert sehen sie aus.

Die Welle

Vom Hafen führt ein schlanker, hoher Steg zu einer Aussichtsplattform und über die Mauer und auf der anderen Seite runter auf den Steg. Wir probierens. Sachte, die Marmortreppen rauf sind halsbrecherisch glitschig, und auf der anderen Seite führen Metallstufen auf den Steg. Pluto wartet, während ich Homer eine einzelne Pfote aufsetzen lasse. Er tut es ohne Reaktion, alles gut! Nicht dass mir meine Samtpfoten anfrieren…! Beide tragen einen Mantel bei der Temperatur, so ungern ich das sehe. Weil ich lieber ihre Schönheit geniesse. Kürzere Runden machen wir ohne, sie kommen damit klar und finden die Mäntel ebenso unprickelnd wie ich, aber die lange… Ich selber bin ein «Michelinmännchen». Trage improvisiert quasi alles übereinander. Das tun hier viele.

Als wir auf dem Steg stehen, hier sind wir von den vorgelagerten etwas kriegsmaterial-anmutenden Beton-Wellenbrechern geschützt, geht die Post ab. Wahnsinn! Homer, der Wasser-Schisshase hat so oft und so manche Runden hier völlig selber entdeckend gedreht, auch bei gewaltigen Wellenfontänen. Dass er nun dasteht und nicht vorwärtswill, verbuche ich unter Kältemimöschen. Ich lasse die zwei frei, damit sie sich selber vor- und zurückbewegen können, wie es ihnen entspricht. Schiesse Fotos. Die Wellen sind nicht wirklich höher als auch schon, aber die Stimmung ist echt gewaltig. Die beiden sind im Vor- und Rückwärtsgang. Ich sehr rasch ziemlich nass, schiesse Fotos direkt in die braune Masse, die vor mir wie eine undurchdringliche Wand in die Höhe schiesst. Vorne schauts grossartig aus, da, wo die Mauer aufhört. Ich will noch ein paar Fotos dort vorne machen. Die Hunde sind frei, im Bereich der Mauer zu bleiben, so mein Gedanke. Aber die beiden kommen mit. Gehen im Gänsemarsch am wellenabgewandten Rand der Mole: «Vorsicht, Jungs, da gehts runter.»

Und dann kommt sie. Eine Welle, die einfach komplett über uns drübergeht. Ich stehe da, Eis im Herz, versuche mit einem Körper die Hunde zu schützen, aber die stehen am Abgrund, werden mitgerissen, erst Pluto, dann Homer, donnern auf der Innenseite der Mole runter. Zweieinhalb Meter zirka. Auf Beton. Für mich steht die Welt still. Ich renne los, zum Treppchen, das hinunterführt – sie stehen. Beide. Können gehen. Die zwei sind ganz klein. Beben in Schock und Kälte. Mir rutscht die klitschnasse Mütze in die Augen, ich schiebe sie hoch. (Als wir zuhause sind, sehe ich, dass sie festgefroren ist in der Form, wie ich sie hochgeschoben hab). Halte die beiden, leine sie an. Führe sie so rasch als möglich an der Mauer entlang über den Steg zurück an eine windgeschütze Stelle im Hafen. Dass sie gehen können! Ihre Rücken ganz sind! Ich Vollidiotin!

Wie lange braucht das bei den Temperaturen, bis man Erfrierungen hat an den Extremitäten? Meine eigenen Füsse schwimmen in den Schuhen, meine Zehen sind «weg». Ich renn-stolpere mit den beiden los, heim, nur heim an die Wärme! Will sie wärmen, sie halten. Ich könnte die Welt zu Kleinholz hacken vor Schuld, die mich wie diese Welle auffressen will. Kapiere immerhin, dass ich grad sehr bewusst sein muss, darin nicht obendrauf die Hunde anzupfeifen. Ich könnte brüllen. Was für ein Vertrauensmissbrauch. So egoistisch. So. Egoistisch! Als ob sie es nicht klar signalisiert hätten! Homer, der nicht wollte. Beide an der Mauerkante gehend.

Nie wieder

Als wir, kalt bis auf die Knochen, endlich daheim sind, trockne ich die beiden ab, packe sie in Wolldecken, lege sie vor den kleinen Ofen, zieh mich aus, trockenes Zeug an, lege mich dazwischen, halte sie. Nach einer Stunde hört die Kälte in meinen Zehen auf. Pluto bebt im Träumen. Ich sitze da. Gehe die Situation durch. Jedes Detail. Nicht um mich zu kasteien. Sondern um mit jeder Pore zu verstehen, was für ein Heer von Schutzengeln uns hier zur Seite stand. Dass die beiden unversehrt geblieben sind. Das will ich nie in meinem Leben wiederholen. Nie! Dann muss rein, welche Grenzen ich überschritten hab. Dass ich mich aus meiner Verantwortung gestohlen habe für… Fotos! Natürlich blieben sie nicht im Schutz der Mauer. Für sie bin ich der Schutz. Dass meine zwei Wildfänge in meiner Nähe blieben, war die klarste Sprache, die sie sprechen konnten, nachdem ich mich fürs Fotografieren und Ignorieren ihrer Angst entschied. Verantwortungslos, egoistisch war ich unterwegs. Als wären Schutzbefohlene für eine geile Foto mal eben sich selbst und ihrer Angst zu überlassen…

