Ich weiss noch, dass ich früher an ersten Dates viel über Werbeplakate geschimpft habe. Wer sich zum ersten Mal mit mir traf, musste sich in der ersten halben Stunde mit Sicherheit meine mittelgare Meinung zu irgendeiner Werbung anhören, an der wir vorbeigingen. Ich weiss im Nachhinein nicht, wie das damals angekommen ist, aber ich habe eine Vermutung, wie es dazu gekommen ist.
Einen Menschen zum ersten Mal zu treffen, das ist anstrengend. Du kennst den Vibe deines Gegenübers noch nicht, willst ihm gefallen, checkst gleichzeitig aus, ob dieser Mitmensch dir gefällt und musst gleichzeitig eine nahtlose Konversation führen. Also greifst du nach irgendwas, was dir grad in deinen nervösen Schoss fällt. Bei manchen sind das Kommentare über das Aussehen des Gegenübers (ich wurde an einem ersten Date schonmal begrüsst mit «auf den Bildern siehst du dünner aus»). Bei anderen sind es das Wetter oder der Dialekt.
Bei mir war es: schimpfen. Schimpfen heisst, ich habe eine Meinung, und zwar eine empörte, und Empörung fühlt sich stabiler an als nervöse Ambivalenz. Mit meiner Empörung über irgendwelche Werbung zementierte ich mir meine Mauer aus vermeintlicher Eloquenz, vermeintlicher Reflexion und vermeintlichem Ästhetikbewusstsein.
Anna Rosenwasser, 1990, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Es gibt eine weitere erste Begegnung, in der ich mich einfach mal drauflos-empörte: Meine erste Interaktion mit dem queeren Aktivismus. Also notabene dem Themenfeld, in dem ich jetzt arbeite, lebe und liebe.
Vor fast zehn Jahren, im Frühjahr 2013, brachte mir eine befreundete Person das Magazin der grössten Deutschschweizer LGBTQ-Organisation mit. Es war das erste Mal, dass ich mitkriegte, dass Leute in meinem Alter sich gemeinsam nicht nur für das L und das G – zu denen ich nicht gehöre –, sondern auch für mein B und ganz viele weitere Identitäten einsetzten.
Und was tat ich? Liebe Lesende, es kostet mich etwas Mut, das zuzugeben: Nachdem ich dieses Magazin durchgelesen hatte, wandte ich mich an die Organisation. Mit… einer Kritik. Ich schrieb eine Liste von Dingen, die ich anders machen würde. Kurz: ich schimpfte. Zwar einigermassen konstruktiv, aber trotzdem. Gott, ist mir das peinlich. Ein Wunder, dass sie mich trotzdem in ihre Reihen aufnahmen und mir so mein bestmögliches Leben ermöglichten.
Vielleicht sass am anderen Ende ja eine Person, die ahnte, was hinter meinem Schimpfen steckte: eine Unbeholfenheit, ähnlich wie bei einem ersten Date. Die Angst, etwas falsch zu machen, und dann der Griff zu dem, mit dem ich nicht einverstanden bin.
Ich glaube heute, dieses Meckern war damals die einzige Möglichkeit, die ich sah, um mich mit der queeren Welt zu verbinden, als cis Frau, die gerade erst zu ahnen begann, dass sie nicht hetero sein könnte. Ich konnte quasi nichts anderes vorweisen als meine Meinung, und Kritik gab mehr Zeilen her als Lob, fühlte sich gehaltvoller an als «gute Arbeit, die ihr da macht».
Anlässlich dieses Texts habe ich mich überwunden und meine damalige Nachricht nochmals gelesen. Und siehe da: Am Ende meiner Liste hatte ich geschrieben, dass ich sie gerne mit eigenen Ideen unterstützen würde.
Und was kam als Antwort? Keine verteidigenden oder gar beleidigten Worte. «Wir freuen uns total drauf, dass du mithelfen willst.» Geschrieben von einem Menschen, mit dem ich bis heute queeren Aktivismus betreibe. So landete ich dann im queeren Aktivismus. Zugegeben: Das hielt länger als alles, was jemals mit einem Date begann.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
In der Ausstellung «Die leisen Unterschiede» im Haus zur Glocke in Steckborn befassen sich fünf Künstler:innen mit der Wahrnehmung von Unterschieden.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Mit dem Ensemble TAK aus New York gastierte am Dienstag ein Neue-Musik-Quintett von Weltrang im St.Galler Kultbau. Organisiert vom Zyklus Contrapunkt, hätte der Abend mehr Publikum verdient. Ein Bubble-Problem?
Das St.Galler Kulturmuseum öffnet in der neuen Ausstellung «Stereotypes: Neanderthalerin» den Blick auf diese Steinzeitmenschen. Die Schau mit viel Pink verknüpft geschickt Spiel mit Wissenschaft und Vergangenheit mit Gegenwart.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
St. Gallen startete gut in die Partie, agierte aber oftmals zu umständlich gegen tief verteidigende Sittener und blieb letztlich glücklos.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»