Es waren diese Kältetage, die auch Varna erfassten, wenn auch nicht mit -20 Grad, sondern «bloss» -9. Mit dem Wind zeigte der Wetterbericht an: gefühlte (doch) -19. Wir raus, wie regelmässig, runter Richtung Hafen.
Die Brandung peitscht gegen die Mole, die zum Leuchtturm führt. Da Pluto den Strand von Spielwiese zu Jagdrevier umgemeldet hat, und Homer dieser Energie folgt, lassen wir den bis auf Schleppleinenmomente etwas in Vergessenheit geraten.
Wir kommen auf die Hafenseite des Stegs, sehen die Gischt der Wellen über die Molenmauer peitschen, die sich auf etwa zwei Dritteln der Mole schützend erhebt, den Hafen abschirmt und die Strasse auf der Innenseite. Ich schätze, die Mauer ragt an die acht bis zehn Meter über das Meer. Einzelne Wellen brechen schlichtweg drüber, klatschen auf Autos. Übergiessen agavenartige Gewächse jenseits der Strasse mit Salz-Eis. Wie in Gelee konserviert sehen sie aus.
Die Welle
Vom Hafen führt ein schlanker, hoher Steg zu einer Aussichtsplattform und über die Mauer und auf der anderen Seite runter auf den Steg. Wir probierens. Sachte, die Marmortreppen rauf sind halsbrecherisch glitschig, und auf der anderen Seite führen Metallstufen auf den Steg. Pluto wartet, während ich Homer eine einzelne Pfote aufsetzen lasse. Er tut es ohne Reaktion, alles gut! Nicht dass mir meine Samtpfoten anfrieren…! Beide tragen einen Mantel bei der Temperatur, so ungern ich das sehe. Weil ich lieber ihre Schönheit geniesse. Kürzere Runden machen wir ohne, sie kommen damit klar und finden die Mäntel ebenso unprickelnd wie ich, aber die lange… Ich selber bin ein «Michelinmännchen». Trage improvisiert quasi alles übereinander. Das tun hier viele.
Als wir auf dem Steg stehen, hier sind wir von den vorgelagerten etwas kriegsmaterial-anmutenden Beton-Wellenbrechern geschützt, geht die Post ab. Wahnsinn! Homer, der Wasser-Schisshase hat so oft und so manche Runden hier völlig selber entdeckend gedreht, auch bei gewaltigen Wellenfontänen. Dass er nun dasteht und nicht vorwärtswill, verbuche ich unter Kältemimöschen. Ich lasse die zwei frei, damit sie sich selber vor- und zurückbewegen können, wie es ihnen entspricht. Schiesse Fotos. Die Wellen sind nicht wirklich höher als auch schon, aber die Stimmung ist echt gewaltig. Die beiden sind im Vor- und Rückwärtsgang. Ich sehr rasch ziemlich nass, schiesse Fotos direkt in die braune Masse, die vor mir wie eine undurchdringliche Wand in die Höhe schiesst. Vorne schauts grossartig aus, da, wo die Mauer aufhört. Ich will noch ein paar Fotos dort vorne machen. Die Hunde sind frei, im Bereich der Mauer zu bleiben, so mein Gedanke. Aber die beiden kommen mit. Gehen im Gänsemarsch am wellenabgewandten Rand der Mole: «Vorsicht, Jungs, da gehts runter.»
Und dann kommt sie. Eine Welle, die einfach komplett über uns drübergeht. Ich stehe da, Eis im Herz, versuche mit einem Körper die Hunde zu schützen, aber die stehen am Abgrund, werden mitgerissen, erst Pluto, dann Homer, donnern auf der Innenseite der Mole runter. Zweieinhalb Meter zirka. Auf Beton. Für mich steht die Welt still. Ich renne los, zum Treppchen, das hinunterführt – sie stehen. Beide. Können gehen. Die zwei sind ganz klein. Beben in Schock und Kälte. Mir rutscht die klitschnasse Mütze in die Augen, ich schiebe sie hoch. (Als wir zuhause sind, sehe ich, dass sie festgefroren ist in der Form, wie ich sie hochgeschoben hab). Halte die beiden, leine sie an. Führe sie so rasch als möglich an der Mauer entlang über den Steg zurück an eine windgeschütze Stelle im Hafen. Dass sie gehen können! Ihre Rücken ganz sind! Ich Vollidiotin!
