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Schwengel schwenken

Warum Saiten-Kolumnistin Anna Rosenwasser sich überlegt, die cis-Männer aussen vor zu lassen bei ihren Lesungen. Und was sie tun würde, wenn sie 48 Stunden in einem anderen Körper leben würde. Der Beitrag aus dem Novemberheft.
Von  Gastbeitrag

Es war ein heiterer Unterhaltungsabend, den mein Bühnenpartner und ich zu zweit durchführten. Abwechselnd beantworteten wir Fragen aus dem Publikum über Liebe, Freundschaften und die queere Community. Etwa in der Mitte des Abends kam die Frage, was wir tun würden, wenn wir für 48 Stunden in einem anderen Körper leben könnten.

Mein Bühnenpartner antwortete, er würde wohl als Frau beobachten wollen, wie die Gesprächsrollen sich verändern, um seine männlichen Privilegien noch besser kennenzulernen. Ich wollte auch gerade etwas antworten, da rief eine tiefe Stimme aus der letzten Ecke des Publikums: «Schwengel schwenken!» Alle haben es gehört.

Eine Woche später trat ich auf einer Kleinkultur-Lesebühne auf. Bei einem neueren Text, bei dem es um meine körperliche Selbstbestimmung geht (meiner Saiten-Kolumne des vergangenen Monats!), zog ich vor dem Lesen mein Oberteil aus, um den Text nur im BH vorzutragen. Aus dem Publikum kam ein einziges Geräusch: ein Typ, wieder aus irgendeiner hinteren Ecke, rief anzüglich: «Woohoo».

Liebe Lesende, stellen Sie sich vor, diese beiden Anlässe wären nur für Frauen offen gewesen. Ich erlaube mir zu mutmassen: Die Wahrscheinlichkeit, dass diese beiden Zwischenrufe passiert wären, sänke. Das gibt mir zu denken. Seit Jahren, aber auch in den letzten Monaten.

Anna Rosenwasser, 1990, wohnt in Zürich und ist freischaffende Journalistin. (Bild: pd)

Ich konzipiere seit Kurzem ein monatliches Bühnenprogramm, eine Art Talkshow, in der es vorwiegend um Gefühle geht. Die Gäste auf der Bühne, aber auch das Publikum, das sich einbringt, machen sich verletzlich. Was mache ich, wenn ein Schwengel-Typ oder ein Woohoo-Typ im Publikum sitzen?

Für die erste Show war für mich klar: FINTA only. Also etwas unscharf gesagt: keine cis Männer. Ein Raum würde für FINTA – also für Frauen, inter, nonbinäre, trans und agender Personen – safer, wenn cis Männer gar nicht erst da seien, argumentierte ich.

Ich vermute, grob stimmt das schon. Aber halt nicht für alle. So mega safe fühlen sich meine trans-männlichen Freunde nämlich nicht an einem Anlass, an dem Leute, die als Männer gelesen werden, skeptisch beäugt werden.

Wie transfreundlich so ein Ort im Allgemeinen ist, ist mit einer FINTA-only-Regel ja auch nicht geregelt. So manche trans Frau macht an so manchem Lesbentreff keine positiven Erfahrungen. Cool, dass ich persönlich mich an Anlässen mit deutlicher Frauen-Mehrheit sicherer fühle; aber ich hab ja auch ein Täschli voll Privilegien. Bei mir reicht eine veränderte Geschlechterverteilung oft, um mir ein Gefühl der Sicherheit zu geben.

Und überhaupt: Was für ein unvollständiges Verständnis von Sicherheit! Genau so, wie mir der riesige, unkaputtbare Securitytyp vor dem Schwulenclub kein Gefühl der Sicherheit gibt, tun es auch riesige, unkaputtbare Regeln nicht, solange sie nicht ergänzt werden.

Ich glaube: Sicherheit ist etwas Weiches, Fluides, schwer Greifbares. Es ist ein Gefühl in dem Moment, in dem du einen Raum betrittst. Oder die Art, wie eine Moderation Unterbrechungen handhabt. Sicherheit ist, welche Überlegungen vor, während und nach einem Anlass passieren und in welchen Handlungen sie sich zeigen. Das klingt schrecklich anstrengend, und ich glaube, das liegt daran, dass es das ist: Einen Raum sicherer zu machen, ist eine Herausforderung.

Übrigens kam ich dann trotz Zwischenruf dazu, dem Publikum zu erzählen, in welchen Körper ich für 48 Stunden schlüpfen würde: in einen mit mega vielen Körperhaaren. Dann würde ich mich zwei Tage am Stück einfach selber streicheln.

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