An dem feministischen Anlass, an den ich als Podiumsgast eingeladen war, kannte ich niemanden, und bis unsere Diskussion anfangen würde, waren es noch 40 Minuten hin. Gerade war die Moderatorin auf mich zugekommen, hatte mir das Pfötli geschüttelt und mich den anderen Teilnehmenden vorgestellt: einem Typen und zwei Frauen. Er war gerade irgendwo am Networken, die drei Frauen und ich standen so da, und eine von ihnen macht mir Komplimente für mein Outfit.
Das freute mich enorm, ich hatte mir Mühe gegeben mit meinem Anzug und meiner Bluse. Sie trug ebenfalls was mega Schönes, einen eleganten Pullover mit High-Waist-Jeans, die prima abgestimmt war mit ihren Fingernägeln, was ich ihr auch sagte, wir freuten uns und redeten über Anziehsachen und hatten ein paar gute Minuten.
Dann standen wir alle noch immer so da, gut angezogen und parat für das Podium, und eine von uns sagte: «Hehehe, schon lustig, jetzt haben wir einfach nur über Outfits und Nägel geredet. Und nachher gehts um Gleichberechtigung.» Und ja, an diesem Abend hat das eine von ihnen gesagt, aber an anderen Abenden rutscht das manchmal mir selbst raus.
Es passiert nämlich oft: Vor einem feministischen Podium reden wir Frauen miteinander über unsere Outfits, unsere Frisuren, unser Makeup, unsere Maniküre. Und dann sagt irgendeine von uns: «Haha, jetzt haben wir tatsächlich minutenlang über sowas geredet, an einem feministischen Abend, haha. Ha.»
Anna Rosenwasser, 1990, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Es ist so verlockend, so zu denken: Wie ironisch, dass feministische Frauen an einem feministischen Anlass ausgerechnet über sowas Oberflächliches wie Schminke und Kleider reden! Aber je länger ich mir darüber Gedanken mache, desto weniger geht das auf.
Dröseln wir doch kurz auf, über was wir in einem solchen Moment schmunzeln: Dass es am Anlass um Emanzipation und feministisches Empowerment geht, die Exponentinnen hinter der Bühne aber dann nicht etwa über diese gesellschaftspolitischen Anliegen reden, sondern über etwas Oberflächliches, nein, sogar über etwas Tussiges. Denn Lippenstift und Haarfarbe, Blusen und Ohrringe: Das ist Oberfläche. Deko. Also unfeministisch.
Rosa Buch: Anna Rosenwassers gesammelte Kolumnen erscheinen im März beim Rotpunkt-Verlag in Kooperation mit Saiten.
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Diese Haltung suggeriert einerseits, dass Feminismus sich nur auf komplexe Sachverhalte bezieht – und dass die Dekoration unserer Oberfläche über keinerlei Tiefe verfügt. Ich frage mich, wer diese Haltung erfunden hat. Als würden keine Geschichten, Überlegungen und Kreativität stecken hinter der Entscheidung, wie wir auftreten, welchen Blazer wir zu welchen Schuhen kombinieren und wie dies im Kontext des Anlasses auf unsere Mitmenschen wirken könnte – und, vielleicht noch wichtiger, was diese Entscheidungen mit uns machen.
Ausserdem ists ja schon etwas verdächtig: Warum gelten vor allem weiblich konnotierte Dinge als oberflächlich? Interessen, die als Männerinteressen gelten, erhalten den Vorwurf der Oberflächlichkeit seltener, scheint es mir. Dabei haben Stil und optischer Ausdruck – von der Wimperntusche bis zum Halsketteli – viel mit Selbstbestimmung zu tun, viel mit der Freiheit, sich selbst zu sein. Wenn das nicht feministisch ist!
Und überhaupt: Was soll der Vorwurf der Oberflächlichkeit? Sollen wir alle die ganze Zeit über komplexe, anstrengende, schwer zugängliche Dinge diskutieren? Das ist unrealistisch. Und unsympathisch. Richtig oberflächlich wirds sowieso erst dann, wenn eine Person möglichst komplex und tiefgründig wirken will und sich als überlegen darstellt, indem er vordergründig oberflächliche Interessenfelder abwertet. Da unterhalte ich mich lieber über Nagellack.
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