Wie lange braucht das bei den Temperaturen, bis man Erfrierungen hat an den Extremitäten? Meine eigenen Füsse schwimmen in den Schuhen, meine Zehen sind «weg». Ich renn-stolpere mit den beiden los, heim, nur heim an die Wärme! Will sie wärmen, sie halten. Ich könnte die Welt zu Kleinholz hacken vor Schuld, die mich wie diese Welle auffressen will. Kapiere immerhin, dass ich grad sehr bewusst sein muss, darin nicht obendrauf die Hunde anzupfeifen. Ich könnte brüllen. Was für ein Vertrauensmissbrauch. So egoistisch. So. Egoistisch! Als ob sie es nicht klar signalisiert hätten! Homer, der nicht wollte. Beide an der Mauerkante gehend.
Nie wieder
Als wir, kalt bis auf die Knochen, endlich daheim sind, trockne ich die beiden ab, packe sie in Wolldecken, lege sie vor den kleinen Ofen, zieh mich aus, trockenes Zeug an, lege mich dazwischen, halte sie. Nach einer Stunde hört die Kälte in meinen Zehen auf. Pluto bebt im Träumen. Ich sitze da. Gehe die Situation durch. Jedes Detail. Nicht um mich zu kasteien. Sondern um mit jeder Pore zu verstehen, was für ein Heer von Schutzengeln uns hier zur Seite stand. Dass die beiden unversehrt geblieben sind. Das will ich nie in meinem Leben wiederholen. Nie! Dann muss rein, welche Grenzen ich überschritten hab. Dass ich mich aus meiner Verantwortung gestohlen habe für… Fotos! Natürlich blieben sie nicht im Schutz der Mauer. Für sie bin ich der Schutz. Dass meine zwei Wildfänge in meiner Nähe blieben, war die klarste Sprache, die sie sprechen konnten, nachdem ich mich fürs Fotografieren und Ignorieren ihrer Angst entschied. Verantwortungslos, egoistisch war ich unterwegs. Als wären Schutzbefohlene für eine geile Foto mal eben sich selbst und ihrer Angst zu überlassen…
Wir sitz/liegen Stunden so, in mir kommen aus den Wellen die klaren Worte: «Ich verzichte auf die tolle Foto». Und plötzlich kapier ich: Sag ich das, oder mein ich es? Bin ich bereit, zu verzichten? Ich nehme das Handy hervor. Schaue die Fotos einmal durch. Select all. Delete. Ich habe heute meine Chance. Meine Gefährten sind ganz. Ich streichle, massiere meine beiden Sanftlinge, die an mir schlafen. Bitte die beiden zutiefst um Verzeihung. Und sage ihnen, dass wir, sobald die Wellen kleiner werden, rasch dort wieder hingehen. Und wenn wir es wochenlang tun. Dass ich sie nicht mit dem Trauma bleiben lasse.
Als ich zuerst alleine dahin zurückkkehre, sehe ich, dass ein Teil der Mole fehlt. Genau da, wo meine Hunde abgestürzt sind. Wie das Leben uns gehalten hat! Dank, tiefen Dank!
Ruth Wili, Jahrgang 1981, war bis Ende 2016 als Inspizientin am Theater St.Gallen tätig. Vor gut einem Jahr ist sie aufgebrochen zu einer Fussreise von St.Gallen ans Schwarze Meer. Mit dabei: ihr Hund Homer – und, in Bulgarien zugelaufen, Pluto, Hund Nummer zwei. Auf saiten.ch berichtet Ruth Wili von ihren Erfahrungen unterwegs.
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