Wir sitz/liegen Stunden so, in mir kommen aus den Wellen die klaren Worte: «Ich verzichte auf die tolle Foto». Und plötzlich kapier ich: Sag ich das, oder mein ich es? Bin ich bereit, zu verzichten? Ich nehme das Handy hervor. Schaue die Fotos einmal durch. Select all. Delete. Ich habe heute meine Chance. Meine Gefährten sind ganz. Ich streichle, massiere meine beiden Sanftlinge, die an mir schlafen. Bitte die beiden zutiefst um Verzeihung. Und sage ihnen, dass wir, sobald die Wellen kleiner werden, rasch dort wieder hingehen. Und wenn wir es wochenlang tun. Dass ich sie nicht mit dem Trauma bleiben lasse.

Als ich zuerst alleine dahin zurückkkehre, sehe ich, dass ein Teil der Mole fehlt. Genau da, wo meine Hunde abgestürzt sind. Wie das Leben uns gehalten hat! Dank, tiefen Dank!

Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor gut einem Jahr ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01

Metz­ger, En­gel, Him­mel und Tan­te Bergs Ro­sen­ge­büsch

Ani­ta Zim­mer­mann ali­as Lei­la Bock prägt die St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne seit Jahr­zehn­ten – als Künst­le­rin, als Ver­mitt­le­rin, als Er­mög­li­che­rin. Sie hat Wi­der­stän­de über­wun­den und an­de­re Künst­ler:in­nen im­mer wie­der her­aus­ge­for­dert. Ei­ne Wür­di­gung

Von  Angela Kuratli , Bilder:  Ladina Bischof
2609 Anita Zimmermann SAI2602 1308 C WEB

«Nicht neu er­fin­den, was funk­tio­niert»

Die St.Gal­ler Mu­se­ums­nacht fin­det in die­sem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Ju­bi­lä­um blickt Ver­eins­prä­si­den­tin Bar­ba­ra Af­fol­ter zu­rück und nach vor­ne. Sie sagt, was die Mu­se­ums­nacht bis heu­te aus­macht und wo­hin sie sich ent­wi­ckeln soll.

Von  Marion Loher
Museumsnacht Kunstmuseum pd

Le­bens­be­ja­hen­de Wer­ke im Kunst­zeug­haus

Die Aus­stel­lung «Vol­ler Le­ben» des Ver­eins IG Hal­le Rap­pers­wil wirft Schlag­lich­ter auf künst­le­ri­sche Schaf­fens­pro­zes­se und ih­re Ver­bin­dun­gen zur Na­tur.

Von  Lilli Kim Schreiber
Regula Syz 2

Kolumne: Stimmrecht

St.Gal­len in den Au­gen ei­nes Sol­da­ten

Von  Liliia Matviiv

Kunst­ki­osk trifft Nacht­klub 

Der St.Gal­ler Kunst­ki­osk wird fünf­zehn Jah­re alt. Ge­fei­ert wird das mit ei­ner Ju­bi­lä­ums­aus­stel­lung im ehe­ma­li­gen Tif­fa­ny Night Club. Die Ver­nis­sa­ge ist am 12. Sep­tem­ber. Sai­ten hat schon vor der Er­öff­nung vor­bei­ge­schaut.

Von  Vera Zatti
01 Gruppenfoto Kurationsteam 15 Jahre Kunstkiosk QUERFORMAT

Musiktheater

Auf See im Park­haus

Von  Vera Zatti
Bild 08 07 24 um 07 42

Ein tem­po­rä­res Kunst­haus am Ro­ten Platz

Zum 36-jäh­ri­gen Be­stehen sei­ner Ga­le­rie Macel­le­ria d'ar­te trans­for­miert Fran­ces­co Bo­n­an­no ein leer­ste­hen­des Ge­bäu­de am Ro­ten Platz in St.Gal­len in ein bun­tes Haus vol­ler Kunst. Was als klei­nes Pro­jekt be­gann, wuchs zu ei­nem Ge­mein­schafts­werk von fast 100 Kunst­schaf­fen­den. 

Von  Lilli Kim Schreiber
Kunsthaus am roten platz lilli kim schreiber 1

Das Schö­ne an der Pro­vinz

St.Gal­len und Lu­zern ha­ben mehr ge­mein­sam, als man zu­nächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Sai­ten-Re­dak­ti­on in St.Gal­len un­ter­wegs.

Von  Giulia Bernardi Robyn Muffler  und  Raphael Albisser , Bilder:  Claudia Schildknecht
2609 Staetevergleich 4 D3 A9291